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Fakenews und Verschwörungstheorien

Corona, Klima, Glyphosat: Wie verzerrte Fakten verbreitet werden

Demonstration gegen Glyphosat
am Freitag, 23.07.2021 - 05:00 (3 Kommentare)

Falsche Informationen und Verschwörungstheorien verbreiten sich im Netz wie ein Virus. Die Mechanismen dabei sind fast immer gleich. Auch bei Themen aus der Landwirtschaft, wie das Beispiel Glyphosat zeigt.

Wurden Sie heute schon "geplurvt"? Nein? Nun, dann wissen Sie vielleicht nur nichts davon. Denn genau darum geht es bei der Wissenschaftsleugnung dank PLURV: den Anderen nicht merken zu lassen, dass man ihn desinformiert und manipuliert.

PLURV – das bedeutet:

  • Pseudo-Experten
  • Logische Trugschlüsse
  • Unerfüllbare Erwartungen
  • Rosinenpickerei
  • Verschwörungsmythen

Mit diesen Methoden werden in unserer informationshungrigen Gesellschaft Fakenews verbreitet und Angst und Misstrauen gesät. Das gilt leider auch für den Bereich Landwirtschaft.

Zu wenig Zeit für eigene Recherchen

Heutzutage werden wir mit Informationen überschüttet. Wer einen Internetzugang hat, kann sich zu nahezu jedem Thema jede Meinung einholen. Das Problem dabei: Unsere Zeit ist begrenzt. Deshalb nehmen wir – vor allem bei Themen außerhalb unseres eigenen Fachbereichs – gern die leicht verdauliche Kurzfassung.

Dass wir dabei nicht immer in die Tiefe der Materie vordringen, nehmen wir in Kauf. Man kann nicht alles selbst überprüfen. Und genau hier greift der PLURV-Mechanismus.

Auch die Medien fallen immer öfter darauf herein

Denn während sich seriöse und gründliche Berichterstatter bemühen, komplexe Zusammenhänge objektiv zu recherchieren und dabei meist nicht auf bequeme Happen reduzieren können, suchen sich "Plurver" die passenden Bestandteile für ihre Theorie ganz gezielt zusammen bis es für eine drastische Parole passt.

Den Begriff FLICC (Fake Experts, Logical Fallacies, Impossible Expectations, Cherry-picking and Conspiracy Theories, ins Deutsche übersetzt: PLURV) kreierte der Australier John Cook 2013 im Zuge der Informationsflut zum Klimawandel.

Das Prinzip gibt es aber schon viel länger und auf vielen anderen Gebieten. Und es fallen bei weitem nicht nur eilige Internetnutzer auf diese Meldungen herein, sondern auch Journalisten, Politiker und andere Entscheidungsträger.

Landwirtschaftsthemen eignen sich gut für PLURV

Bei Landwirtschaftsthemen zum Beispiel. Glyphosat in der Luft, 25.000 Liter Wasserverbrauch für ein Kilo Rindfleisch (siehe unten), wolfshassende Schafhalter, die ihre Tiere bewusst nicht schützen … die Liste ist lang. Und in jedem Fall wurden und werden zurechtgestutzte Informationen so aufbebreitet, dass sie wie unwiderlegbare Wahrheiten daherkommen – oft mit bestürzendem Erfolg, denn für Agrar- und Ernährungsthemen interessieren sich viele Menschen und die Materie gilt als nicht allzu kompliziert, so dass fachferne "Experten" glaubhaft wirken.

Nehmen wir ein Beispiel. Beim Thema Glyphosat "weiß" nahezu Bundesbürger: Das Zeug ist hochgiftig, krebserregend und tötet Bienen. Zwar widerspricht das nahezu allem, was die Wissenschaft zum Thema geliefert hat und immer wieder liefert, aber gut geplurvt ist halb verboten. Im Einzelnen läuft das – mit geringen Abweichungen – ungefähr so:

Pseudo-Experten

Man suche sich für die zu verbreitende Botschaft eine Quelle mit seriösem Namen. Im Falle von Glyphosat-Horrormeldungen ist das gern das Umweltinstitut München. Der Name suggeriert: Hier veröffentlicht eine offizielle Institution ihre objektiven Untersuchungsergebnisse. In Wahrheit ist das Umweltinstitut eine spendengetragene NGO mit eindeutigen Zielen. Im Falle von Glyphosat (und anderen Pflanzenschutzmitteln) geht es um die Durchsetzung eines Komplettverbots. Untersucht wird zielgerichtet, veröffentlicht werden nur Berichte, die dieses Ziel unterstützen.

Dazu gehörten in der Vergangenheit Glyphosatfunde in Bier, Muttermilch, Atemluft und aktuell: Nudeln. Dass in jedem dieser Fälle die nachgewiesenen Spuren um ein Vielfaches unter den Grenzen einer möglichen Schadwirkung lagen und die nötigen Aufnahmemengen von Bier, Milch etc. für eine Gefährdung völlig lächerlich waren – geschenkt!

Obwohl dem Umweltinstitut die Panikmache in jedem einzelnen Fall nachgewiesen werden konnte, bleibt beim Verbraucher genug hängen, um Glyphosat untrennbar mit Gift und Gefahr zu verbinden. Ziel erreicht.

Logikfehler

Hier geht es vor allem um die fehlerhafte Verknüpfung von Daten und damit um falsche Ursache-Wirkung-Beziehungen. Bekannt ist das unter anderem von der Theorie, dass Impfungen Autismus hervorrufen. Tatsächlich werden seit den Fünfzigerjahren immer mehr Autismusfälle diagnostiziert – einfach, weil die Krankheit immer bekannter wird und auch leichte Fälle inzwischen erkannt und registriert werden. Dass ungefähr zur selben Zeit die Impfungen gegen Kinderkrankheiten zunahmen, ist Zufall, beides zusammen allerdings schlicht eine Folge des medizinischen Fortschritts.

Auf Glyphosat angewandt, heißt das: Weil seit Jahrzehnten die Zahl der Wildinsekten abnimmt, muss das etwas mit dem Totalherbizid, das seit 1974 auf dem Markt ist, zu tun haben. Schließlich vernichtet das Mittel mögliche Futterpflanzen und Hummel, Schmetterling und Biene verhungern. Dass ein Flächenumbruch dieselben Folgen hat und sich im selben Zeitraum zahlreiche andere Umweltfaktoren verändert haben, bleibt unbeachtet.

Unerfüllbare Erwartungen

Beim Aufbau einer Missinformation werden häufig Erwartungen geschürt, die unmöglich erfüllbar sind. So lässt sich "beweisen", dass die andere Seite unfähig oder unwillig ist, etwas zu verändern.

Auch beim Thema Glyphosat greifen Plurver auf diese Methode zurück. Neben der Garantie einer absoluten Ungefährlichkeit, die es selbst für Mineralwasser nicht gibt, wird hier vor allem eine Nullgrenze beim Nachweis von Rückständen in der Umwelt gefordert. Da man aber mit moderner Untersuchungstechnik inzwischen nahezu alles überall nachweisen kann, ist eine solche Nulltoleranz in der Praxis nicht umsetzbar. Deswegen hat der Gesetzgeber ja Schadschwellen festgelegt.

Rosinenpickerei

Gerade bei hoch brisanten Themen finden sich fast immer auch zahlreiche Studien und Expertenkommentare, und nicht selten kommen sie zu durchaus widersprüchlichen Ergebnissen. Wir sehen das beim Thema Corona fast jeden Tag. Da ist es leider leicht, sich die passenden Aussagen herauszupicken und andere zu ignorieren.

Studien und behördliche Einschätzungen zu Glyphosat gibt es ebenfalls in großer Menge. Fast alle (ECHA, EFSA, EPA) stufen das Herbizid als risikoarm und nicht krebsgefährlich ein (in größeren Mengen pur trinken sollte man es selbstredend trotzdem nicht, aber das gilt auch für Teppichreiniger, Spülmittel und Salzlake).

Trotzdem findet man regelmäßig nur isolierte Verweise auf die Klassifizierung der Internationalen Krebsforschungsagentur IARC, nach der Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" ist. Damit stellt die IARC das Mittel auf eine Stufe mit Nitrat, Nachtarbeit, dem Friseurberuf und der Glasherstellung, um nur einige zu nennen. Keiner käme wohl auf die Idee, das alles zu verbieten. Jedem ist hierbei klar: Es handelt sich nur um einen gewissen Risikoanstieg. Bei Glyphosat dagegen gilt die IARC-Einstufung als "Beweis" tödlicher Gefahr.

Verschwörungsmythen

Am Ende braucht jede PLURV-Aktion, die etwas auf sich hält, den Verweis auf einen "Strippenzieher im Hintergrund", der von den "zurückgehaltenen Informationen" profitiert und die Öffentlichkeit manipuliert. Im Falle von Corona und den zugehörigen Impfstoffen ist das gern mal Bill Gates oder irgendeine Regierung nebst Geheimdienst.

Beim Beispiel Glyphosat gibt es hingegen nur einen Verschwörer: Monsanto (oder inzwischen dank Übernahme: Bayer)! Ganze Tribunale haben Glyphosat- und Gentechnikgegner gegen den Konzern initiiert. Und bei jeder wissenschaftlichen oder behördlichen Veröffentlichung, die kein tödliches Risiko schlussfolgert, machen sie klar: Hier hat der Hersteller manipuliert und korrumpiert.

Auf diese Art und Weise ist jede Verschwörungstheorie zu untermauern: Wenn man fast nur Gegenteiliges zum Thema hört, ist das der "Beweis", dass gelogen und verschleiert wird.

Scheuklappen vermeiden

Aber Vorsicht vor zu viel Selbstgefälligkeit. Wir alle neigen dazu, uns die eigene Meinung lieber bestätigen als widerlegen zu lassen.

Auch im Fall von Glyphosat sollte man andere Aussagen registrieren: US-Gerichte und die zugehörigen Gutachter sehen es seit Jahren als erwiesen an, dass Glyphosat Krebs erregt und dass Monsanto/Bayer zu wenig vor der Gefahr einer Falschanwendung alarmiert hat. Und tatsächlich haben einige der entwarnenden Glyphosat-Studien mit Material gearbeitet, das vom Hersteller zur Verfügung gestellt bzw. (ko-)finanziert wurde. Nur wer auch solche Informationen einbezieht, kann sich seines eigenen Standpunkts zum Thema halbwegs sicher sein. Pure Bestätigung sollte einen stets misstrauisch machen. Sie kann ein Zeichen von massiven Scheuklappen sein, vor allem auf Sachgebieten, die dem eigenen weit entfernt sind.

Offen zu bleiben für neue Fakten hingegen ist die beste Versicherung, keinen Verschwörungstheorien aufzusitzen. Behalten Sie die PLURV-Mechanismen im Hinterkopf. Es lohnt sich, bei scheinbaren neuen Skandalen und Verschwörungen Punkt für Punkt abzuchecken, ob nicht eine bewusste Missinformation dahinter steckt.

Lassen Sie sich nicht plurven!

 

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