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Dorf und Familie

Bauer Willi sagt Verbrauchern die Meinung

hek
am
30.01.2015

"Heute habe ich dermaßen die Schnauze voll". Mit diesen Worten beginnt "Bauer Willi aus dem Rheinland" seinen offenen Brief an den Verbaucher. Direkt, humorvoll und informativ lässt der Landwirt darin Dampf ab.

Auf der Seite fragdenlandwirt.de erregt aktuell eine Artikelserie von "Bauer Willi aus dem Rheinland" großes Aufsehen, auch über die Branche hinaus. In dem offenen Brief"Lieber Verbraucher" am 19. Januar lässt der Landwirt, der anonym bleiben möchte, tief in sein Seelenleben blicken und seinen Unmut über die teils widersprechenden Ansprüche des Verbrauchers freien Lauf. Die Ansprache in dem Schreiben ist dabei direkt aber nie beleidigend. Nach einer ersten Welle an, hauptsächlich positiven, Reaktionen aus dem Netz, gab es am 22. Januar dann einen zweiten Brief mit dem Titel "Entschuldigung lieber Verbraucher". Beide Beiträge sind mittlerweile sowohl auf den Seiten der Huffington Post als auch beim Stern zu finden. Für heute nachmittag hat der Schreiber, der aus persönlihcen Grünen zunächst anonym bleiben möchte, einen dritten Artikel zu dem Thema angekündigt.
Die Seitenbetreiber von fragdenlandwirt.de diskutierten vor der Veröffentlichung des ersten Artikels, ob darin der richtige Ton getroffen werde, da das primäre Ansinnen der Dialog mit den Verbrauchern sei. "Wenn wir uns nach den Landwirten gerichtet hätten, wäre der Artikel niemals erschienen. Dann hätten wir auch nicht die Diskussion in den Medien bekommen, wie man mit der Landwirtschaft so umgeht. Und eigentlich wollen wir das ja", sagt Netzlandwirt Alois Wohlfahrt auf Nachfrage von agrarheute.com. Laut Wohlfahrt ging der Text "Lieber Verbraucher" am letzten Wochenende bei den Klickzahlen "durch die Decke". An einem Tag gab es allein 48.000 Zugriffe auf den Artikel, der Server musste zweimal vom Netz genommen werden. Aktuell wurde der Beitrag 148.727 mal aufgerufen, 315 durchweg positive Kommentare sind darunter zu lesen.

Hohes Anspruchsdenken der Verbraucher

Auszüge aus dem Brief "Lieber Verbraucher" von "Bauer Willi aus dem Rheinland":
  • Billig: "Du, lieber Verbraucher, willst doch nur noch eines: billig. Und dann auch noch Ansprüche stellen! Deine Lebensmittel soll genfrei, glutenfrei, lactosefrei, cholesterinfrei, kalorienarm (oder doch besser kalorienfrei?) sein, möglichst nicht gedüngt und wenn, dann organisch. Aber stinken soll es auch nicht, und wenn organisch gedüngt wird, jedenfalls nicht bei dir."

  • Null Ahnung: " Ist dir eigentlich bewusst, dass wir Landwirte von unserer Hände Arbeit leben müssen? [...] Klar kann ich auf Bio umstellen, aber da bekomme ich genau das an Mehrerlös, was ich an Minderertrag habe. Und von einem "guten Gefühl" allein kann ich nicht leben."

  • Regional: "Du sagst, du würdest regional einkaufen? Stimmt doch nicht! Wer kauft denn jetzt, im Januar (!) die Weintrauben aus Chile, den Spargel aus Südafrika, die Mangos aus Brasilien und Äpfel aus China? Du doch! Sonst würden die beim REWE das längst nicht mehr anbieten. Aber unsere Möhren bleiben liegen. Schon mal was von Wirsing gehört, oder Weißkohl?"

Gründe für den offenen Brief

  • Gefühl: "Warum ich das schreibe? Um dir mal ein Gefühl für meine Situation zu vermitteln. Gefühle sind etwas irreales, da gibt es kein richtig oder falsch. Die hat man einfach. Aber das mir manchmal die Lust an meinen Beruf vergeht, kannst Du jetzt vielleicht etwas nachvollziehen. Ich weiß auch, dass wir Landwirte keine Heiligen sind, dass es da auch schwarze Schafe gibt. Aber auch nicht alle Ärzte sind Pfuscher, nicht alle Handwerker Gauner, nicht alle Politiker korrupt und nicht alle Polizisten Schläger. Wir Landwirte wirtschaften aus eigenem Interesse nachhaltig."
  • Statthalter: "Ich sehe mich als Statthalter, als Verwalter unseres Hofes, den ich von meinem Vater bekommen habe, um ihn an unseren Sohn zu übergeben. Deshalb unternehme ich alles, um ihn - die Gebäude, die Äcker, den Boden - für die nächsten Generationen zu erhalten. Ja, wir sind Unternehmer. Aber wir sind keine Heuschrecken, wir können (und wollen) nicht weiterziehen, wenn alles abgegrast ist."

Zweiter Brief 'Entschuldigung lieber Verbraucher'

In seinem zweiten Brief"Entschuldigung lieber Verbraucher" relativiert "Bauer Willi" seine Aussagen etwas und schreibt: "Da bin ich mit meinem Brief "Lieber Verbraucher" vielleicht doch etwas über das Ziel hinausgeschossen. Aber es gibt Tage, da bekommt man nur schlechte Nachrichten und gestern war so einer. Mein Frust über die niedrigen Erlöse und die steigenden haben mein Nervenkostüm halt arg strapaziert."

Auszüge aus dem zweiten Brief "Entschuldigung lieber Verbraucher":
  • "Und irgendwo bin ich ja auch Verbraucher. [...] Ich will ja auch billig. Obwohl ich genau weiß, dass die nicht viel taugt. Aber das scheint so ein Reflex zu sein."

  • "Zum Schluss noch einmal mein Wunsch: Kauft unsere Produkte. Kauft sie frisch und werft nicht so viel weg. Unsere Produkte sind gut, werden aufwendig kontrolliert und wurden mit Vernunft, ja mit Liebe produziert. Sie sind ihr Geld wert."

Den zweiten Brief "Entschuldigung lieber Verbaucher" finden Sie hier. 

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