Login
Ernährung und Gesundheit

Dungkäfer als Bakterienüberträger?

Externer Autor
am
03.03.2010

Wien - Im Fall des mit Listerien verunreinigten österreichischen Käses besteht weiter Unklarheit, wann genau die Kontamination der Produkte stattgefunden hat.

Für die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) sind die ersten Schuldeingeständnisse des Käseherstellers Prolactal, wonach die im Herbst 2009 in Insektenfallen gefundenen Käfer als Listerienüberträger angesehen werden, zwar vorstellbar. Allerdings erklären sich dadurch nicht die bereits davor aufgetretenen Listeriafälle.

Der Hersteller des "Listerien-Käses", die österreichische Firma Prolactal, hat wie berichtet am Sonntag Dungkäfer als Krankheitsüberträger und mögliche Ursache für den kontaminierten Käse genannt. Dies wäre in der Firma allerdings erst im letzten Herbst aufgefallen. Experten bezweifeln allerdings diese Version. So gehe sicherlich nicht jedes eindringende Insekt gleich in eine Insektenfalle, daher könne ein einzelner Käfer bereits früher in den Betrieb gelangt sein.

Eingeschleppte Bakterien: Oft banale Ursachen

Doch für den AGES-Bereichsleiter Humanmedizin, Univ.-Prof. Dr. Franz Allerberger, müsse laut Austria Presse Agentur schon "mehr schiefgehen", als dass nur ein Käfer einen derartigen Fall auslösen könne. In der Praxis würde sich sehr oft zeigen, dass eher banale Ursachen die Gründe für die Einschleppung von Bakterien in einen Produktionsbetrieb verantwortlich zeigen. Das können Umbauarbeiten oder einfach nur offene Türen und Fenster sein, heißt es in der aktuellen AGES-Presseausendung.

Allerberger zeigte sich auch überzeugt, dass die ersten Verunreinigungen des Käses mit Listerien bereits im Frühjahr 2009 passiert sein müssten. Denn die erste Erkrankung wurde in den letzten Juni-Tagen 2009 bekannt. Die Inkubationszeit betrage bei Listeriose im Durchschnitt drei Wochen, die Infektion müsste also spätestens Anfang Juni erfolgt sein.

Listerien haben im Produktionsprozess absolut nichts verloren

Beim Unternehmen hätten aber schon viel früher als im Herbst 2009 als man angeblich die Dungkäfer gefunden hatte, die Alarmglocken läuten müssen. "Wenn Proben im Betrieb gezogen werden, dann gibt es keinen Grenzwert, im Produktionsprozess gibt es null Toleranz", wird Allerberger zitiert. "Da hat das eigene Warn- und Kontrollsystem (Anm. der Red: der Herstellerfirma) versagt". Genau diese Frage dürften auch die Ermittler von Kripo und Staatsanwaltschaft interessieren. Die Strafverfolgungsbehörde hat bereits einen Sachverständigen für Betriebs- und Lebensmittelhygiene zur Beleuchtung des gesamten Produktionsprozesses beigezogen.

Dementi über frühen Quargelverdacht

Weiters gab die AGES gestern bekannt, dass der Quargel mit hoher Wahrscheinlichkeit als Ursache für den Listeriose-Ausbruch erst am 15. Januar 2010 festgestanden habe. Im Zuge eines im November 2009 vom Gesundheitsministerium beauftragten Abgleichs der Human- und Lebensmittelisolate der AGES wurden drei Isolate (eine Probe Räucherlachs, eine Probe Schweinespeck und eine Probe Rohmilch) aus über 600 Lebensmittelproben gefunden, die einen ähnlichen Stamm aufwiesen. Der DNA-Fingerprint zeigte letztlich aber eindeutig, dass es sich dabei nicht um den Ausbruchsstamm der "Käse-Listeriose" handelte. Medienberichte, wonach drei verdächtige Proben im November von der AGES gefunden wurden, darunter auch Quargel, wären somit falsch.

Wirrwarr um tatsächliche Kontrollen im Jahr 2009

Zudem sind in der AGES-Lebensmitteluntersuchungsdatenbank zwei amtliche Proben der Firma Prolactal, gezogen von der Lebensmittelaufsicht Niederösterreich, dokumentiert. Eine vom Januar 2009 (Quargel), eine vom Mai 2009 (Trockenmilchpulver). Beide Proben wurden von den Gutachtern der AGES als "nicht zu beanstanden" bewertet. Die steirische Gesundheits-Landesrätin Bettina Vollath (SPÖ) gab gestern gegenüber der Austria Presse Agentur bekannt, dass 2009 von der Steiermark keine Proben im Betrieb Prolactal Hartberg gezogen worden waren. Auch hätte es 2009 keine Betriebsüberprüfung gegeben.

Aus dem Gesundheitsministeriums heißt es dazu, dass nur die AGES die tatsächliche Übersicht über die diesbezüglichen Daten hätte, die Länderbehörden könnten jeweils nur fragmentarisch informieren und dadurch entstehe einfach Verwirrung oder Falschinformation.

Druck auf Gesundheitsminister bleibt bestehen

Gerade die Informationspolitik der Gesundheitsbehörden in der "Causa Listeria-Käse" beherrscht weiter die Tagespolitik in Österreich. Selbst die Regierungsklausur der Bundessregierung in Graz - eigentlich den Themen Arbeitsmarkt, Bildung, Hochschulen und Forschung gewidmet - stand stark im Zeichen des Listerienthemas. Gesundheitsminister Stöger (SPÖ) betonte in einer kurzfristig dazu einberufenen Pressekonferenz einmal mehr, dass er keine Versäumnisse sehe. Dass es vom ersten Bericht, wonach sich Listerien-Fälle bei Patienten häuften, bis zur Entdeckung des dafür verantwortlichen Produktes drei Monate gedauert hat, sieht er als "kurze Zeit".

Nach dem BZÖ und der FPÖ fordern heute auch die "Grünen" politische Konsequenzen bis hin zum Rücktritt des Gesundheitsministers, sollten sich die vorgebrachten Vorwürfe des "Kontrollversagens" bewahrheiten. Bereits gestern hat der steirische Agrarlandesrat Hans Seitinger (ÖVP) deftige Worte in Richtung Stöger losgelassen und will Vertuschung und "Verschwimmenlassen" von Untersuchungsergebnissen erkannt haben. Derweil werden in der AGES zwei weitere Listeriose-Proben auf einen möglichen direkten Zusammenhang mit dem kontaminierten Käse untersucht. Ergebnisse werden für Donnerstag erwartet. (ots/dlz/sp/pd)

Auch interessant