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Politik national

Bundesregierung wägt in Sachen Glyphosat ab

von , am
18.10.2011

Berlin - Die Bundesregierung sieht durch das Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat keine Gefahren für Missbildungen beim Menschen, hat aber nachteilige Auswirkungen auf die Bodengesundheit im Blick.

Für eine Vorauflaufbehandlung stehen zum Beispiel Barclay Gallup HI-Aktiv, Roundup UltraMax und Glyfos bis maximal fünf Tage nach der Saat zu Verfügung. © Mühlhausen/landpixel
Die Bundesregierung sieht durch das Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat keine Gefahren für Missbildungen beim Menschen, hat aber mögliche nachteilige Auswirkungen auf die Bodengesundheit im Blick.
 
Unter Berücksichtigung aller vorliegenden Daten sei anzunehmen, dass der Wirkstoff Glyphosat keine für den Menschen relevanten entwicklungsschädigenden Eigenschaften besitze, heißt es in der Antwort der Regierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Dabei beruft sich die Regierung auf EU-Bewertungsverfahren und Erkenntnisse aus den USA sowie auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Problematische Beistoffe

Im Rahmen des geplanten erneuten EU-Bewertungsverfahrens für Pflanzenschutzmittelwirkstoffe würden alle verfügbaren toxikologischen Studien berücksichtigt. Die Regierung unterscheidet indes zwischen dem Wirkstoff selbst und den sogenannten Beistoffen. Während der Wirkstoff Glyphosat nach allen vorliegenden Daten nicht als mutagen anzusehen sei, seien für einige glyphosathaltige Formulierungen in verschiedenen In-vitro-Testsystemen DNA-Schädigungen, vermutlich aufgrund einer zytotoxischen Wirkung der verwendeten Beistoffe, nachgewiesen worden. "Diese Studien zeigen, dass Beistoffe in den geprüften glyphosathaltigen Formulierungen bestimmte toxische Wirkungen auslösen können, die der Wirkstoff selbst nicht hervorgerufen hat", heißt es in der Antwort der Bundesregierung.

Absatzmenge auf 5.000 Tonnen pro Jahr beziffert

Der Glyphosatabsatz ist langfristig gesehen stark gestiegen. Laut Angaben der Bundesregierung hatte er 1993 einen Anteil von 8 Prozent an der gesamten Herbizidmenge. Im vergangenen Jahr waren es 30 Prozent. Die Absatzmenge verfünffachte sich im gleichen Zeitraum auf 5.000 Tonnen Glyphosat im Jahr 2010. Für die intensive Nutzung von glyphosathaltigen Herbiziden macht die Regierung sowohl langfristige Faktoren wie den starken Anstieg der Mais- und Rapsflächen wie auch bestimmte kurzfristige Trends, so das Beackern ehemaliger Stilllegungsflächen, verantwortlich. Als weiterer Faktor wird ein Trend zu pflugloser Bodenbearbeitung gesehen. Gleichzeitig neigen sich die Zulassungen für den Breitband-Unkrautbekämpfer dem Ende zu. In der Europäischen Union sind die Anbieter von Pflanzenschutzmitteln mit dem Wirkstoff Glyphosat gefordert, bis 31. Mai 2012 die erneute Zulassung ihrer Unkrautvertilger einzuleiten. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen Unterlagen bei den deutschen Behörden nämlich eingereicht werden, auch wenn die Wirkstoffzulassung laut einer EU-Richtlinie bis Ende 2015 gilt. Deutschland kommt eine Schlüsselrolle zu, denn es hat die Federführung in dem Fall.

Negative Auswirkungen

Mit Blick auf Wurzelgesundheit und Anfälligkeit von Nutzpflanzen gegenüber Krankheiten gibt die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage zu bedenken, neuere Forschungsergebnisse wiesen auf negative Auswirkungen von Glyphosatanwendungen hin. So werde über die Schädigung von Zitrusbäumen, vermehrtes Aufkommen von Schadpilzen, Schadeinwirkungen auf das Wurzelsystem und höheren Düngereinsatz zum Beispiel durch die Bindung von Mangan beim Einsatz von Glyphosat berichtet. Mycorrhizapilze im Boden könnten durch Glyphosat beeinflusst werden. Allerdings seien die Ergebnisse in der Literatur teilweise widersprüchlich. Glyphosat könne die Ansammlung von Knöllchenbakterien behindern. Das Wurzelsystem könne dadurch insgesamt negativ beeinflusst werden. "Insgesamt unterstreichen die neueren Forschungsergebnisse, dass unter bestimmten Randbedingungen negative Auswirkungen durch Glyphosatanwendung auftreten können. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund der Zunahme von Glyphosatanwendungen zu berücksichtigen", schreibt die Regierung.

Kein Anlass für neue Grenzwerte

Bezüglich des Gewässerschutzes weist die Regierung darauf hin, dass aufgrund neuer Erkenntnisse zum Verhalten von Glyphosat bei der Uferfiltration aus Oberflächengewässern ins Grundwasser seit 2009 zusätzliche Anwendungsbestimmungen gelten. Da sich die zum Teil seit vielen Jahren festgesetzten Rückstandshöchstgehalte für den Wirkstoff Glyphosat bislang aus Sicht der zuständigen Bewertungsbehörden als sicher erwiesen hätten und sich keine neue Datenlage ergeben habe, bestehe derzeit kein Anlass, die bestehenden Werte zu ändern. Seit 2003 wurden den Angaben zufolge 1 230 Proben verschiedenster pflanzlicher Lebensmittel auf Glyphosat getestet. In 27 Proben wurden quantifizierbare Glyphosatgehalte gefunden, in keinem Fall der Grenzwert überschritten.

Grüne: Regierung ignoriert alarmierende Studienergebnisse

"Die Antwort auf unsere Kleine Anfrage zeigt einmal mehr, dass die Bundesregierung das Vorsorgeprinzip bei Glyphosat und Tallowaminen in eklatanter Weise vernachlässigt", kritisiert Harald Ebner, Sprecher für Agro-Gentechnik der Grünen, die Antwort der Bundesregierung. Sie weigere sich offensichtlich vorsätzlich, sich mit den alarmierenden Ergebnissen der vorliegenden Studien auseinanderzusetzen, die die Gefahren dieser Hauptinhaltsstoffe des weltweit am meisten eingesetzten Pestizids Roundup der Firma Monsanto belegen. Prof. Andrés Carrascos Experimente seien weder unrealistisch noch fachlich fragwürdig:
 
"Die dabei verwendeten Glyphosatkonzentrationen waren - anders als immer wieder behauptet - sehr gering. Morphologie und physiologische Prozesse sind bei frühen Entwicklungsstadien von Frosch und Mensch nahezu identisch, deshalb sind Froschembryonen ein etabliertes Tiermodell in der medizinischen Embryologie. ... Dass Glyphosat äußerst schädlich für Wasserlebewesen ist, ist ohnehin längst bekannt. Carrascos Studien auf diesen Aspekt zu reduzieren, ist falsch und gezielte Verharmlosung. In einer dänischen Studie von 2008 wurde nachgewiesen, dass Glyphosat - anders als in der Antwort auf unsere Kleine Anfrage behauptet wird - tatsächlich zu etwa 15 Prozent die menschliche Plazentaschranke überwindet und so direkt auf den Embryo wirken kann."
 
Die Bundesregierung bestätige, dass ihr keine Daten zu Glyphosatrückständen auf Importfuttermitteln vorliegen - und indirekt auch, dass sie keinerlei Interesse hat, an entsprechende Daten heranzukommen. Für die auch von der Regierung als toxikologisch kritisch bewerteten Tallowamine gebe es nicht einmal ein Nachweisverfahren. "Wir fordern eine sofortige Aussetzung der Zulassung aller Pestizide, die Glyphosat und Tallowamine enthalten und eine umfassende Neubewertung dieser Stoffe. Außerdem müssen wir eine Möglichkeit finden, stark mit Glyphosat belastete Importfuttermittel zu identifizieren und aus dem Verkehr zu ziehen. Da der Import größtenteils über den Hafen Rotterdam läuft, muss das auf EU-Ebene geschehen."
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