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Interview

Deutsche Metastudie zum Insektensterben: Die Gründe sind komplex

Blüten mit Insekten
am Donnerstag, 13.08.2020 - 08:00 (3 Kommentare)

Ein Wissenschaftlerteam vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) hat die Daten zahlreicher Insektenstudien aus aller Welt zusammengefasst. Über die Ergebnisse dieser Metastudie und die Differenzen zu einer neuen Studie aus den USA sprach agrarheute mit dem Studienleiter Dr. Roel van Klink.

Dr. Roel van Klink

Über das Ausmaß des weltweiten Insektensterbens wird viel diskutiert. Vor allem seit der "Krefelder Studie" aus dem Jahr 2017, die von einem 75-prozentigen Biomasseverlust innerhalb von 27 Jahren sprach, ist das Thema hochbrisant. Besonders die Allgemeingültigkeit dieser Aussage wird immer wieder angezweifelt. Denn vergleichende Studien zum Insektenverlust gab es bislang kaum. Eine Wissenschaftlergruppe vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) unter der Leitung von Dr. Roel van Klink hat diese Lücke entdeckt und aus allen international verfügbaren Langzeitstudien eine Metastudie erstellt. Im Interview erläutert er die Ergebnisse.

Herr Dr. van Klink, warum haben Sie diese Metastudie in Angriff genommen?

Im Jahr 2017 sorgte die so genannte Krefelder Studie, die einen Rückgang der Insektenbiomasse in mehreren Naturschutzgebieten in Nordrhein-Westfalen zeigte, für großes Medieninteresse. Von einer globalen "Insektenapokalypse" war die Rede. Wir hatten schon länger am Thema gearbeitet und wussten, dass es viele Langzeitdatensätze zu Insekten gab, die noch nicht ausgewertet worden waren. Deshalb haben wir alle offen zugänglichen Daten, die wir finden konnten, zusammengetragen. Wir wollten überprüfen, ob die Ergebnisse der Krefelder Studie und einiger anderer viel beachteter Publikationen allgemeingültig sind.

Wieviele Einzelstudien waren einbezogen?

Wir konnten Daten aus 166 Studien mit insgesamt 1.676 Einzelstandorten verwenden.

Aus welchen Regionen und welchen Zeiträumen stammten diese Untersuchungen?

Etwa 80 Prozent unserer Daten stammten aus Europa und Nordamerika, doch wir fanden auch einige interessante Studien aus Ostasien und Afrika. Die frühesten Daten wurden 1925 gesammelt, an den meisten Orten begann die Überwachung aber nicht vor den 1960er Jahren und oft sogar noch später.

Was ist die Hauptaussage Ihrer Metastudie? Ist das Insektensterben so dramatisch wie befürchtet?

Zunächst einmal gibt es keinen einheitlichen Trend. Wir haben sehr große Unterschiede in den Insektenbestandsentwicklungen weltweit festgestellt, sogar zwischen benachbarten Standorten. An einigen Orten stiegen die Insektenzahlen an, an einigen Orten veränderten sie sich nicht, und an vielen Orten gingen die Zahlen zurück. Aber als wir alle verfügbaren Daten zusammenführten, stellten wir fest, dass bei den landlebenden Insekten im Durchschnitt ein Rückgang von 0,9 Prozent pro Jahr zu beobachten war.

0,9 Prozent Verlust pro Jahr – das klingt nicht nach sehr viel oder?

0,9 Prozent sind tatsächlich signifikant. Es bedeutet neun Prozent Verlust alle zehn Jahre und 24 Prozent weniger über 30 Jahre. Das ist ein Viertel weniger!

Worin liegen nach Ihren Ergebnissen die Hauptursachen für den Insektenbiomasseverlust?

Für unsere globale Analyse der Veränderungen in der Insektenmenge konnten wir nur die Daten untersuchen, die für jeden Ort verfügbar waren. Das beschränkte sich auf den Anteil der Stadtflächen um die Standorte, die Ackerfläche um die Standorte und die Klimaveränderungen an diesen Standorten. Für andere mögliche Ursachen wie Umweltverschmutzung, Grünland- oder Waldbewirtschaftung lagen uns keine Daten vor.

Und wo waren die Effekte am stärksten?

Wir fanden nur wirklich starke Auswirkungen durch die Verstädterung. Das ist vielleicht keine Überraschung, denn der Bau von Straßen und Gebäuden wird immer zur Zerstörung natürlicher Lebensräume und zum Verlust der biologischen Vielfalt führen – unabhängig davon, wo auf der Welt dies geschieht. Wir denken, dass die Zerstörung natürlicher Lebensräume aus anderen Gründen, zum Beispiel für den Bergbau oder die Landwirtschaft, für Insekten ebenso schlimm ist, hatten aber keine Daten, um dies zu überprüfen. Die Landwirtschaft und der Klimawandel haben sich an verschiedenen Orten der Welt viel unterschiedlicher ausgewirkt als die Verstädterung. Deshalb lassen sich bei gemeinsamer Betrachtung aller Daten keine starken Entwicklungen ablesen.

Politiker und NGOs verorten die Probleme aber fast ausschließlich in der konventionellen Landwirtschaft …

Ich glaube, niemand bestreitet, dass die Verstädterung und der Ausbau der Infrastruktur schlecht für die biologische Vielfalt sind, aber das ist sicher nicht die einzige Ursache. Einige aktuelle wissenschaftliche Arbeiten haben etwa ein Dutzend verschiedene Ursachen für den Rückgang der Insektenzahlen aufgelistet. Dazu gehören: Zerstörung und Zerschneidung von Lebensräumen, chemische Verschmutzung (auch durch Pflanzenschutzmittel), Nährstoffbelastung, Lichtverschmutzung, intensive Beweidung oder Mahd, aber auch unangemessenes Naturmanagement und Klimawandel.

Was macht den Insekten dabei besonders zu schaffen? Ist es nur der Futterflächenverlust?

Der Verlust von Lebensraum ist eine der Hauptursachen, und er tritt in vielen Größenordnungen auf: vom Bau eines ganz neuen Stadtteils oder einer Autobahn über die Entfernung eines Teichs oder einer Hecke, die Einbeziehung eines Straßenrandes in die Erntefläche bis hin zur Umwandlung eines Blumengartens in einen Schottergarten. Zusätzlich zur direkten Zerstörung führt das alles zu einer zunehmenden Isolierung der verbleibenden natürlichen Lebensräume. Aber wir müssen auch über die Qualität der verbleibenden Lebensräume nachdenken: Im Grasland zum Beispiel überlebt fast keine Insektenart die fünfmalige Mahd pro Jahr. Selbst zweimaliges Mähen ist für die meiste Arten zu viel. Diese Art der Bewirtschaftung macht die Wiese für viele Arten im Wesentlichen unbewohnbar.

Eine kürzlich veröffentlichte US-Metastudie besagt, dass in den USA in den letzten Jahrzehnten kein nennenswerter Insektenverlust zu verzeichnen war. Dies widerspricht Ihren Ergebnissen, wonach Nordamerika sogar die höchsten Verluste aufwies. Wie kommen diese Unterschiede zustande?

Es gibt mehrere Unterschiede zwischen der neuen Studie und unserer Arbeit: Erstens standen uns deutlich mehr Untersuchungen zur Verfügung und diese zeigten meist starke Rückgänge, vor allem bei Schmetterlingen. Zweitens geht es in der neue Studie um die Trends einzelner Arten und nicht um die Gesamtmenge der Insekten, wie wir sie analysiert haben. Die US-Studie ergab, dass es im Durchschnitt über alle betrachteten Arten und Standorte hinweg ebenso viele Species gibt, die zu- wie abnehmen. Trotzdem kann es noch immer so sein, dass die Gesamtinsektenmenge abnimmt, wenn nämlich vor allem häufigere Arten stark zurückgehen. Aber auch diese Studie zeigt wie die unsere, dass jeder Standort anders ist. Rückgänge gibt es nicht überall, und nicht für alle Arten.

Welche Konzepte könnten aus Ihrer Sicht den Negativtrend bei den Landinsekten stoppen?

Eine Antwort auf diese Frage geht weit über die Ergebnisse unserer Veröffentlichung hinaus. Ich persönlich glaube, dass es keine einfachen Lösungen geben kann. Wir brauchen eine vollständige Umgestaltung unseres Wirtschaftssystems hin zu einer nachhaltigen Lebensweise mit gesunden Landschaften. Alle Verbraucher müssen faire Preise für die Lebensmittel zahlen, die sie konsumieren, und diese Produkte müssen auf nachhaltige Weise produziert werden. Gleichzeitig ist es unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass sich alle Menschen diese Lebensmittel leisten können.

Das vollständige Interview lesen Sie in der September-Ausgabe des agrarheute Magazins.

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