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Interview

Depressionen sind eine schwere Erkrankung

Mann am Fenster
am Dienstag, 27.10.2020 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Wer unter Depressionen leidet, hat oft das Gefühl, allein mit seinen Problemen zu sein. Gerade Landwirte pflegen noch heute ein "Harte-Kerle"-Image und ordnen depressive Erkrankungen als Schwäche ein, die sie nicht nach außen zeigen wollen. Dabei ist es enorm wichtig, sich Hilfe zu suchen. Denn Depressionen sind eine schwere Krankheit, die man heute aber gut behandeln kann.

Pro. Ulrich Hegerl

Depressionen betreffen viel mehr Menschen als allgemein bekannt. Denn viele Betroffene reden nicht über ihre Krankheit, weil die noch immer ein "Gerüchle" von Schwäche und persönlichem Versagen hat.

Dass das gänzlich falsch ist und wie man einer Depressionserkrankung als direkt Betroffener oder als Angehöriger begegnen kann, erklärt Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Psychiater an der Goethe Universität in Frankfurt am Main und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe im folgenden Interview.

Prof. Hegerl, woran erkennt man eine Depression?

Die Unterscheidung, ob jemand einfach nur verzweifelt, traurig oder gestresst ist oder depressiv erkrankt, ist für Laien schwer.

Typisch für Depressionen sind Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle. Dazu kommt eine Affektstarre. Das heißt, Betroffene fühlen sich innerlich wie versteinert. Sie nehmen keine Gefühle mehr wahr, keine Freude, aber auch keine Trauer.

Auch das Schlafverhalten ändert sich. Depressionskranke Menschen schlafen schlecht ein und wachen meist schon in den frühen Morgenstunden auf und liegen grübelnd im Bett. Tagsüber fühlen sie sich müde und erschöpft, sind aber nicht schläfrig. Auch Tagesschwankungen mit einer Stimmungsaufhellung gegen Abend sind typisch.

Sind Depressionen stressbedingt? Würde also ein bisschen mehr Abstand vom Alltagsstress die Probleme lösen?

Ein fundamentales Problem ist, dass alle Menschen zunächst einmal davon ausgehen, dass Depressionen vor allem eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände sind. Wenn jemand depressiv ist, so die vorherrschende Meinung, dann wird es schon einen Grund dafür geben – die Arbeit, Probleme in der Partnerschaft, ein Schicksalsschlag oder körperlichen Erkrankungen.

Tatsächlich spielen diese Dinge aber eine viel geringere Rolle als Laien, aber auch unerfahrene Ärzte vermuten. Entscheidend für eine Depressionserkrankung ist die Veranlagung.

Die Erkrankung ist also erblich?

In vielen Fällen ist das so. Deswegen haben viele, die depressiv erkranken, auch erkrankte Angehörige. Aber die Veranlagung kann auch erworben sein, zum Beispiel durch Traumatisierungen in der Kindheit.

Wichtig zu wissen ist: Ohne Veranlagung rutscht man nicht in eine Depression, auch wenn einem das Leben bitter mitspielt. Man ist traurig, man ist verzweifelt, aber man hat keine depressive Erkrankung. Und anders herum fallen Menschen mit dieser Veranlagung immer wieder in depressive Krankheitsphasen, auch wenn die äußeren Lebensumstände völlig in Ordnung sind.

Aber woher kommt es dann, dass so viele glauben, Depressionen würden durch Stress hervorgerufen?

Schleicht sich die Depression ein, dann schaut sie sozusagen im Leben herum nach Negativem, und dabei wird sie bei Jedem fündig! Dieses Negative – Stress bei der Arbeit, Rückenschmerzen, Partnerschaftskonflikte, was auch immer – wird dann vergrößert und ins Zentrum gerückt.

Das passiert mit eiserner Regelmäßigkeit, so dass die Betroffenen am Anfang immer das Gefühl haben, genau zu wissen, warum sie depressiv sind. Nicht selten gehen depressiv Erkrankte auch zunächst wegen körperlichen Beschwerden zum Hausarzt, denn in der Depression werden bestehende Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Ohrgeräusche als unerträglich erlebt.

Das macht es Hausärzten nicht immer leicht, eine Depression zu erkennen, oder?

Der Patient muss auch über seine psychischen Leiden reden: über die Suizidgedanken, über die Verzweiflung, über die Schuldgefühle. Das macht es dem Hausarzt leichter, die zugrunde liegende Depression zu erkennen und zu behandeln. Ist die Depression schwer und hartnäckig, dann sollte man immer zum Facharzt gehen.

Wer wäre das?

Facharzt ist der Psychiater oder der Nervenarzt. Außerdem gibt es noch die große Gruppe der Psychologischen Psychotherapeuten, das sind Psychologen mit einer Spezialausbildung. Die können – das ist wichtig zu wissen – wie die Ärzte über die Kassen abrechnen. Das heißt, der Patient muss nicht bezahlen. Bei einem Psychologen muss er das nämlich, bei einem Heilpraktiker auch.

Wie sieht eine Therapie in der Regel aus?

Wir haben zwei Hauptbehandlungssäulen. Das sind zum Einen Antidepressiva, also Medikamente, die die depressive Störung bekämpfen und die von Hausärzten und Fachärzten verschrieben werden.

Zum Anderen gibt es die Psychotherapie. Das Psychotherapieverfahren mit den besten Wirksamkeitsbelegen ist dabei die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie, die sehr pragmatisch ansetzt. Hier geht es zum Beispiel um Tagesstrukturierung oder das Beeinflussen der negativen Grübelneigung. Psychotherapie wird von Psychologischen Psychotherapeuten angeboten.

Der Weg bis zur Diagnose kann aber steinig sein, vor allem, wenn sich der Betroffene nicht helfen lassen will. Was kann man als Angehöriger tun?

Für Angehörige ist es zunächst mal wichtig, sich mit der Krankheit vertraut zu machen. Das kann man auf unserer Seite (www.deutsche-depressionshilfe.de). So lässt sich die Krankheit richtig einordnen. Wenn man das nicht macht, kommt es zu jeder Menge Missverständnisse. Das zweite, was man wissen muss: Man ist als Angehöriger nicht schuld an der Erkrankung! Der andere ist nicht depressiv, weil man gestritten oder ihn überfordert hat. Schuld ist die Erkrankung selber. Sie ist der Gegner.

Und wie kann man helfen?

Zunächst muss klar sein: Man ist nicht für die Heilung zuständig. Etwas plakativ könnte man sagen: Eine Depression ist ebensowenig durch Liebe zu heilen wie eine Blinddarmentzündung. Anghörige können aber unterstützend wirken, dass der Erkrankte rasch in Behandlung kommt und die auch durchhält.

Belastend ist dabei das Gefühl der Hilflosigkeit, das sich einstellt, wenn der Partner sich nicht helfen lassen will und professionelle Hilfe ablehnt. Da bleibt nur die Möglichkeit, immer wieder geduldig zu motivieren, Arzttermine zu vereinbaren und den Kranken in die Praxis zu begleiten.

Und wenn gar nichts anschlägt, die Situation aber immer schlimmer wird?

Es gibt eine Grenze. Das ist die akute Selbst- oder Fremdgefährdung. Wenn man das Gefühl hat, der Mensch ist jetzt tatsächlich in Lebensgefahr, er bereitet irgendwas vor, um sich das Leben zu nehmen – das ist der Moment, in dem man auch ohne das Einverständnis des Erkrankten etwas tun muss.

Und das wäre?

Den Notarzt rufen und notfalls auch die Polizei. Aber zu dieser Eskalation kommt es zum Glück selten.

Die Diagnose "Depressionen" ist für die meisten dann zunächst schwer zu akzeptieren. Mit der Zeit erkennen sie aber, dass eine Depression eine Krankheit wie andere auch ist und nicht Ausdruck persönlichen Versagens. Diese Erkenntnis geht oft auch mit großer Erleichterung einher. Denn Depressionen sind zwar eine echte, schwere Krankheit, sie sind aber keine Seltenheit und man kann sie heute gut behandeln.

Sind Depressionen wirklich so häufig?

Ja. In Deutschland leiden jedes Jahr ungefähr 8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung unter einer behandlungsbedürftigen Depression. Es ist also wirklich eine häufige Erkrankung.

Und es ist auch eine schwere Erkrankung. Depressionskranke leben im Schnitt 10 Jahre weniger, vor allem, wenn nicht konsequent behandelt wird. Das liegt nicht nur an der massiv erhöhten Suizidrate, sondern auch daran, dass Depressionen zu Folgeerkrankungen wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Störungen führen können oder den Verlauf anderer Krankheiten negativ beeinflussen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen?

Frauen sind ungefähr doppelt so häufig betroffen wie Männer. Das hat etwas mit dem Hormonhaushalt und mit der Genetik zu tun. Hinzu kommt aber auch, dass Frauen besser im Hilfesuchverhalten sind als Männer.

Macht der Beruf etwas aus bei der Häufigkeit von Depressionen?

Für unsere Lebensqualität spielt die Berufszufriedenheit eine große Rolle, aber sie ist eher selten Ursache depressiver Erkrankungen. Die meisten berufstätigen Menschen mit Depressionen sind nicht wegen ihres Berufs erkrankt, auch wenn es dort vielleicht Stress gibt.

Betriebsleiter und Personalverantwortliche können jedoch mit dafür Sorge tragen, dass Menschen mit psychischen Problemen möglichst rasch in Behandlung kommen, damit eine Diagnose gestellt und eventuell behandelt wird. Eine offene und nicht stigmatisierende Atmosphäre kann zudem den Erkrankten den Weg zum Arzt erleichtern. Neben persönlichem Leid können so auch Kosten gemindert werden.

Wenn Sie sich für dieses Thema näher interessieren, vielleicht sogar direkt oder indirekt betroffen sind, finden Sie weitere Informationen im TopThema unseres Novemberheftes. Dort berichten auch betroffene Landwirte von ihren Erfahrungen.

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