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Kommentar

Edeka-Brief: Eiskaltes Kalkül mitten in der Milchkrise

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Ralf Stephan, LAND & Forst
am
17.08.2016

Edeka setzt Molkereien und die Milcherzeuger unter Druck. Was Marktübermacht anrichten kann, beschreibt LAND & Forst-Chefredakteur Ralf Stephan.

Die Zahl 52.000.000.000 liest sich gewaltig. 52 Milliarden. In Euro ist das mehr als der deutsche Waffenexport in vier Jahren. Oder der siebeneinhalbfache Jahresumsatz von Agravis. Oder aber das, was Edeka als größter deutscher Lebensmittelhändler in einem einzigen Jahr einnimmt.

Diesen Umsatz hat der Konzern in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt. Möglich wurde das rasante Wachstum an den Supermarktkassen auch durch Übernahmen und Zukäufe, die sowohl das Kartellamt als auch die Politik anstandslos durchgewunken haben.

Selbst abgebrühte Marktkenner erschreckt

Nun ist das mit dem Anstand im „Big Business“ bekanntlich so eine Sache. Manchmal meint man ja, sich über gar nichts mehr wundern zu müssen. Doch was die Hamburger Edeka-Zentrale jetzt vom Zaun gebrochen hat, erschreckt selbst abgebrühte Marktkenner.

Den liefernden Molkereien wurde per Brief auf sechs Seiten Punkt für Punkt mitgeteilt, welche Anforderungen sie künftig erfüllen müssen, wenn sie weiter auf der Einkaufsliste stehen wollen.

Edeka-Forderungen richten sich an Milcherzeuger

Grundsätzlich ist es natürlich ein recht normaler Vorgang. Kein Autozulieferer ist erstaunt, wenn Audi oder BMW künftig von ihm drei Polsterfarben mehr zur Auswahl möchte. Hier aber geht es nicht um Autositze. Ein Blick auf den Forderungskatalog der Edeka-Einkäufer zeigt zweierlei. Zum Ersten richten sich die Forderungen in erster Linie gar nicht an die Molkereien, sondern an die Milcherzeuger. Zum Zweiten ähneln die gewünschten, nein: die abverlangten Punkte auffällig genau jenen Kriterien, die der Handel in der Brancheninitiative Tierwohl freiwillig und gegen Entgelt mit den Geflügel- und Schweinehaltern vereinbart hat.

Weder Feingefühl noch Verantwortung

Dafür passende Worte zu finden, fällt in der Tat recht schwer. Ausgerechnet die Milcherzeuger, die sich seit vielen Monaten in der tiefsten Krise der letzten Jahre befinden, zum jetzigen Zeitpunkt mit einem seitenlangen Forderungskatalog zu bedrängen, zeugt - sagen wir es vorsichtig - weder von Feingefühl noch von Verantwortung für das, was entlang der gesamten Lebensmittelkette geschieht.

Und sich auf diese Weise davor zu drücken, zusätzliche (Tierwohl)Leistungen auch zusätzlich zu entlohnen, lässt an der kaufmännischen Verlässlichkeit der Akteure zweifeln.

Wie so etwas möglich ist? Die Antwort gab es oben: Weil Kartellamt und Politik ein Wachstum gefährlichen Ausmaßes zuließen. Anders ist nicht zu erklären, warum aus den Molkereien kein Ton der Empörung zu hören ist.

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