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Ernährung und Gesundheit

EHEC: Spanien beklagt Produktionsausfälle und prüft Schadenersatzanspruch

von am
30.05.2011

Madrid/Berlin - Salat lässt sich in Deutschland kaum mehr verkaufen. Landwirte hierzulande leiden unter der EHEC-Krise - Spanien kündigte indes an, Schadenersatzansprüche gegen Deutschland zu prüfen.

© M. Großmann/pixelio
Spanien prüft Schadensersatzansprüche gegen Deutschland für Produktionsausfälle der eigenen Landwirte im Zusammenhang mit den EHEC-Krankheitsfällen. Solche Forderungen seien nicht auszuschließen, sagte der spanische Agrarstaatssekretär Josep Puxeu. Deutsche Behörden hätten darüber spekuliert, dass die Infektionen ihren Ursprung in spanischen Gurken haben könnten. Dies habe dazu geführt, dass mehrere Länder und Handelsgesellschaften die Einfuhr spanischer Agrarprodukte eingeschränkt hätten.
 
"Solche Hemmnisse sind verantwortungslos und ungeheuerlich", sagte Puxeu. "Man darf nicht ein zuverlässiges Produktionssystem allein auf der Grundlage von Spekulationen an den Pranger stellen." Der Bauernverbände bezifferten die Verluste, die dem spanischen Gemüseanbau entstünden, auf sechs bis acht Millionen Euro am Tag. Die spanische Gesundheitsministerin Leire Pajín betonte, es gebe bisher keine Beweise und auch keine Anhaltspunkte dafür, dass die Gurken in Spanien mit EHEC-Erregern kontaminiert worden seien. "Wir haben von den deutschen Stellen immer wieder verlangt, dass sie keine Schuldzuweisungen vornehmen sollen, solange es keine gesicherten Erkenntnisse gibt", sagte die Ministerin dem Fernsehsender Telecinco. Die spanischen Stellen argumentieren, dass die Gurken möglicherweise nicht bei der Produktion in Südspanien, sondern auf dem Transport oder bei der Verarbeitung kontaminiert worden seien.
 
Niederlande beklagen Gemüseexportausfall nach Deutschland
 
Wegen mangelnder Nachfrage aus Deutschland ist auch der Export von Gemüse aus den Niederlanden ins Nachbarland nahezu zum Erliegen gekommen. Das sagte der niederländische Minister für Landwirtschaft und Außenhandel, Henk Bleker, am Montag am Rande einer informellen Tagung der EU-Agrarminister im ungarischen Debrecen vor Journalisten.
 
Sein Land sei dringend daran interessiert, dass baldmöglichst geklärt wird, woher die potenziell tödliche Darminfektion EHEC kommt, sagte Bleker weiter. Dabei wollen die Niederlande Deutschland helfen. Im eigenen Land seien Überprüfungen von Rohkostproduzenten im Gange, Ergebnisse würden noch an diesem Montag erwartet. Zur Stunde gebe es keine Hinweise darauf, dass niederländisches Gemüse EHEC-Überträger sei.
 
Normalerweise umfasse das Exportvolumen von niederländischem Gemüse nach Deutschland zehn Millionen Euro pro Woche, sagte der Minister. Trotz des Schadens für die Wirtschaft seines Landes könne er die generelle Warnung seiner deutschen Amtskollegin Ilse Aigner vor dem Rohkost-Verzehr verstehen. "Sicherheit geht vor", sagte Bleker.

Deutsche Gemüsebauern fürchten "irrsinnige Schäden"

Bei Untersuchungen der deutschen "Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO)" von Gemüse der Mitglieder wurden noch keine EHEC-Bakterien gefunden, zitiert das Handelsblatt den Verband. Der Vizepräsident des schleswig-holsteinischen Bauernverbands Hans-Peter Witt sieht "irrsinnige Schäden" bei heimischen Bauern durch die EHEC-Krise. Salat sei praktisch nicht zu verkaufen, sogar bei Erdbeeren sei der Verkauf mancherorts um 50 Prozent zurückgegangen.
 
Da es sich bei den Bauernhöfen heute hauptsächlich um Spezialbetriebe handele, die sich auf den Anbau eines Produktes konzentrieren, sei dies existenzgefährdend. Die Bauern hätten dann ein erntereifes Feld und würden nichts verkaufen.  Die finanziellen Schäden ließen sich noch nicht beziffern, gingen aber wohl "in die Zigtausende", sagte Witt. "Wir hoffen, dass sich die Verbraucher auf unsere regionalen Produkte besinnen. Wir sind überzeugt, dass sie absolut in Ordnung sind."
 
Verbände und Landwirtschaftskammern werden indes nicht müde zu betonen, dass Gülledüngung in bestehenden Gemüsekulturen nicht üblich ist. Auch die Verwendung organischer Dünger direkt vor dem Anbau der Gemüsekultur wird nicht empfohlen, informiert die Landwirtschaftskammer Niedersachsen..

Aigner hält Verzehrswarnung aufrecht

"Solange es den Experten in Deutschland und Spanien nicht gelungen ist, die Quelle des Erregers zweifelsfrei zu benennen, haben die allgemeinen Warnhinweise für Gemüse weiterhin Bestand", sagte Aigner der "Bild am Sonntag". "Wir warnen unverändert davor, in Norddeutschland rohes Gemüse zu verzehren“, sagte zudem RKI-Präsident Reinhard Burger am Montag im Bayerischen Rundfunk. Die Klagen von Bauern über Umsatzeinbrüche könne er verstehen, sagte Burger. Die Gesundheit der Menschen habe aber klar Priorität. Die hohe Zahl von EHEC-Neuerkrankungen erklärte Burger mit der relativ langen Zeit zwischen Infektion und Ausbruch der Symptome. Die Inkubationszeit betrage etwa eine Woche. Bei Untersuchungen der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO) von Gemüse der Mitglieder wurden noch keine EHEC-Bakterien gefunden, so der Verband. Am heutigen Montag ist am Sitz des RKI erstmal ein Spitzentreffen mit Aigner, Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), Ländern und Behörden angesetzt.

Verdächtiges Gemüse auch in Tschechien und Österreich aufgetaucht

Einige spanische Gemüsebauern, deren Betriebe derzeit überprüft werden, fühlen sich voreilig an den Pranger gestellt und erwägen, Schadenersatzansprüche geltend zu machen, falls sich der Verdacht gegen sie nicht erhärten sollte. In Tschechien soll inzwischen ebenfalls eine Charge verdächtiger Gurken in den Handel gelangt sein und in Österreich warnen die Behörden explizit vor dem Verzehr von spanischen Bio-Gurken, Tomaten und Salat. 

Verbraucher kaufen aufgrund der EHEC-Krise deutlich weniger Gemüse - für viele spezialisierte Betriebe eine Katastrophe. Das kann der einzelne Landwirt tun. zum Artikel ...
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