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Bayern

Flächenfraß: ICE-Trasse verunsichert Landwirte

Matthias Fischer steht in seinem Acker
am Montag, 12.07.2021 - 09:01 (1 Kommentar)

Zwischen Ulm und Augsburg plant die Deutsche Bahn eine neue ICE-Strecke. Angeblich im Einklang mit den Bürgern, davon merken die betroffenen Landwirte jedoch wenig.

Sie spart viele Millionen Kilometer Pkw- oder Lkw-Fahrten ein und leistet damit einen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz. Sie bringt kürzere Fahrzeiten und verbessert die Verkehrsachse durch Bayerisch-Schwaben somit wesentlich. Gleichzeitig schafft man mit ihr Kapazitäten, um künftig noch mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Und sie wird im Einklang mit den Bürgern geplant. Mit solch wohlklingenden Worten beschreibt die Deutsche Bahn den Ausbau der ICE-Strecke von Ulm nach Augsburg – ein Projekt, dass die Gemüter der betroffenen Landwirte erhitzt.

Landwirtschaftliche Betriebe aktuell nicht berücksichtigt

Wo die Strecke konkret verlaufen wird, steht noch nicht fest. Aktuell prüft die Bahn die sogenannten Raumwiderstände von fünf möglichen Trassenvarianten. Zu den Raumwiderständen zählen: 

  • Menschen, menschliche Gesundheit 
  • Tiere, Pflanzen und biologische Vielfalt 
  • Wasser 
  • Fläche 
  • Boden
  • Klima und Luft
  • Landschaft (inklusive Erholung)
  • Kulturelles Erbe und sonstige Sachgüter
  • Habitatschutz (Natura 2000)
  • Artenschutz 

Landwirtschaftliche Betriebe berücksichtigt die Bahn bei der Prüfung aktuell nicht. Das prangert der Bayerische Bauernverband (BBV) an. Der Trassenbau bedeute massive Nachteile und Einschnitte in die Betriebsorganisation der betroffenen Landwirte. Das müsse die Bahn als Teil des Raumwiederstands berücksichtigen. 

Musterformular des Bauernverbands für betroffene Landwirte

Grafik der möglichen Trassenverläufe

Die Flächenversiegelung, die der Bau mit sich bringt, könnte landwirtschaftliche Betriebe die Existenz kosten. Um Informationen aus erster Hand zu erhalten, arbeitet der BBV Schwaben in den einzelnen Projektgremien für den Ausbau der ICE-Strecke von Ulm nach Augsburg mit. Zudem ruft der Verband alle betroffenen Landwirte dazu auf, sich zu Wort zu melden. Hierfür hat er ein Musterformular entwickelt, mithilfe dessen Landwirte die Belange und Einwände ihrer Betriebe einbringen können.

ICE-Bahntrasse Ulm-Augsburg: Betriebe massiv beeinträchtigt

Einer der betroffenen Landwirte ist Matthias Fischer aus Kadeltshofen. Sein Betrieb ist von zwei der Trassenvarianten betroffen. “Bei den beiden südlichsten Trassen würden mir 20 ha wegfallen”, sagt der Milchviehhalter gegenüber agrarheute. “Das entspricht einem Siebtel meiner gesamten Fläche. Mir ginge Futterfläche verloren und ich müsste Tierhaltung einbüßen - das beeinflusst meinen ganzen Betrieb.” Darüber hinaus wäre die Anbindung an die Flächen, die ihm blieben, erschwert. Denn egal, wohin er möchte: die Bahnstrecke müsste er künftig immer umfahren. Das kostet Zeit und Sprit. Hinzu käme die Lärmbelästigung: die Strecke würde in nur 300 bis 500 Metern Entfernung zum Ort – und zu seinem Wohnhaus – verlaufen.  

Vorhandene Infrastruktur für Bahnstrecke nutzen

Ein Banner gegen die ICE-Trasse in einem Feld

“Ich weiß, dass die Bahnstrecke eine beschlossene Sache ist. Sie wird kommen. Sinnvoller finde ich es aber, die alte Bahnstrecke bis nach Nersingen auszubauen und sie von dort aus an der A8 entlang verlaufen zu lassen.” Für diese Lösung spricht sich im Übrigen auch der Bund Naturschutz aus. Dem Landwirt täte es leid, dass auch davon Berufskollegen betroffen wären, aber: “Mit Blick auf Landschaft und Natur halte ich das für die vernünftigste Lösung. Da die Autobahn sowieso schon dort verläuft, wäre die Zerschneidung der Flur bedeutend geringer. Zudem ist die Infrastruktur dort schon vorhanden. Leitungen, Stromanschlüsse, etc. Das würde die Kosten reduzieren. 

Trassenbau: Dialog zwischen Landwirten und Bahn mühsam

Alles in allem ist Matthias Fischer bezüglich der Situation verunsichert. “Wir wissen einfach nicht, was genau auf uns zukommt. Die Bahn war zwar mit einem Infomobil unterwegs, außer den beiden Hostessen war jedoch niemand vor Ort – niemand, mit dem man vernünftig diskutieren konnte. Bei einer Infoveranstaltung von BBV und Bahn im Februar haben wir die DB-Vertreter um die Kartierung gebeten. Das wurde uns zwar zugesagt, passiert ist jedoch nichts. 

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