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Facharbeiter Landwirtschaft

Fachpraktiker Landwirtschaft: Traumberuf trotz Handicap

Fachpraktiker-Landwirtschaft-Johannes-Schwarzenbacher
am Montag, 23.03.2020 - 09:26 (Jetzt kommentieren)

Johannes Schwarzenbacher arbeitet mit Leib und Seele in der Landwirtschaft. Dafür musste er allerdings hart kämpfen, denn er leidet unter einer Lernschwäche. Die Ausbildung zum Fachpraktiker Landwirtschaft hat ihm die Tür zu seinem Traumjob geöffnet.

Eine enge Straße, ein breiter Traktor und ein junger Fahrer. Gelassen lenkt der 22-jährige Johannes Schwarzenbacher seinen John Deere 6145R mit dem angehängten Ladewagen durch Holzhausen in Bayern. Er setzt den Blinker, blickt über die Schulter und biegt links ab. Er ist da, im Hof hinter dem Jungviehstall des landwirtschaftlichen Betriebs der Stiftung Regens Wagner Holzhausen, dort wo die Maschinenhalle ist. Sein Reich. Seit 2018 ist er hier für die Außenwirtschaft angestellt, seine Ausbildung hat er auch schon hier gemacht. Hört sich an, wie der ganz normale Werdegang eines landwirtschaftlichen Auszubildenden. Das ist es aber nicht. Denn Johannes leidet unter einer Lernschwäche und musste hart dafür kämpfen, seinen Traumberuf ausüben zu können.

„Gerade mit Mathe tue ich mich schwer. Formeln waren immer ein rotes Tuch für mich“, sagt er. Deshalb scheiterte er auch an der Hauptschule – die Noten waren zu schlecht. „Sobald es zu theoretisch wird, schaltet mein Hirn einfach ab. Praktische Aufgaben fallen mir leichter. Wenn ich etwas selber machen muss, kann ich Dinge leichter begreifen und lernen.“ Seinen Schulabschluss hat er an einer Förderschule gemacht und hatte 2014 seinen Mittelschulabschluss in der Tasche. Doch was nun?

Fachpraktiker-Landwirtschaft-Johannes

Dass sein Weg ihn in die Landwirtschaft führt, wurde Johannes Schwarzenbacher in die Wiege gelegt. Sein Vater arbeitet für einen Lohnunternehmer und sein Onkel bewirtschaftet einen Milchviehbetrieb, auf dem er schon als kleiner Junge immer mit angepackt hat. „Mein Onkel hat mich auch schon immer viel alleine machen lassen und viel Verantwortung übertragen. Als ich dann älter war, ist er in den Urlaub gefahren und ich habe mich um den Hof gekümmert.“

Der Traum, für immer als Landwirt zu arbeiten, schien jedoch in weiter Ferne. Einige Beratungsgespräche, zum Beispiel bei der Agentur für Arbeit, haben ergeben, dass er eine Vollausbildung nicht schaffen würde. „Da wäre einfach zu viel Mathe dabei gewesen“, sagt er und stellt sein Gespann im Hof ab.

Den Ladewagen parkt er ausnahmsweise nicht an seinem festen Platz in der Maschinenhalle, denn Johannes muss ihn nachher sowieso noch in die Werkstatt bringen. Der Reifenwechsel steht an. Dass Johannes auf dem Milchviehbetrieb von Regens Wagner Holzhausen genauso viel Verantwortung trägt wie früher auf dem Hof seines Onkels, kommt nicht von ungefähr. Bereits 2012 hat er sein erstes Praktikum hier gemacht. „Damals war das eigentlich noch als Vorbereitung für die Vollausbildung gedacht“, sagt der 22-Jährige.

Erster Fachpraktiker in Bayern

Der Betriebsleiter hatte aber wohl schon im Gespür, dass dies nicht der richtige Weg für Johannes ist, und hat ihm von der Ausbildung zum Fachpraktiker Landwirtschaft erzählt, quasi einer theoriereduzierten Ausbildung zum landwirtschaftlichen Mitarbeiter. „Die Idee hat mir sehr gut gefallen und letztendlich habe ich mich dazu entschieden, dass ich das machen will“, sagt Johannes. Ganz so einfach war es aber dann leider doch nicht. Denn bis dato wurde die Ausbildung zum Fachpraktiker Landwirtschaft in Bayern nicht angeboten. Er hätte sie zwar in Baden-Württemberg, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein machen können. „Ich wollte aber lieber in der Heimat bleiben“, sagt er und steigt von seinem 6145R. Also wandte er sich an Regens Wagner Holzhausen und rannte dort offene Türen ein.

Bei der Ausbildung zum Fachpraktiker Landwirtschaft handelt es sich um eine geförderte Maßnahme der Agentur für Arbeit. Das verlangt von der ausbildenden Einrichtung einige Anforderungen, die bei der Stiftung in Holzhausen bereits gegeben waren: eine individuelle schulische Förderung, eine sozialpädagogische und psychologische Betreuung für den Bedarfsfall, ein Betriebsarzt und ein Ausbilder mit einer Rehapädagogischen Zusatzqualifikation.

Fachpraktiker-Landwirtschaft-Johannes-Schwarzenbacher

Bereits seit 1997 überlegte man, die Ausbildung zum Fachpraktiker Landwirtschaft anzubieten, was jedoch aus verschiedenen Gründen scheiterte. Johannes, der die Ausbildung unbedingt hier machen wollte, brachte letztendlich mit seinem Antrag den entscheidenden Stein ins Rollen. Es folgten noch viele weitere Anträge, einige Verhandlungen und ein Haufen Bürokratie seitens der Stiftung sowie zahlreiche E-Mails an Landwirtschaftsämter von seiner Mutter.
Die Erlaubnis des Ministeriums und die Unterstützung eines Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten waren nötig, um die Ausbildung anbieten zu dürfen.

Außerdem musste die Agentur für Arbeit den Reha-Status von Johannes offiziell feststellen. Somit hat er schwarz auf weiß, dass er für eine Vollausbildung ungeeignet ist. „Das hat sich aber alles gelohnt“, sagt Johannes und lächelt, als er den Stützfuß des Ladewagens herablässt. Im Herbst 2015, nur sechs Monate nachdem er den Antrag gestellt hat, konnte Johannes Schwarzenbacher seine Ausbildung zum Fachpraktiker Landwirtschaft in Holzhausen beginnen.

Theoriereduzierte Ausbildung

Der 22-Jährige koppelt den Ladewagen nun ganz vom Traktor ab. Hydraulik, Druckluftbremse, Zapfwelle; jeder Handgriff sitzt. Damit hatte er auch noch nie Probleme. Kritisch wurde es bei ihm immer erst, wenn Mathe im Spiel war. Und theoriereduzierte Ausbildung hin oder her: Auch in der dreijährigen dualen Ausbildung zum Fachpraktiker konnte er seine Achillesferse nicht umgehen. Die Fachbereiche wie pflanzliche und tierische Erzeugung, Landtechnik oder Ökonomie und Umwelt sind im Kern an die Vollausbildung angelehnt. Der Stoff ist so weit reduziert, dass die angehenden Fachpraktiker das notwendige theoretische Wissen erlernen, um zuverlässig arbeiten zu können. Ein gewisses Maß an Mathe hat Johannes also trotzdem gebraucht.

Als er sich erinnert, erlischt sein fröhliches Blitzen in den Augen: „Das war früher ganz schlimm. Wenn ich morgens wusste, dass heute Mathe dran ist, habe ich echt Bauchweh gekriegt. Das hat mich richtig krankgemacht.“ Diese Angst wurde ihm während seiner Ausbildung allerdings genommen. Sehr kleine Fachklassen – in seiner Klasse an der Förder-Berufsschule von Regens Wagner Holzhausen waren insgesamt drei Schüler – ermöglichen eine intensive, individuelle Betreuung. Gepaart mit weniger Leistungsdruck und mehr Zeit als in der herkömmlichen Berufsschule sowie psychologischer Betreuung hinsichtlich seiner Prüfungsangst führten zum gewünschten Ergebnis. Er konnte sich seiner Zwischenprüfung im zweiten Lehrjahr schon ohne Angst stellen, die Abschlussprüfung war dann erst recht kein Problem mehr. Früher hätte er aus Frustration einfach aufgegeben.

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Johannes schüttelt sich kurz, als könnte er die Erinnerung an früher einfach abwerfen, und steigt wieder auf seinen Johnny. In einem Zug dreht er im eher kleinen Hof, in dem auch noch der Ladewagen steht, und setzt vor dem Grubber zurück. Obwohl er auch in der Ausbildung am liebsten den ganzen Tag auf dem Traktor gesessen hätte, hat natürlich auch der Stall eine große Rolle in seinem Alltag als Azubi gespielt. Der Ausbildungsrahmenplan schreibt vor, was die Auszubildenden am Ende können müssen. Genauso wie in der Vollausbildung auch. Der große Unterschied ist, dass die Azubis langsamer an ihre Aufgaben herangeführt werden. In der Vollausbildung erklärt man dem Auszubildenden einen Arbeitsablauf einmal und am nächsten Tag muss er die Aufgabe selbst erledigen. In der Ausbildung zum Fachpraktiker darf er erst mal zuschauen, bekommt schriftliche Verfahrenshilfen an die Hand, erledigt die Arbeit unter Aufsicht und macht sie dann irgendwann mal alleine. Trainingslernen nennt man das.

Weniger Tempo und mehr Betreuung

Wichtig ist es in dem Zuge, den Azubis ihre Stärken vor Augen zu führen. Die angehenden Fachpraktiker haben oft viele negative Erfahrungen gemacht. Sie sind zum Beispiel schon in der Schule gescheitert oder haben bereits eine Ausbildung abgebrochen. Mehr Zeit für die einzelnen Aufgaben und die Unterstützung der Sozialdienste helfen, ihr Selbstbewusstsein wiederaufzubauen. Gleichzeitig soll auch an den Schwächen gearbeitet werden. Dabei entscheidet der Ausbilder individuell, bei welchen Arbeiten Unterstützung nötig ist. Johannes hat diese Unterstützung im Stall nicht gebraucht. Trotz seinem Händchen für Maschinen lag sein größtes Problem im technischen Bereich: das Abdrehen der Sämaschine. „Die Saatmenge auszurechnen ging gar nicht, da hat mein Hirn komplett abgeschaltet“, gesteht er und hängt den Grubber in die Heckhydraulik. „Mein Ausbilder konnte mir das aber mit der Zeit gut vermitteln, sodass ich heute gar keine Angst mehr davor habe. Ich konnte einfach so sein, wie ich bin. Ich musste meine Schwächen nicht mehr verstecken. Wo ich Hilfe gebraucht habe, habe ich sie bekommen. Und ich durfte dennoch Verantwortung übernehmen.“

Fachpraktiker-Landwirtschaft-Johannes-Schwarzenbacher

Trotzdem stehen die Auszubildenden zum Fachpraktiker Landwirtschaft nicht unter Produktionsdruck. Der Gewinn des Betriebs steht während der Ausbildung nicht im Vordergrund. Ziel ist es, den jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass er den Aufgaben in seinem neuen Job dann auch gewachsen ist. Der Azubi hat drei Jahre lang Zeit, um zu diesem Punkt zu kommen. Dass dieses Konzept aufgeht, dafür ist Johannes Schwarzenbacher das beste Beispiel. Er hebt den Grubber mit der Heckhydraulik an und macht sich auf den Weg zum Feld. Er hat seinen Betriebsleiter während der Ausbildung so sehr von sich überzeugt, dass er Johannes unbedingt behalten wollte. Heute ist der 22-Jährige Herr über die 200 ha des landwirtschaftlichen Betriebs von Regens Wagner Holzhausen, kümmert sich um die Maschinenwartung und um Reparaturen. Und wenn er im Herbst zur Aussaat des Wintergetreides die Sämaschine an seinen John Deere 6145R hängt, macht er das mittlerweile routiniert und ohne Bauchweh.

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