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Kommentar

Bauernproteste und „Letzte Generation“: Messen wir mit zweierlei Maß?

Combo-Strassenblockaden
am Sonntag, 03.07.2022 - 05:00

Demonstrationen und Blockaden beeinflussen inzwischen immer öfter unseren Alltag. Die einen ärgern uns, den anderen dagegen stimmen wir zu. Aber ist das akzeptabel oder messen wir mit zweierlei Maß? Ein sehr persönlicher Kommentar.

In Berlin kleben sie heute wieder auf der Straße: Demonstranten der „letzten Generation“, die mit ihren Aktionen auf die Bedrohungen durch den Klimawandel aufmerksam machen wollen. Mit Leim befestigen sie sich auf den Fahrbahnen und blockieren so den Verkehr oft stundenlang.

Mich machen diese Menschen wütend, das gebe ich zu. Ihre Sturheit, ihre Unverfrorenheit, ihre Selbstgerechtigkeit. Und ihre Bereitschaft, sogar die Behinderung von Rettungseinsätzen für die „richtige Sache“ in Kauf zu nehmen.

Der bessere Stau hinter einer Traktordemo?

Den meisten Landwirten – das sehe ich in meiner Social-Media-Bubble – geht es genauso. Sie lehnen diese Aktionen strikt ab, nicht selten verbunden mit wüsten Verwünschungen bis hin zur Bedrohung. Aber messen wir nicht mit zweierlei Maß?

Ich selbst ertappe mich immer wieder dabei, Straßenblockaden durch Traktorendemos mit Genugtuung zu betrachten. Sollen die Leute doch im Stau stehen! Dann haben sie wenigstens Zeit, über ihr Verhältnis zu Landwirtschaft und Nahrungsmittelerzeugung nachzudenken.

Verständnis, bis etwas passiert

Genauso aber denken die Straßenblockierer der „Letzten Generation“ auch. Nur dass ihre Aktionen nicht auf die Folgen einer verfehlten Agrarpolitik abzielen, sondern auf Klimaschutzmaßnahmen und die Wirkung des Individualverkehrs. das macht mich nachdenklich.

Denn ich gebe zu: Wahrscheinlich stünde ich deutlich gelassener in einem Stau hinter Traktoren als in einem hinter festgeklebten Umweltrettern. Doch das liegt an meinem Beruf, meiner sozialen Blase – kurz: an meinen eigenen Prioritäten. Und es würde wahrscheinlich sehr schnell anders aussehen, säße ich selbst oder einer meiner Lieben in einem Rettungswagen, der in einem Bauernproteststau festsitzt.

Unterschied zwischen Demo und Gewalt

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einer (angemeldeten) Traktorendemo, die sich durch die Innenstadt bewegt und umfahren werden kann, und der Totalblockade eines Autobahnabschnitts durch Sitzproteste.

Aber was da jetzt beispielsweise in den Niederlanden passiert, unterscheidet sich in seiner Aggressivität und Grenzüberschreitung kaum noch von den Aktionen der „Letzten Generation“ oder der „Extinction Rebellion“. Und es hat denselben Effekt: Verwirrung, Ablehnung und Entfremdung in der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung.

Zustimmung aus der Social-Media-Blase

Trotzdem bejubeln viele Landwirte hierzulande die niederländischen Kollegen. Und überziehen die Polizei, die die aus dem Ruder gelaufenen Übergriffe zu verhindern versucht, mit Hass.

„Richtig so!“, „Super! Anders wird man nicht gehört!“, „Ich habe leider keine Gülle und keinen Trecker, aber ich wäre dabei!“ konnte man auf Twitter und Facebook lesen, als die niederländischen Bauern eine Sperre durchbrachen und vor dem Privathaus ihrer Umweltministerin Christianne van der Wal ein Güllefass entleerten.

„Kollateralschäden“ sind keine Option

Auch der Einsatz von Räumschildern gegen Polizisten und das zerstörte Polizeifahrzeug wurden gefeiert: „Aus dem Weg gehen, dann passiert sowas nicht.“ Und „Einfach rein und glücklich sein.“

Spätestens hier bin ich, trotz aller subjektiven Befangenheit, raus, tut mir leid. Ich selbst werde es ganz sicher auch nicht mehr zum objektiven Vorzeigemenschen bringen, dafür bin ich viel zu emotional und kann verärgerte und enttäuschte Landwirte zu gut verstehen. Aber wer Gewalt als ein probates Mittel gegen schlechte Gesetzgebung gutheißt, wem „Kollateralschäden“ nichts mehr ausmachen, hat meine Zustimmung verloren. Und die vieler anderer Menschen – auch aus der Landwirtschaft – ebenfalls, fürchte ich.

Gegenstimmen finden (noch) wenig Anklang

Denn es gibt längst auch Stimmen aus der Branche, die den kritiklosen Jubel für Gewaltproteste hinterfragen. „Ich kann die Wut verstehen, aber ich würde wohl nicht so agieren“, formuliert einer vorsichtig. Und ein anderer fragt, ob diese Mittel da hinter der niederländischen Grenze wirklich angemessen seien. Viel Zustimmung bekommen sie in der Agrarbubble (noch) nicht – zumindest nicht öffentlich und für alle lesbar. Aber die Branche wird nachdenklicher.

Andere ziehen inzwischen auch den Vergleich zu den Straßenblockierern. Fragen, ob man die einen in Bausch und Bogen verdammen, die anderen aber bejubeln sollte, wenn sich die Mittel der Provokation immer mehr ähneln.

Damit Bauernproteste weiter eine Chance haben

Proteste von Landwirten sind und bleiben wichtig. Anders wird es immer schwerer, in der grün geprägten deutschen und europäischen Agrarpolitik Gehör zu finden. Aber Bauern, die sich als rücksichtslose, provozierende Gruppe ins gesellschaftliche Gedächtnis einprägen, gewinnen kein Verständnis.

Auch wenn das Sprichwort es behauptet: Der Zweck heiligt nicht alle Mittel. Aber die Mittel bestimmen zum großen Teil darüber, ob man den Protestierenden zuhört oder ob man sie in eine Ecke mit Randalierern und Radikalen verfrachtet. Die „letzte Generation“ führt das gerade eindrucksvoll vor. Wer sich darüber freut, dass die Aktionen der Umweltgruppierung immer weniger Rückhalt in der Bevölkerung finden, sollte sich auch um die Folgen aggressiver Bauernproteste sorgen.

Nachtrag: Der Stein des Anstoßes

Als dieser Beitrag bereits fertig geschrieben war, erschien in den Sozialen Medien ein Video, in dem die Vorsitzende des European Milk Board (EMB), Sieta van Keimpema, berichtet, was Auslöser für die teils ausufernden Proteste war: ein Brief der niederländischen Ministerin für Natur und Stickstoffpolitik, Christianne van der Wal, in dem auf einer beigefügten Karte dargelegt wird, in welchen Regionen die Stickstoffemissionen um bis zu 95 Prozent gesenkt werden müssen (siehe Video unten).

Für viele Betriebe in den betreffenden Gebieten bedeutet das wohl das Ende. Wer nicht freiwillig an den Staat verkaufe und ein anschließendes lebenslanges Berufsverbot als Landwirt hinnehme, heißt es in dem Video, dem drohe die Zwangsenteignung.

Diese Entwicklung macht die Wut der Niederländer mehr als verständlich. Aber es ändert in meinen Augen nichts daran, dass Gewalt gegen Polizisten oder Politikerfamilien jenseits einer Grenze liegen, die nicht überschritten werden darf. Aggression und Gewaltandrohung werden nicht für ein Einlenken der Politik sorgen, weder hier noch anderswo. Sie verspielen aber das so dringend benötigte Verständnis im Rest der Gesellschaft.

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