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Das Ende der VW-Currywurst?

Currywurst alle
am Mittwoch, 11.08.2021 - 16:04 (1 Kommentar)

Kennen Sie den größten Verkaufsschlager von VW? Man findet ihn nicht auf der Straße, sondern auf dem Teller. Rund 7 Mio. Currywürste verkaufte der Autohersteller 2019 in seinen Kantinen. Jetzt wird der leckere Kassenschlager aus dem Plan der Hauptkantine gestrichen. Auf Wunsch der Mitarbeiter, heißt es. Und aus Nachhaltigkeitsgründen. Ein Kommentar.

Seit ein paar Tagen rumort es im Pressewald: VW verbannt die berühmte hauseigene Currywurst aus seiner größten Werkskantine!

Die Meldung spaltet die Gemüter. Während die einen jubeln, endlich bewege man sich auch bei VW hin zu Nachhaltigkeit und gesunder Ernährung, beklagen die anderen Bevormundung und Anbiederei an die grün wählende Kundschaft, die – trotz vollmundiger Proteste gegen Verbrennungsmotoren – doch noch immer in erstaunlich großer Zahl selbst gern mit dem Tiguan zum Biomarkt gondelt.

Die Fronten sind jedenfalls klar. Es geht um die Wurst!

Die Wurst verschwindet (noch) nicht ganz

Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, VW-Mitarbeiter müssen künftig nicht komplett auf Fleisch und andere tierische Produkte verzichten, wenn sie hungergeplagt die Werkskantine aufsuchen. Der Autokonzern stellt ab September nur eine Kantine auf fleischfrei um. Allerdings ist es nicht die erste, dafür aber eine der bekanntesten im sogenannten Markenhochhaus. Das ist der große Betonklotz mit dem blau-weißen Böppel oben dran.

Wer also bei VW – egal, ob als Angestellter oder als Gast – weiterhin die berühmte Currywurst essen möchte, kann das tun. Noch gibt es sie in anderen Restaurants auf dem Gelände.

Greenwashing vor der nächsten Wahl

Die Frage ist eher, warum VW diesen Schritt geht und damit fleißig Außenwerbung betreibt? Das Argument, Mitarbeiter hätten sich mehr vegetarische und vegane Gerichte gewünscht, ist lächerlich. Die hätte man auch anbieten können, ohne gleich auf komplett fleischfrei zu setzen.

Die Antwort ist einfach: Greenwashing. Der Autohersteller wäscht die Rußflecken aus der weißen Weste und macht sich schon mal schick für die mögliche nächste Bundesregierung. "Schaut her, wie viel uns an der Umwelt liegt! Bei uns verzichtet man sogar auf Fleisch, wo das doch so schädlich fürs Klima ist!"

Die Idee ist nicht neu

Das Prinzip, mit dem Finger auf andere zu zeigen, ist altbewährt. Wann immer Ungemach droht, kann man so die Aufmerksamkeit auf andere lenken und dabei – mit ein bisschen Geschick – sogar das eigene Renommee zurechtputzen.

VW hat es mit derselben Masche vor sechs Jahren schon einmal probiert. Sie erinnern sich vielleicht: Das war 2015, als der Abgasskandal aufploppte und man in Wolfsburg bereits ahnte, dass schwere Zeiten drohen, wenn Einzelheiten rauskommen.

Dreiste Lügen über die hiesige Landwirtschaft

Damals stellte das Management in der Wolfsburger Autostadt die Kantinen mit viel medialem Brimborium auf "vital – vegetarisch – vegan" um. Und im Gegensatz zu heute, wo man sich mit Erklärungen und Selbstbeweihräucherungen weitgehend zurückhält, tönte die VW-Presseabteilung 2015, man habe mit der Umstellung auf bio, fleisch- und tierproduktfrei die Gesundheit des Essers fest im Auge. Schließlich enthielte konventionelle Milch ja Antibiotika und andere Medikamente und  konventionelles Fleisch sei voll von Hormonen und Anabolika.

Wenn man überhaupt noch tierische Produkte verzehren wolle, dann unbedingt bio, denn nur da sei beispielsweise garantiert, dass kein Tiermehl verfüttert, also kein BSE übertragen werde. Am gesündesten, so erklärte die VW-Ernährungsberatung, sei aber natürlich, sich gleich vegetarisch oder besser noch vegan zu ernähren.

Aktion verlief im Sand

Die Aktion flog VW damals gehörig um die Ohren. Nicht nur Landwirte protestierten gegen die unverschämten Falschbehauptungen. Am Ende schlief das Ganze sang- und klanglos ein, auch weil "Dieselgate" dann doch alle Greenwashing-Versuche zunichte machte.

Auch diesmal ist der Unmut gegen die kulinarische Bevormundung nicht zu überhören. Sogar Altkanzler Gerhard Schröder meldete sich zu Wort. "Currywurst mit Pommes ist einer der Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion." Säße er noch im Aufsichtsrat, hätte es diese Streichung nicht gegeben.

Viel Aufmerksamkeit für VW

Fakt ist: Lautstarke Proteste verschaffen VW und seiner fragwürdigen Ernährungserziehung nur zusätzliche Aufmerksamkeit. Mitarbeiter und Gäste können – zumindest bisher noch – mit den Füßen abstimmen. Die nächste Kantine mit Currywurstausgabe liegt nur einen Katzensprung entfernt auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Es ist ohnehin wenig wahrscheinlich, dass die beliebte Wurst (2019 hatte die VW-Schlachterei allein 7 Mio. davon produziert, also rund 20.000 am Tag verkauft!) komplett verschwindet, ohne dass die Belegschaft in Generalstreik tritt.

Gegen falsche Vorwürfe wehren

Die Aufregung ist also im Moment übertrieben. Jeder kann essen, was er will. Und wir werden ja sehen, wie lange die Hauptkantine fleischlos bleibt, wenn Gerhard Schröder recht hat und VW-Mitarbeiter Currywurst und Pommes sozusagen als Treibstoff benötigen.

Wehren muss man sich allerdings, wenn die Unternehmensleitung wieder das eigene Karma aufbügeln möchte, indem sie der hiesigen Landwirtschaft gesundheitsschädliches oder gar gesetzeswidriges Verhalten unterstellt, wie das 2015 der Fall war. Denn merke: Nur was ich selber denk und tu, das traue ich auch andern zu.

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