Login

Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Interview

Wie entstehen mittelfristige Wetterprognosen?

Wettervarianten
am Montag, 22.06.2020 - 12:00 (Jetzt kommentieren)

Droht uns trotz der Regenfälle in den letzten Tagen wieder ein Dürresommer? Das Europäische Zentrum für Mittelfristige Wettervorhersage (ECWMF) prognostiziert es so. Dabei sind mittelfristige Wettervorhersagen über mehrere Wochen bis Monate hinweg noch immer eine anspruchsvolle Aufgabe.
agrarheute hat im Jahr 2018 mit Dr. Florian Pappenberger vom ECWMF über die Treffsicherheit heutiger und künftiger Wetterprognosen gesprochen.

Nur wenig treibt Landwirte so um wie das Wetter. Hitze und Trockenheit, regional auch Unwetter mit starken Niederschlägen – all das bedroht die Erträge. Die Betroffenen wüssten gern, wie es wettermäßig die nächsten Wochen und Monate weitergeht. Droht uns wieder ein Extremsommer? Wetterexperten prognostizieren zwar heuer keine Rekordhitze, aber vor allem im Norden wieder viel zu wenig Niederschläge. Wie verlässlich sind diese Aussagen?

agrarheute hat im Sommer 2018 mit dem Direktor der Vorhersage beim Europäischen Zentrum für Mittelfristige Wettervorhersage (ECWMF), Dr. Florian Pappenberger, über die Zuverlässigkeit von Wettermodellen und die Zukunft der Wettervorhersage gesprochen.

 

agrarheute: Was ist das Europäische Zentrum für Mittelfristige Wettervorhersage und wer verwendet Ihre Prognosen?

Pappenberger: Unsere Institution ist 1979 durch einen Zusammenschluss europäischer Staaten entstanden und besteht heute aus 34 Mitgliedern aus Europa und Mittelmeeranrainerländern. Von dort erhalten wir Daten und deren nationale Wetterdienste – in Deutschland der Deutsche Wetterdienst (DWD) – nutzen unter anderem unsere Wetterprognosen.

agrarheute: Was ist das Besondere an den Vorhersagen des ECWMF?

Pappenberger: Unsere mittelfristige Wettervorhersage ist gegenwärtig die genaueste weltweit, vor allem, weil wir eine ungeheure Datenmenge nutzen können. Nahezu 40 Mio. Beobachtungen täglich erhalten wir von Bodenstationen, Satelliten, Flugzeugen und so weiter. Das verschafft uns ausgezeichnete Anfangsbedingungen für unsere Berechnungen. Unser Vorhersagemodell ist zudem sehr gut, es beruht auf über 40 Jahren Erfahrung. Und nicht zuletzt haben wir einfach einen verdammt großen Rechner.

agrarheute: Wie kommen Sie zu Ihren Vorhersagen?

Pappenberger: Unsere Daten fließen in verschiedene Vorhersagemodelle ein. Dazu gehören ein Zweiwochenmodell, das zweimal täglich neu berechnet wird, und ein monatlich erstelltes saisonales Modell. Außerdem haben wir ein Monatsmodell, mit dem wir bis zu 46 Tage im Voraus die Wetterentwicklung abschätzen. Diese Prognose wird zweimal wöchentlich aktualisiert.

agrarheute: Und wie wird gerechnet?

Pappenberger: Alle drei Prognosen haben gemeinsam, dass sie auf sogenannten Ensemblemodellen beruhen. Das bedeutet, dass jede Berechnung 51-mal durchgeführt wird – immer mit leicht veränderten Ausgangsbedingungen und Modellvariablen. Wir rechnen also Varianten, um die Treffsicherheit unserer Vorhersagen zu erhöhen.

agrarheute: Wie genau sind Ihre Modelle denn räumlich gesehen?

Pappenberger: Die Auflösung unserer Vorhersagen beträgt 18 mal 18 km, zuzüglich eines hochaufgelösten Szenarios mit 9 mal 9 km. Das ist schon sehr fein.

agrarheute: Und wie zuverlässig sind Ihre Prognosen für längere Zeiträume?

Pappenberger: Da muss man ein bisschen vorsichtig sein. In den Medien wird im Moment immer wieder unser Monatsmodell zitiert, nach dem es bis Mitte September keinen nennenswerten Regen geben werde. Eine wirklich belastbare Aussage kann man aber bislang nur für etwa zwei Wochen im Voraus treffen. Danach nähert sich die Trefferwahrscheinlichkeit immer mehr dem Zufall an, weil bereits geringfügigste Veränderungen in der weltweiten Wetterlage zu unvorhergesehenen Entwicklungen führen können. Das ist der berühmte Schmetterling, der in China mit den Flügeln schlägt und so in Amerika das Wetter verändert.

agrarheute: Bislang sind also treffsichere Prognosen nur relativ kurzfristig möglich. Was meinen Sie: Werden wir irgendwann zuverlässige Wettervorhersagen für ganze Jahreszeiten oder sogar Jahre im Voraus haben?

Pappenberger: Zu unseren Lebzeiten wohl nicht, auch wenn wir bestimmte Phänomene wie El Nino oder La Nina schon jetzt auf saisonaler Basis prognostizieren können. Nichtsdestotrotz nähern wir uns auch bei der Gesamtwetterlage einer höheren Genauigkeit immer mehr an.

agrarheute: Wie erreichen Sie das?

Pappenberger: Wir überarbeiten im Schnitt zweimal jährlich unsere Modelle. Und mit jeder Anpassung sind wir wieder für etwas längere Zeit treffsicherer. Liegen wir mit zuverlässigen Voraussagen für beispielsweise Hitzewellen im Moment ungefähr bei den genannten zwei Wochen, so hoffen wir, in zehn Jahren bei drei Wochen zu sein. Das sind Zeiträume, die wir uns vor 40 Jahren nicht hätten träumen lassen und die wir vielleicht in 40 Jahren nostalgisch belächeln.

agrarheute: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen für agrarheute stellte Sabine Leopold.

Passend zum Wetter: 25 Fakten über die Sonne

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...