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Meinung

Biolandwirtschaft: beste Lösung oder doch nur Nische?

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am Donnerstag, 19.01.2023 - 05:00 (6 Kommentare)

Sie gilt vielen Menschen als Problemlöser: biologische Landwirtschaft. Doch nicht alles ist Gold, was so grün daherkommt. Es lohnt sich, Stärken und Schwächen der Biolandwirtschaft genauer anzusehen.

Keine Frage: Es stand schon mal besser um den Planeten. Die Probleme in Sachen Biodiversität, Klimakrise, Ernährungssicherheit etc. sind erdrückend. Das Artensterben geht ungebremst voran, die 1,5-Grad-Marke könnte bereits dieses Jahr gerissen werden und immer noch haben fast 800 Millionen Menschen nicht genug zu essen.

Die Menschheit muss es schaffen, diese Probleme irgendwie in den Griff zu bekommen. Geht es nach den Verfechtern einer biologischen Landwirtschaft, hat sie das Zeug dazu. Die Bundesregierung hätte gern einen Anteil von 30 Prozent Bio bis 2030. Aber ist Biolandwirtschaft der große Problemlöser? Kann sie das alles leisten? Es lohnt sich, die Möglichkeiten der Biolandwirtschaft genauer anzusehen.

Bio auf 10 Prozent, 30 sollen es werden

Dabei muss man im Hinterkopf haben, dass Vorteile an einer Stelle zu Nachteilen an anderer Stelle führen können. Mehr Artenschutz, weniger Pflanzenschutz, mehr Klimaschutz und gute Erträge kommen sich mitunter in die Quere.

Biolandwirtschaft wirbt damit, ganzheitlicher als konventionelle Landwirtschaft zu arbeiten. Ackerbau geht mit Tierhaltung dabei häufig Hand in Hand, Kreisläufe sind idealerweise geschlossen. Auf Antibiotika, chemischen Pflanzenschutz und Dünger verzichten Bio-Bauern. Sie versuchen, natürliche Prozesse in der Kultur zu imitieren und zu verbessern. Wer sich an alle Vorgaben hält, bekommt ein Bio-Siegel. Ende des Jahres 2021 haben in Deutschland rund 36.000 landwirtschaftliche Betriebe auf 1.601.316 Hektar Fläche ökologisch gearbeitet, das heißt, Bio herrscht auf 10 Prozent aller Äcker, Wiesen und Weiden.

Erträge bleiben zurück - zusätzliches Ackerland notwendig

Angestrebt sind in Deutschland bis 2030 bekanntlich 30 Prozent. Wie das Ziel mit der Praxis zusammengeht, ist noch nicht klar. Je nach Studie und Kultur liegen die Erträge zwischen wenigen Prozentpunkten und der Hälfte unter den Erträgen konventioneller Kollegen. Im Obstbau macht das etwa zwischen 3 und 11 Prozent aus, der Bio-Raps bleibt bei 55 Prozent des konventionellen Ertrags, der Bio-Weizen sogar nur bei 43 Prozent. Das bedeutet im Umkehrschluss, es bräuchte viel mehr Flächen, um ähnliche Mengen wie konventionelle Landwirte zu erzeugen. Der Schweizer Agrarwissenschaftler geht davon aus, dass die Ackerflächen um 37 Prozent vergrößert werden müssten, um die Weltbevölkerung 2050 zu ernähren.

Biodiversität bei Bio höher, aber mehr Fläche nötig

Damit einhergehen Fragen um den ökologischen Wert des biologischen Landbaus. Betrachtet man die Biodiversität im Erdreich und in den Kulturen, ist die Biolandwirtschaft der konventionellen klar überlegen. Die mittlere Artenzahl bei Ackerwildkräutern ist laut einer Studie des Leibniz Zentrums für Agrarlandschaftsforschung unter ökologischer Bewirtschaftung um 95 Prozent höher als unter konventioneller Bewirtschaftung. Auch das Bodenleben ist vielfältiger und die Menge an Laufkäfern oder Spinnen ungleich höher.

Doch der niedrigere Ertrag hat seinen Preis, denn der erfordert größere Flächen, die anderen Lebensräumen dann nicht mehr zur Verfügung stehen. Göttinger Forscher sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Feldgröße entscheidender sei als die Tatsache, ob ein Betrieb ökologisch arbeite. Das bedeutet, es ist egal, ob bio oder konventionell; die Monokultur muss nur klein genug sein.

Bio schützt das Klima - konventionell aber auch

Ähnlich verhält es sich mit dem Klimaschutz. Zwar ist der Biolandbau in der Lage mehr CO2 im Boden zu speichern, weil zum Beispiel Humusaufbau eine der zentralen Aufgaben ist. Zudem brauchen Biolandwirte keine Chemie und können sich damit eingesparte Emissionen in der Herstellung und dem Transport zu Gute halten.

Aber auch hier gefährdet der Flächenbedarf die Bilanz. Rechnet man die Wirkung nicht in Hektar Land sondern in Kilogramm erzeugten Produktes, ist bio nicht wesentlich besser als konventionell. Mitunter sogar schlechter.

Der Bio-Apfel erzeugt beispielsweise 0,3 Kilogramm CO2-Äquivalente, der konventionelle Apfel 0,4. Die Bio-Milch hat einen CO2-Fußabdruck von 1,7 Kilogramm CO2-Äquivalenten, die konventionelle 1,4.

Peter Laufmann meint: Bio ist eine von vielen Arten Landwirtschaft zu betreiben

Was bleibt? Unterm Strich liefert Bio-Landwirtschaft in vielen Bereichen richtige Antworten. Aber damit wird die konventionelle nicht zwangsläufig zur ökologischen Katastrophe. Humusaufbau, Klimaschutz und Biodiversität können auch konventionelle Landwirte liefern. Und das bei höheren Erträgen.

Ich persönlich halte das Hochhalten einer Biolandwirtschaft als allein seligmachende Spielart des Landbaus für schwierig. Wenn wir unsere Umweltprobleme einfach in die Landwirtschaft anderer Länder exportieren, ist nichts gewonnen. Auch dem Verbraucher zu suggerieren, dass nur Bio gut ist, ist nicht fair gegenüber allen Betrieben, die ebenso verantwortungsvoll mit den Ressourcen arbeiten.

Klar, auf dem Papier kann Bio alle Menschen versorgen. Wenn alles gut läuft, viele Menschen auf Fleisch verzichten, bereit sind, höhere Preise zu bezahlen, weniger Lebensmittel verschwenden. Vielleicht ist es zielführender, sich nicht auf Bio zu konzentrieren und stattdessen die konventionelle Landwirtschaft weiter in Richtung ökologisch zu entwickeln. Die Ansätze sind ja da, Stichwort regenerative Landwirtschaft. Und Biolandwirte sind ja nicht bessere Landwirte oder gar bessere Menschen.

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