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Politik national

Bioökonomie-Strategie: Weg vom Öl, hin zur Natur

von , am
18.07.2013

Das Bundeskabinett hat am 17. Juli 2013 eine Strategie beschlossen, um die biobasierte Wirtschaft in Deutschland zu stärken und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu vermindern.

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (r.) und die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Johanna Wanka (l.) stellen die Politikstrategie Bioökonomie in Berlin vor. © BMELV
Die Bioökonomie orientiert sich an natürlichen Stoffkreisläufen und umfasst Pflanzen, Tiere und auch Mikroorganismen. "Mit Hilfe von Spitzentechnologie ist es in diesem Bereich möglich, vielfältige Produkte herzustellen, die nicht nur ohne Erdöl auskommen, sondern sogar oftmals bessere Produkteigenschaften haben", betonte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner bei der Vorstellung der "Politikstrategie Bioökonomie" am 17. Juli in Berlin. "Wir müssen wegkommen vom Öl und lernen, stärker zu nutzen, was die Natur uns bietet", sagte Aigner.
 
 
Auch zur Entschärfung von Nutzungskonkurrenzen, etwa zwischen der Erzeugung von Nahrungsmitteln und nachwachsenden Rohstoffen leistet die Bioökonomie-Strategie einen Beitrag. Aigner betonte: "Entscheidend ist, dass es gelingt, den Strukturwandel weg von fossilen Rohstoffen hin zu mehr nachwachsenden Ressourcen in Einklang zu bringen mit der Sicherung der Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung, dem Klimaschutz und der Erhaltung der Artenvielfalt. Die Ernährung und die Produktion von Lebensmitteln muss immer Vorrang haben - dieser Grundsatz gilt."

Projektvorschläge sind gefragt

Auf Empfehlung des Bioökonomierats startet das Bundesministerium für Bildung und Forschung als Maßnahme der Politikstrategie Bioökonomie eine neue Forschungsinitiative zur nachhaltigen Nutzung von landwirtschaftlichen Böden. Für die Förderinitiative "Boden als nachhaltige Ressource für die Bioökonomie - BonaRes" können bis zum 31. Januar 2014 Projektvorschläge eingereicht werden.

Unternehmen setzen auf nachwachsende Ressourcen

Immer mehr Unternehmen setzen bei der Herstellung ihrer Produkte bereits heute auf einen Rohstoffmix aus verschiedensten nachhaltig erzeugten nachwachsenden Ressourcen und haben mit Hilfe der Wissenschaft bereits zahlreiche neue Produkte entwickelt. So gibt es im Handel mittlerweile Trinkwasserflaschen aus pflanzlichen Rohstoffen. Aus Rizinusöl werden Kunststoffe für Dübel hergestellt, ein Automobilhersteller fertigt aus diesem Rohstoff Motorabdeckungen an, um nur einige Beispiele zu nennen. Mit 17 strategischen Ansätzen in acht Handlungsfeldern deckt die Strategie der Bundesregierung alle Politikfelder ab, die für eine nachhaltige und international wettbewerbsfähige Bioökonomie relevant sind: Die Industrie- und Energiepolitik sowie die Agrarpolitik sind daran ebenso beteiligt wie die Klima- und Umweltpolitik sowie die Forschungs- und Entwicklungspolitik.

Welche Geschäftschancen hat Bioökonomie?

Im Prinzip könnten "biobasierte" Grundstoffe einmal alle jetzigen Kunststoffe ersetzen, erwartet das Agrarministerium. Massenproduktion dürfte sie "kostengünstiger und damit gegenüber der Petrochemie wettbewerbsfähiger machen". Besser werden müssten dafür aber auch die Investitionsbedingungen, fordert der Verband der Chemischen Industrie - zum Beispiel zügigere Genehmigungsverfahren für Biotech-Produkte in Europa und ein schnellerer Marktzugang. Die EU-Kommission taxiert die Bioökonomie-Branche bereits jetzt auf einen Jahresumsatz von zwei Billionen Euro und mehr als 22 Millionen Beschäftigte. Industrie erwartet, dass Deutschland und Europa einen wachsenden Bedarf an Bio-Rohstoffen im Wesentlichen über Importe vom Weltmarkt abdecken müssten.

Welche Bedenken gibt es?

Kritiker warnen allerdings auch vor negativen Effekten. "Bei dem Begriff 'nachwachsende Rohstoffe' schwingt die Illusion mit, hier handele es sich um unbegrenzt vorhandene Ressourcen", moniert der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Weil Industriepflanzen nicht in Konkurrenz zur Nahrungsproduktion auf den Feldern treten sollten, könnten eben nicht beliebige Mengen erzeugt werden. Vorrangig komme es auf mehr langlebige Produkte an, zumal die Abbaubarkeit von Bio- Kunststoffen teils umstritten sei. Trotz einer wachsenden Bedeutung von Industriepflanzen will auch Aigner an einer Priorität nicht rütteln: "Die Produktion von Lebensmitteln muss immer Vorrang haben."
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