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Selbstpflückerfelder

Direktvermarktung: Absatz steigern mit Gemüse zum Selbstpflücken

Landwirt Gast hat eine Rote-Beete-Rübe aus dem Feld gezogen. Für ein gutes Wachstum erhalten diese eine Tröpfchenbewässerung.
am Montag, 25.07.2022 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Ein Hof in Sachsen-Anhalt setzt auf Selbstpfückerangebote als Absatzweg in der Direktvermarktung. Salat, Gurke & Co. ernten die Käufer in Rackith selbst vom Feld. Landwirt Tino Gast ist vom großen Zulauf überrascht.

Wolfgang Küster zieht eine Rote Bete aus der Erde, „So frisch wie von hier bekomme ich es nirgends“, sagt der 68-Jährige. Neben ihm stehen selbst geernteten Erdbeeren. Küster ist einer der Kunden der Agrargenossenschaft Rackith in Sachsen-Anhalt.

Seit Jahren bietet das Unternehmen den Kunden an, selbst Erdbeeren zu pflücken. „Der Zulauf ist stetig größer geworden“, sagt Vorstand Tino Gast. Nach der letzten Saison hat die Genossenschaft beschlossen, das Selbstpflückerangebot auf Gemüse auszuweiten.

„Wir haben in diesem Jahr klein mit 250 m² angefangen“, sagt Gast. Die Resonanz der Kunden war groß und hat den 35-jährigen Landwirt überrascht: „Die 500 Salatköpfe waren schon in wenigen Tagen weg. Das ist Wahnsinn.“

Erdbeeren direkt vom Feld selbst ernten

„In die Wälle haben wir eine Tröpfchenbewässerung verlegt“, sagt der Landwirt. So sei eine optimale Versorgung der Pflanzen gesichert. Die Salate sind grün, dick und saftig. „Im Kleingarten bekommt man das wahrscheinlich so nicht hin“, sagt Gast lächelnd.

Das Feld liegt an einer Bundesstraße. Die Genossenschaft hat dort einen Verkaufsstand aufgebaut. Drinnen steht Jacqueline Klügel und sagt: „Die Menschen kommen aus der gesamten Region zu uns.“ Die meisten würden Erdbeeren ernten. „Doch auch beim Gemüse sind viele neugierig, wollen das ausprobieren“, sagt Klügel.

Selbstpflückerfelder günstiger als im Supermarkt

„Es ist hier deutlich günstiger als im Supermarkt“, sagt Selbstpflücker Lutz Kutter. Nach Ansicht von Genossenschaftschef Gast ist der Preis auch der entscheidende Faktor für den großen Zulauf. „Die Erdbeeren kosten beim Selbstpflücken etwa die Hälfte. Beim Gemüse ist die Ersparnis etwas geringer“, erklärt er.

Die Agrargenossenschaft baut auf 4,5 ha Erdbeeren an. Die meisten Pflanzen wachsen in Foliengewächshäusern. Geliefert werden die Erdbeeren beispielsweise an umliegende Edeka-Märkte. „Über Jahre war das ein sehr stabiler Absatzweg“, sagt Gast.

Nachfrage nach Erdbeeren und Spargel sinkt

Ukrainische Studentinnen helfen bei der Ernte. „Wegen des Kriegs in ihrem Land sind sie froh, hier Geld zu verdienen.“ Doch die Nachfrage nach Erdbeeren sei in diesem Jahr gesunken. „Wenn alles im Supermarkt teurer wird, wird auf Extras verzichtet“, sagt der Landwirt.

Die benachbarten Spargelbauern hat es noch härter getroffen. Ihre Absätze sind im Einzelhandel regelrecht eingebrochen, sagt Frank Saalfeld, Geschäftsführer des Verbands der Ostdeutschen Spargel- und Beerenobstanbauer. Das liege an den Billigimporten aus Südeuropa oder Nordafrika, die in den Supermärkten angeboten würden, erklärt Saalfeld.

Die Gemüsemärkte werden durch die deutlich gestiegenen Rohstoffpreise und höhere Aushilfslöhne beeinflusst. Nach einer AMI-Kalkulation von Dezember 2021 ist bei den Produktionskosten für Tomaten in Deutschland im Jahr 2022 gegenüber 2019 ein Plus von 22 Prozent oder 33 Cent je kg zu erwarten. Diese Kalkulation ist aufgrund der seitdem nochmals gestiegenen Energiekosten allerdings schon überholt.

Hofläden erleben Aufschwung

In der Direktvermarktung, in den Hofläden und Verkaufsständen, läuft der Verkauf nach Angaben von Verbandschef Saalfeld noch „eher gut“. Diese Erfahrung macht auch die Genossenschaft Rackith. „Die Erdbeeren aus den Gewächshäusern sind an unseren Ständen weiter sehr gefragt“, sagt Gast. Dort würden vor allem Stammkunden einkaufen und deren Zahl wachse.

Landwirtin Anette de Vries vom Verein Direktvermarkter Sachsen-Anhalt sieht die Hofläden im Aufschwung. Während der Corona-Pandemie habe sich das Geschäft positiv entwickelt. „Die Menschen hatten mehr Zeit zum Einkauf und haben sich mehr mit Ernährung beschäftigt“, so de Vries. Einige Betriebe würden auf Erdbeerfeldern auch wegen Personalmangels auf die Ernte durch die Kunden umschwenken.

Selbstpflückerfelder: Nische oder Geschäftsfeld?

Der AMI-Gemüseexperte Hans-Christoph Behr sieht diese Selbstpflückerfelder als „absolute Nische“. Natürlich sei eine solche Ernte für die Kunden ein Erlebnis. „Doch ist es das auch beim dritten oder vierten Mal noch?“

Während der Corona-Pandemie in den vergangenen zwei Jahren sei der Absatz in Supermärkten sehr hoch gewesen. „Generell ist auch die Nachfrage trotz gestiegener Preise stabil.“

Für die Agrargenossenschaft Rackith ist der Gemüse- und Erdbeeranbau nur ein kleines Standbein. Dennoch sei er wichtig. „Für uns sind Selbstpflückerfelder die Möglichkeit, weitere Geschäftsfelder aufzubauen.“

Tino Gast ist davon überzeugt, dass die regionale Vermarktung in Zukunft zunimmt: „Wenn die Transportkosten weiter steigen, werden regionale Wirtschaftskreisläufe wieder attraktiver.“

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