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Deutsche Bahn und Landwirtschaft

Deutsche Bahn plant Bauvorhaben zulasten der Landwirtschaft

ICE und Getreidefeld
am Dienstag, 20.07.2021 - 14:15 (Jetzt kommentieren)

Neue ICE-Strecken und -Bahnwerke sind im Sinne einer nachhaltigen Verkehrspolitik. Aber wenn sie den Flächenfraß weiter anheizen und die Landwirtschaft beeinträchtigen, ist es mit der Nachhaltigkeit schnell vorbei. In Bayern protestieren Bauern gegen Bauvorhaben der Deutschen Bahn.

Der Verkehr hierzulande soll stärker auf die Schiene verlagert werden. Weniger Individualverkehr und weniger Straßentransporte, weg vom Verbrennungsmotor hin zur Elektrolok, lauten die Forderungen. Das soll die Nachhaltigkeit im Transportwesen verbessern.

Doch wie immer hat die Medaille zwei Seiten.

Neue ICE-Trassen machen Landwirten Probleme

Bereits seit geraumer Zeit wehren sich bayerische Landwirte gegen eine neue ICE-Strecke zwischen Ulm und Augsburg (siehe unten). Der Trassenbau würde nicht nur direkt landwirtschaftliche Nutzfläche kosten, in manchen Fällen würde er die Flächen von Landwirten auch so zerschneiden, dass ein Fortbestand des Betriebs bedroht wäre.

Über ICE-Schienen gibt’s nicht einfach mal einen Bahnübergang für den Bauern vor Ort. Kilometerlange Umwege bis zur nächsten Schranke kosten Zeit und Diesel – und gehen damit nicht zuletzt auch wieder zulasten der CO2-Bilanz.

Neues ICE-Ausbesserungswerk bei Nürnberg

Doch die Bauern im Süden der Republik haben aktuell im wahrsten Sinne des Wortes noch eine zweite Baustelle.

Die Deutsche Bahn (DB) will ein neues ICE-Werk im Großraum Nürnberg bauen. Die genauen Koordinaten liegen noch nicht fest, im Gespräch sind noch neun mögliche Standorte in einer Entfernung von bis zu 15 km rund um den Bahnknotenpunkt der Frankenhauptstadt. Im Herbst soll das Raumordnungsverfahren starten.

Rund 200 ha dürften benötigt werden

In dem geplanten Werk sollen ICE-Züge von bis zu 400 m Länge instandgehalten und repariert werden. Die Bahn betont, insgesamt seien dafür nur 45 ha Fläche notwendig.

Die betroffenen Landwirte halten dagegen. Man könne nicht nur das Werk selbst in Rechnung stellen. Für das zuführende Streckennetz und eine große Wendeschleife seien rund 200 weitere ha rund um das Werksgebäude zu veranschlagen. Die Schienen selbst brauchen nur wenig Raum, aber zwischen ihnen wird keine Landwirtschaft mehr möglich sein, denn wie sollten die Bauern dort auf ihre Felder kommen?

Mit 130 Traktoren gegen die DB-Pläne

Am vergangenen Sonntag spitzten sich die Proteste gegen die Pläne der Bahn zu. Mit 130 Traktoren zogen Landwirte durch den Heilsbronner Vorort Müncherlbach, einem der möglichen Standorte des künftigen ICE-Werks. Bei einer anschließenden Kundgebung auf einem landwirtschaftlichen Betrieb versammelten sich rund 600 Menschen.

Sie verwiesen eindrücklich darauf, dass nicht nur der ohnehin zu hohe Flächenfraß hierzulande weiter angeheizt werde. Viele, die im Einzugsbereich eines der möglichen Standorte wirtschaften, fürchten um ihre Existenz.

Bayerischer Bauernverband warnt vor übereilten Verkäufen

Die verschiedenen Bürgerinitiativen, die sich gegen die neuen ICE-Werksstandorte gegründet haben, unterstützen sich inzwischen gegenseitig bei ihren Aktionen. Ihre Forderung: Das Werk soll dort errichtet werden, wo es gebraucht wird: in Nürnberg. Dort sei auch der Flächenbedarf weit geringer, weil direkt parallel zu bestehenden Strecken gebaut werden könne.

Der Bayerische Bauernverband (BBV) ruft seine Mitglieder indes auf, keine Flächen übereilt zu verkaufen.

Landwirte als Bauernopfer

Das Pikante an der ganzen Geschichte: Mal wieder sind wortwörtliche Bauernopfer wohl der bevorzugte Weg des geringsten Widerstands.

Die Bahn hatte vor nicht allzu langer Zeit Grundstücke innerhalb von Nürnberg als Bauland an die Stadt verkauft – zu recht erfreulichen Preisen, ist anzunehmen.

Stattdessen will sie nun also in ländlichen Regionen bauen. Das lässt weniger politische Zerwürfnisse erwarten als mitten in der dichtbesiedelten Stadt.

Die Landwirte stehen dabei am unteren Ende der Nahrungskette. Denn für sechs der neun geplanten Standorte müsste erhebliche Waldfläche weichen. Dagegen laufen Natur- und Umweltschützer Sturm. Und deren Lobby in politischen Kreisen dürfte im Zweifelsfall stärker sein als die der Bauern.

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