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Kommentar

Corona: Solidarität aus der Landwirtschaft

Lebensmittellieferung
am Montag, 16.03.2020 - 15:27 (Jetzt kommentieren)

Das Coronavirus versetzt die ganze Welt in Ausnahmezustand. Immer mehr Länder schotten sich ab. Wie reagieren deutsche Landwirte auf die gegenwärtige Situation? Ein Kommentar.

Das, was die Welt im Moment umtreibt, hat sich vor ein paar Wochen wohl noch niemand vorstellen können. Eine Krankheit versetzt uns in den Ausnahmezustand. Das Coronavirus sorgt – für die meisten von uns das erste Mal im Leben – dafür, dass wir uns Gedanken um unsere sichere Versorgung mit Lebensmitteln und Gebrauchsgütern machen müssen.

Jetzt ist das eingetreten, wovor viele Landwirte immer wieder gewarnt haben: Versteht unsere stets gefüllten Regale nicht als Selbstverständlichkeit!

Noch ist die Versorgung ungefährdet

Dabei wäre unsere Versorgung bislang nicht im Mindesten gefährdet, würde der Mensch nicht zum Hamstern neigen. Die leeren Supermarktregale haben noch nichts mit Nachschubproblemen zu tun.

Das allerdings könnte sich ändern – zunächst, weil die Lieferorganisationen an Personalmangel leiden, mittelfristig aber auch, weil es in der Landwirtschaft an eigenem Personal und an Erntehelfern mangelt. Die Spargel- und Erdbeerbauern schlagen bereits Alarm.

Nun sind weder Spargel noch Erdbeeren entscheidend für die Grundversorgung in unserem Land, aber für die betroffenen Betriebe wäre ein Ernteausfall existenzbedrohend. Und später im Jahr könnte es durchaus auch aus Ernährungssicht wichtigere Kulturen treffen, wenn sich die Situation bis dahin nicht bessert.

Hilfsbereitschaft sorgt für Sympathien

Trotz massiver eigener Sorgen zeigen sich Landwirte hierzulande sozial und hilfsbereit. Und das könnte in der öffentlichen Wahrnehmung mehr Sympathien schaffen als jede Traktordemo.

Die nordfriesischen Landwirte beispielsweise rufen für den 23. März zu einer Blutspendeaktion auf. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hatte zuvor auf den zunehmenden Mangel an Blutkonserven hingewiesen.

Und Land schafft Verbindung – Deutschland (LsVD) gab in einer Pressemitteilung bekannt, dass man sich, trotz unverändert schwieriger Lage, nun auf das konzentrieren wolle, was für Deutschland das Wichtigste ist: Die Absicherung der Lebensmittelversorgung in Krisenzeiten. Es werde absehbar keine weiteren Blockaden in Lebensmittellieferketten geben. „Wir Bauern wissen, dass die aktuelle Situation eine große Herausforderung für uns alle ist und weitere kritische Momente im nationalen und internationalen Bereich bereithalten wird“, heißt es von LsVD-Seite.

Keine zusätzlichen Ängste schüren!

Für bedenklich halte ich persönlich allerdings, in der gegenwärtigen Lage Ängste zu verstärken. Insoweit war es zwar richtig, dass Land schafft Verbindung – das Original (LsVO) vergangene Woche auf die Notwendigkeit einer krisensicheren Eigenversorgung hinwies und von der Bundesregierung forderte, bei diesem Thema endlich klar Position zu beziehen.

Unnötig (und sachlich falsch) war dagegen, zu behaupten, mit importierten Lebensmitteln wüchse auch die Gefahr der Einschleppung von Keimen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) kennt bislang keinen einzigen Fall, in dem das aktuelle Corona-Virus oder einer seiner Vorgänger auf diesem Wege übertragen wurde.

Medienwirksame Schnellschüsse helfen wenig

In eine ähnliche Kategorie fällt in meinen Augen auch der neue Aufruf „Grüne Hände“ von Bauer Willi. Auch er verweist richtigerweise auf die drohenden Arbeitskräfte- und damit Ernteengpässe.

Die Aussage jedoch „wer sicher sein will, dass er im Sommer und Herbst genügend frisches Gemüse, Kräuter und Salat für sich und seine Lieben hat, dem stellen wir Bauern gerne unsere Flächen zur Verfügung“ ist jedoch erstens Panikmache und zweitens ein Schnellschuss, der mit der Bauernschaft hätte abgesprochen werden müssen, bevor die nächste „grüne“ Aktion unter der Bauer-Willi-Marke herausposaunt wird.

Welcher Landwirt mag sich jetzt auch noch kurzfristig mit Hobbygemüsegärtnern auseinandersetzen (von den notwendigen rechtlichen Grundlagen einer solchen Geschäftsidee mal ganz abgesehen). Und bitte: Ob das Gemüse „bio“ oder „konventionell“ ist, entscheidet nicht der Kleinpächter, wie Willi schreibt, sondern die Betriebsform. Eine Splitterfläche innerhalb eines konventionellen Betriebs als mögliche Bioeinheit auszuweisen, könnte dem betreffenden Landwirt böse auf die Füße fallen.

Praktische Hilfe für Bedürftige

Dass sich Hilfe trotzdem auch mit Geschäftlichem verbinden lässt, zeigt das Angebot eines badischen Obst- und Gemüsebaubetriebs.

Familie Wagner aus Denzlingen bei Freiburg im Breisgau liefert ihre Produkte ab jetzt nicht nur auf Wochenmärkte, sondern auch frei Haus – vornehmlich an alte Menschen, für die der Besuch eines Wochen- oder Supermarktes besonders riskant ist. Zusätzliche Kosten entstünden den Kunden durch die Lieferung nicht, meldet Radio Baden.fm.

Entsprechende Arbeitskräfte vorausgesetzt könnte ein solcher Lieferservice für manchen Selbstvermarkter mit coronabedingten Absatzschwierigkeiten durchaus eine Chance sein. Und er prägt das Vertrauen des Verbrauchers in die hiesige Landwirtschaft wahrscheinlich sehr viel nachhaltiger als alle öffentlichen Apelle.

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