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Ernährung und Gesundheit

EHEC-Krise 2011: Die Behörden waren vorgewarnt

Externer Autor
am
23.07.2012

Berlin/Brüssel - Untersuchungen aus dem Jahr 2007 haben gezeigt, dass Erreger auf Sprossen, Keimlingen und Blattsalaten bei der amtlichen Kontrolle verstärkt berücksichtigt werden sollten.

Das erhöhte Gesundheitsrisiko durch potenziell tödliche Ecoli-Bakterien auf Sprossen und Keimlingen war den Lebensmittelbehörden schon Jahre vor der EHEC-Krise vom Frühsommer 2011 bekannt. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) empfahl bereits 2007, dass krankmachende Erreger auf Sprossen, Keimlingen und Blattsalaten bei "der amtlichen Kontrolle verstärkt berücksichtigt werden" sollten. Die Einhaltung der Empfehlung wäre Ländersache gewesen.
 
EHEC-Bakterien bereits 2007 vermehrt aufgetreten
 
Anlass der Warnung waren Untersuchungen im Rahmen des bundesweiten Überwachungsplans 2007. Darin waren auf drei von 272 Proben von Blattsalaten, Keimlingen und Sprossen Verotoxin bildende Escherichia Coli-Bakterien (VTEC) nachgewiesen worden. Das entspricht einer Beanstandungsquote von 1,1 Prozent. Verotoxin oder Shigatoxin produzierende E. coli (STEC) werden auch als EHEC-Bakterien bezeichnet. Diese Erreger können eine akute Darmentzündung auslösen. Insbesondere bei Kindern kann eine Infektion das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) hervorrufen.
 
Bei der EHEC-Krise von Mai bis Juli 2011 erkrankten in Deutschland fast 3.000 Personen an blutigem Durchfall und 855 an HUS; 53 Personen verstarben. Obst- und Gemüseerzeuger in Deutschland und Europa erlitten hohe Einnahmenverluste. Als Ursache des Ausbruchs werden aus Ägypten importierte Bockshornkleesamen angesehen, die von einem niedersächsischen Gartenbaubetrieb und Privatpersonen zur Sprossenproduktion verwendet wurden.
 
Defizite im Bereich der Sprossen und Keimlinge
 
Das Lebensmittel- und Veterinäramt der Europäischen Kommission (FVO) führte im Herbst 2011 in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen eine Inspektionsreise durch. Dabei wurden die amtlichen Hygienekontrollen bewertet. Der inzwischen vorliegende Prüfbericht der EU-Inspekteure fällt überwiegend positiv aus.
 
Ausgerechnet im Bereich der Sprossen und Keimlinge wurden aber weiterhin Defizite festgestellt. Laut FVO wurden in den drei registrierten Sprossen-Betrieben in Niedersachsen und dem einen registrierten Sprossen-Betrieb in Nordrhein-Westfalen die amtlichen Kontrollen auch nach dem EHEC-Ausbruch nicht verstärkt. Ein von den EU-Prüfern besuchter Erzeuger führte die vorgeschriebenen Eigenkontrollen von kritischen Kontrollpunkten (HACCP) nicht ordnungsgemäß durch. Er war trotz der BVL-Warnung von 2007 erst im April 2011 als Lebensmittelhersteller mit hohem Risiko eingestuft worden.
 
Bis dahin war das Unternehmen nicht als Verarbeitungsbetrieb registriert, sondern galt als Primärerzeuger mit reduzierten Kontrollanforderungen. Nach Angaben des FVO führte Nordrhein-Westfalen 2010 Monitoringprogramme für pathogene Erreger auf Sprossen ein, Niedersachsen hingegen nicht.
 
Informationsfluss der Behörden muss verbessert werden
 
{BILD:151014:jpg}Die EU-Inspekteure bemängeln auch, dass die zuständigen Behörden auf den verschiedenen Ebenen vom Kreis bis zum Land keinen nationalen oder länderspezifischen Überblick über das Ergebnis der amtlichen mikrobiologischen Kontrollen haben. Dadurch werde die Koordinierung der amtlichen Überwachung erschwert.
 
Das FVO empfiehlt, den Informationsfluss von der Kreis- zur Landesebene über lebensmittelrechtliche Verstöße zu verbessern. Das BVL wies auf Anfrage darauf hin, seine Empfehlungen, die im Rahmen von koordinierten Überwachungsprogrammen ausgesprochen werden, seien nicht rechtlich bindend. Es liege in der Entscheidung der zuständigen obersten Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsbehörden der Länder, inwieweit sie die Empfehlungen umsetzten.
 
Pathogene Keime auf Sprossen waren auch Bestandteil des bundesweiten Überwachungsplans 2011. Die Planungen waren bereits vor dem EHEC-Ausbruch abgeschlossen. Die Veröffentlichung der Ergebnisse steht noch aus. Die Europäische Kommission will die Hygienevorschriften für Sprossen produzierende Betriebe verschärfen.
 
Norbert Lehmann / dlv Redakteur

EU fordert Zulassungspflicht für Sprossenerzeuger


Brüssel - Die EU-Kommission will die Gefahr von Lebensmittelvergiftungen weiter einschränken und fordert unter anderem eine Zulassungspflicht für Sprossenerzeuger.


Zur Stärkung des Verbraucherschutzes will die Europäische Kommission Sprossenerzeuger einer Zulassungspflicht unterwerfen. Das bestätigten Experten der Brüsseler Behörde am vergangenen Freitag anlässlich der Vorstellung des Jahresberichts über das EU-Schnellwarnsystem für Lebens- und Futtermittel (RASFF).
 
 
 
 
 
 EU fordert verschärfte Hygienevorschriften
 
Sprossen sollen künftig nur noch dann vermarktet werden dürfen, wenn sie bestimmte mikrobiologische Sicherheitskriterien einhalten. Diese Vorgabe gilt sowohl für innereuropäische Ware als auch für Importe. Saatgut wird Rückverfolgbarkeitsauflagen unterworfen. Schließlich müssen Hersteller in Drittländern, die für Sprossen bestimmtes Saatgut in die EU exportieren, verschärfte Hygienevorschriften beachten.
 
Das Paket wird voraussichtlich im Dezember von der Kommission verabschiedet. Während der Rückhalt der Mitgliedstaaten gesichert scheint, müssen noch Einspruchsfristen der Welthandelsorganisation (WTO) und des Europaparlaments abgewartet werden. Ferner will die Kommission unter anderem mehr Kontrollen durchführen und die Weiterbildung im Hygienebereich vorantreiben - auch bei wichtigen Handelspartnern.
 
Schließlich will die Behörde Wege finden, Kommunikationspannen wie bei der EHEC-Krise zu vermeiden. Damals wurde bekanntlich zunächst spanisches Gemüse als Träger der Keime verdächtigt.
 
Schimmelpilzgifte machen die meisten Probleme
 
Wie aus dem RASFF-Jahresbericht hervorgeht, wurden 2011 insgesamt 9.157 Verstöße gegen das EU-Lebensmittelrecht gemeldet. Dabei handelte es sich in 617 Fällen um sogenannte schwerwiegende Risiken. Die Fälle verteilten sich etwa zur Hälfte auf Auffälligkeiten an den EU-Außengrenzen und am Binnenmarkt.
 
Zu den häufigsten Problemen gehörten Aflatoxine (Schimmelpilzgifte) in Futtermitteln, getrockneten Früchten und Nüssen sowie die Freisetzung chemischer Stoffe aus Küchenutensilien aus China. Von der Gesamtzahl der Fälle entfielen mehr als die Hälfte, nämlich 5.345, auf Folgemeldungen, mit denen über den Fortgang eines entdeckten Problems berichtet wird.
 
AgE
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