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Interview

"Du bist hier der Chef" vermarktet Milch nach Verbraucherwünschen

Paar kauft Milch
am Donnerstag, 23.04.2020 - 11:30 (Jetzt kommentieren)

Die Initiative "Du bist hier der Chef" hat deutsche Verbraucher per Umfrage Milch nach ihren Wünschen kreieren lassen. agrarheute hat den Initiator Nicolas Barthelmé gefragt, was dabei herausgekommen ist und wann es diese Milch zu kaufen gibt.

Nicolas Barthelmé

Vor einigen Monaten startete hier in Deutschland das Internetportal "Du bist hier der Chef" durch. Nach einem französischen Vorbild waren Verbraucher aufgerufen, darüber zu entscheiden, welche Kriterien ihnen beim Kauf von Milch wichtig sind und wieviel diese Milch ihnen am Ende wert ist. Die Ergebnisse dieser Umfrage liegen jetzt vor. Aus ihnen wird die erste "Verbrauchermilch" Deutschlands entwickelt.

Nicolas Barthelmé hat diese Idee nach Deutschland gebracht. Wir haben mit ihm über die Reaktion der Verbraucher gesprochen und gefragt, wie es nun weitergeht.

Herr Barthelmé, auf welche Kriterien legen Sie selbst wert, wenn Sie Milch einkaufen?

Bio und Weidehaltung sind für mich selbst aktuell die wichtigsten Einkaufskriterien bei Milch. Allerdings wünsche ich mir deutlich mehr Transparenz bei den Produkten, die ich im Regal vorfinde. Ich möchte wissen, wie die Tiere gehalten und gefüttert werden, und ob der Milcherzeuger von seiner Arbeit leben kann.

Bald gibt es auch Milch unter der Marke "Du bist hier der Chef" zu kaufen. Was unterscheidet diese Milch von anderen Handelsmarken?

Es ist die erste Milch, die von Verbrauchern kreiert, gewählt und gestaltet wurde. Dafür konnte auf unserer Webseite www.dubisthierderchef.de ein Online-Fragebogen beantwortet und so über Qualität, Herkunft, Tierwohl, Vergütung für die Landwirte, Verpackung etc. entschieden werden. Dabei konnte der Nutzer sehen, wie sich durch die gewählten Kriterien der Preis für das Produkt veränderte. Zum ersten Mal war es so möglich, einen gewissen Einblick in die Konsequenzen der einzelnen Entscheidungen zu bekommen.

Wie ist diese Idee entstanden?

Die Idee der Mitbestimmung bei Lebensmitteln kommt aus Frankreich. Das erste Produkt – auch eine Milch – entstand Ende 2016 während der Milch-Krise. Damals fragte sich eine Gruppe engagierter Verbraucher, wieviel Geld den aufgebrachten Milchbauern fehlte, um von ihrer Arbeit leben zu können: Es waren 8 Cent pro Liter abgelieferter Milch. Das schien machbar. So entstand der Impuls, als Verbraucher Verantwortung zu übernehmen.

Seitdem haben französische Verbraucher mehr als 35 Produkte gestaltet und gewählt, die unter der Verbrauchermarke "C’est qui le patron?!" (Wer ist der Chef?) in den Supermärkten verkauft werden. Mehr als 3.000 Landwirtsfamilien werden damit unterstützt, indem sie eine faire und gerechte Vergütung für ihre Erzeugnisse bekommen.

Lässt sich eine solche Idee vom "Genießervolk" der Franzosen auf die Deutschen übertragen, die bei den Lebensmittelausgaben doch eher knauserig sind?

Deutsche Verbraucher interessieren sich immer mehr für ihre Lebensmittel: Wo kommen sie her, wie wurden sie produziert, wie nachhaltig sind sie, kann der produzierende Landwirt davon leben? Für diese Informationen brauchen sie eine Transparenz, die in den gegenwärtigen Strukturen nicht immer vorliegt. Wenn die Käufer wissen, wie ein Preis entstanden ist und wo ihr Geld hinfließt, sind viele gar nicht so "knauserig", wie Sie meinen.

Gerade Corona hat uns doch gezeigt, dass die Geiz-ist-geil-Mentalität auch ihren Preis hat und überdacht werden sollte. Der Trend geht zurück zu Qualität und zu Produktion im eigenen Land, davon bin ich überzeugt. Diese Solidarität erleben wir gerade neu und geben damit unserem Konsumverhalten wieder viel mehr Sinn.

Wieviele Menschen hierzulande haben bei der Befragung mitgemacht?

9.308 Menschen haben mitgestimmt. Im Vergleich zu Frankreich, wo für den ersten Fragebogen etwa 6.800 Meinungen eingeholt werden konnten, ist das ein Rekord. Ich finde, auch das zeigt die Relevanz unseres Vorhabens in Deutschland und stimmt uns für die Markteinführung sehr optimistisch. Für mich zeichnet sich hier auch ab, dass die Deutschen vielleicht doch nicht nur auf der Suche nach dem günstigsten Preis sind, um nochmal auf Ihre Frage von eben zurückzukommen.

Was war den Teilnehmern am wichtigsten?

Tierwohl (unter anderem 94 Prozent für Weidehaltung, 86 Prozent für überwiegende Frischgras-Fütterung), die Förderung von Artenvielfalt und Biodiversität (86 Prozent für ökologische Landwirtschaft) und die faire Vergütung für die Landwirte (90 Prozent).

Und was wird die Milch am Ende kosten und vor allem: Wieviel davon landet sicher beim Erzeuger?

Die unverbindliche Preisempfehlung liegt bei 1,45 Euro pro Liter. Davon erhält der Landwirt garantiert 0,58 Euro: Dieser Betrag entspricht einer fairen Vergütung von 0,52 Euro pro Liter Bio-Milch sowie 0,06 Euro pro Liter für die Einhaltung weiterer gewählter Qualitätskriterien wie Weidehaltung, Frischgras, regional hergestellte Futtermittel und ausgezeichnetes Tierwohl.

Die Milch mit den bevorzugten Eigenschaften soll nun bald in den Handel kommen. Mit wem arbeiten Sie dafür zusammen?

Wir haben eine Gruppe von Landwirten, die bereits damit angefangen hat, die Kriterien umzusetzen, gewinnen können. Und eine erste Molkerei ist auch als Partner dabei. Sie wird die Verbraucher-Milch als Frischmilch produzieren und mit uns zusammen auf den Markt bringen. Mit weiteren Anbietern bereiten wir parallel die Einführung der H-Milch-Variante vor.

Wie ist Ihr Zeitplan? Wann wird man wo die erste „Du bist hier der Chef“-Milch kaufen können?

Die Listungsgespräche laufen. Das Interesse ist groß, denn mit uns zusammen kann der Handel ein Zeichen für mehr Wertschätzung von Landwirtschaft und Lebensmitteln, für mehr Transparenz, für mehr Qualität ohne Dumping setzen.

Und wie geht es dann weiter? Welche Produkte stehen als nächste auf Ihrer Liste?

Mit welchen Erzeugnissen wir weitermachen, entscheiden erneut die Verbraucherinnen und Verbraucher über unser Produkt-Voting. Aktuell liegen Eier, Kartoffeln und Butter so weit vorne, dass wir mit der Partner-Suche und der Entwicklung der Fragebögen angefangen haben.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften: Für welches Erzeugnis hätten Sie gern auch so eine Verbraucherabstimmung?

Ich fände eine Verbraucherabstimmung für Kleidung sehr spannend, damit Transparenz bei diesen langen und komplizierten Lieferketten geschaffen werden kann.

Aber erstmal konzentrieren wir uns auf in Deutschland produzierte Lebensmittel. Damit können wir schon sehr viel erreichen.

 

Das Gespräch führte agrarheute-Redakteurin Sabine Leopold.

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