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Bauernprotest

Nach Plakatprotest: Edeka und Landwirte einigen sich

Edeka-Werbeplakat mit dem Komiker Otto Waalkes
am Donnerstag, 30.01.2020 - 10:15 (Jetzt kommentieren)

Mit einer lokalen Billigkampagne sorgte Edeka in Nordwestdeutschland für Furore. Landwirte hatten daraufhin das Zentrallager in Neuenkruge bei Wiefelstede, Landkreis Ammerland, blockiert. Inzwischen haben sich die protestierenden Landwirte und Edeka Minden zusammengesetzt und eine Einigung erzielt, mit der die Bauern sehr zufrieden sind.

Landwirte und Edeka haben sich geeinigt

Update 30. Januar: Am Mittwochnachmittag haben sich Vertreter von Edeka Minden mit Landwirten aus der Region zu Gesprächen zusammengesetzt. Nach dreistündigen Verhandlungen gab es am Abend schließlich einen Kompromiss: Edeka lässt die Plakate mit Otto Waalkes hängen, überklebt die Billig-Sprüche aber mit neuen Slogans, die die Qualität der Lebensmittel betonen sollen.

Mit diesem Ergebnis seien die Landwirte sehr zufrieden, sagte Verhandlungsführer Douwe Wittbard gegenüber NDR Niedersachsen. Damit sei vorerst eine weitere Blockade des Zentrallagers im Ammerland vom Tisch.

Edeka spricht von "Missverständnis", Otto Waalkes-Management verärgert

Update 28. Januar: Edeka hat heute ein offizielles Statement veröffentlicht. Die geforderte Entschuldigung ist das allerdings nicht. Hier der gesamte Wortlaut:

"Die Edeka Minden-Hannover wird kurzfristig ein persönliches Gespräch mit Vertretern der Bewegung „Land schafft Verbindung, Niedersachsen“, dem Landvolk Niedersachsen/Landes-Bauernverband e.V., den Landfrauen Niedersachsen und dem Bremischen Landwirtschaftsverband e.V. bezüglich der Reaktionen auf unsere aktuelle Marketing-Kampagne führen.

Grundsätzlich war es nie unsere Absicht, mit unserer Kampagne Landwirte und Erzeuger zu verärgern. Bei dem Plakat handelt es sich um ein Missverständnis. Ziel der Marketing-Kampagne war es, alle Ortschaften, wie z.B. auch Minden oder Bremen, in unserem Absatzgebiet individuell anzusprechen. Es war somit eindeutig der Ort „Essen/Oldenburg“ gemeint und nicht Essen im Sinne von Lebensmitteln. Darüber hinaus gehen die angekündigten Preisreduzierungen der Produkte nicht zu Lasten der Landwirte, sondern werden ausschließlich von der Großhandlung getragen. Die Plakate, die zu dem Missverständnis geführt haben, wurden nach den ersten Hinweisen umgehend entfernt.

Die Edeka Minden-Hannover fördert regionale Lieferanten und steht für eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Regionalität ist für uns kein Schlagwort, sondern unsere Garantie für hochwertige und in der Region erzeugte bzw. veredelte Lebensmittel aus der Nachbarschaft zu fairen Preisen. Es ist unser erklärtes Ziel, partnerschaftlich mit den Lieferanten und Produzenten zusammenzuarbeiten, um ein für alle Beteiligten zufriedenstellendes Ergebnis sicherzustellen. Dabei kommt es uns besonders auf die Qualität der Produkte an. So liegt es der Edeka Minden-Hannover absolut fern, Landwirte und Erzeuger mit unserer Kampagne zu verärgern."

Inwieweit diese Reaktion reicht, damit die Landwirte der Region am morgigen Mittwoch nicht erneut das Edeka-Zentrallager anfahren, ist noch nicht bekannt. Zumindest dürfte das Gesprächsangebot positiv aufgenommen werden.

Die Managerin von Otto Waalkes, dem Werbeträger der Edeka-Aktion, teilte indessen mit: "Hätten wir das so alles gewusst, hätten wir da nicht unterschrieben.

Spitzentreffen im Kanzleramt zu Billigpreisen

Update 27.1., 15:45 Uhr: Billigangebote für Lebensmittel im Handel werden kommenden Montag Thema eines Spitzentreffens bei Bundeskanzlerin Angela Merkel sein. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner bemerkte dazu, Bauern und Handel seien wie David gegen Goliath. Der Handel beklage zwar, dass Verbraucher nicht mehr bezahlen wollten, setze aber selbst immer mehr Tiefstpreise. Am Ende bade das der Erzeuger aus, dem immer weniger bleibe. Klöckner weiter: "Das ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Beim Treffen am 3. Februar im Kanzleramt werden wir das thematisieren."

Zuletzt hatten der Handelsverband Deutschland (HDE) und der Bundesverband des Lebensmittelhandels (BVLH) in einem Schreiben an Bundesagrarministerin Klöckner erklärt, der Handel sehe sich nicht dafür verantwortlich, dass Landwirte wegen Dumpingpreisen unter wirtschaftlichem Druck stünden.

Ein Slogan ruft Landwirte auf die Trecker

Dass Landwirte dieser Tage schnell auf der Straße sind, wenn sie ihre Interessen verletzt sehen, hat in der Nacht von Sonntag auf Montag der Lebensmittelriese Edeka erfahren müssen.

Das Unternehmen hatte anlässlich des 100. Firmenjubiläums seines Regionalverbundes Minden auf Plakaten mit dem Komiker Otto Waalkes für Tiefstpreise geworben. In den sozialen Medien kursierte am Sonntag das Foto eines Posters mit dem Slogan: "Essen hat einen Preis verdient: den niedrigsten."

Rund 250 Landwirte aus Nordwestdeutschland machten sich daraufhin spontan auf zu einer Blockade des Edeka-Zentrallagers Nordwest in Neuenkruge im Ammerland. Am späten Abend ging dort nichts mehr. Alle Zu- und Auslieferungen mussten gestoppt werden.

Erst gegen 4 Uhr nachts zogen die wütenden Bauern ab – allerdings nicht, ohne vorher ein Ultimatum zu stellen: Edeka soll bis heute abend 18 Uhr eine offizielle Entschuldigung der Geschäftsführung veröffentlichen. Zudem sollen bis Mittwoch 18 Uhr alle Aktionsplakate entfernt sein. Anderenfalls droht für Mittwoch nacht die nächste Blockade.

Kritik an Edeka von vielen Seiten

"Land schafft Verbindung – Deutschland" wendete sich am Montag vormittag mit einem Facebook-Statement an die Öffentlichkeit: "Der Kampf um die Kunden treibt die Verantwortlichen in den Chefetagen der Lebensmittelketten zu zweifelhaften Entscheidungen. Mit der neuen Kampagne hat sich Edeka keinen Gefallen getan." Weiter heißt es: "'Wir lieben Lebensmittel' ist eben auch nur ein Slogan. Lieber LEH, an Euren Taten werden wir Euch messen!"

Und auch der Deutsche Bauernverband (DBV) meldete sich zu Wort. Bauernpräsident Joachim Rukwied wird in einer Pressemitteilung zitiert: "Wir haben kein Verständnis dafür, dass Edeka zu seinem Jubiläum nichts anderes als 'der niedrigste Preis' einfällt. Hier sollen hochwertige Lebensmittel verramscht werden. Wertschätzung von Essen und Lebensmitteln erzeugt man damit nicht. Qualität und Nachhaltigkeit, oder Zusammenarbeit in der Lieferkette bringt man so nicht nach vorne."

Kommentar aus der Redaktion

Portrait Sabine Leopold agrarheute

Die Vernetzung deutscher Landwirte über "Land schafft Verbindung" zeigt ihre Wirkung. Eindrucksvolle Demonstrationen mit mehreren Hundert Teilnehmern lassen inzwischen innerhalb weniger Stunden aus dem Boden stampfen.

Das Pikante in diesem Falle: Mit "Essen" war in dem Slogan gar nicht unsere Nahrung, sondern die Stadt im Landkreis Cloppenburg gemeint. Plakate in anderen Regionen zeigen das. Der Zorn der Landwirte ist trotzdem berechtigt, denn immerhin besteht das Sortiment von Edeka zum überwiegenden Teil aus Lebensmitteln. Und ob der sprachliche Schlenker so ganz unbeabsichtigt war, darf auch bezweifelt werden. Werbeagenturen spielen gern mit solchen Doppeldeutigkeiten.

Edeka hat sich mittlerweile zu Wort gemeldet. Man betont die Verwechslung bezüglich des Begriffes "Essen", werde aber die missverständlichen Plakate umgehend entfernen.

Eins hat die spontane Nachtaktion hoffentlich gezeigt: Landwirte ballen nicht mehr nur die Faust in der Tasche. Eine Entschuldigung dürfte der Edeka-Geschäftsführung nicht besonders wehtun. Die leeren Regale am Montagmorgen in Teilen von Nordrhein-Westfalen aber schon. Und sollte man die teuren Plakate tatsächlich einstampfen müssen, gibt es wohl auch ein paar unangenehme Gespräche.

Nichtsdestotrotz zeigt auch diese Aktion wieder, dass dem Einzelhandel das Hemd näher ist als die Jacke. Und die möglichst zahlreiche sparwütige Kundschaft wichtiger als der Lebensmittelproduzent. Dabei geht es nicht um Qualität oder gar um Lebensmittelsicherheit. Denn selbst die billigsten hier erzeugten Nahrungsmittel sind von hoher Güte. Und solange LEH und Kundschaft sich darauf verlassen können, fällt der Griff zum Rotstift leider leicht.

Also braucht es vielleicht tatsächlich Traktoren in der Einfahrt, um Edeka und Co. gelegentlich daran zu erinnern, wer das Risiko von Dumpingangeboten trägt.

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