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Glosse

Flucht aus der Stadt - Fluch für das Land?

Kirche-auf-dem-Dorf
am Samstag, 21.08.2021 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Geschlossene Kneipen, Shopping auf Abstand, FFP2 in den Öffentlichen... das Leben in der Großstadt ist nur noch halb so spaßig wie früher. Was das Wohnen, Arbeiten und Feiern in der Stadt früher so attraktiv hat, fällt nun flach oder summiert sich zusätzlich zu den Unannehmlichkeiten wie Lärm, Enge, Verkehrschaos, die man notgedrungen in Kauf genommen hat.

Die Lösung: Zieh doch raus aufs Land! Eine Studie des ifo-Instituts zeigt: Zahlreiche Großstadt-Bewohner möchten aus den Metropolen wegziehen. Mehr als jeder achte Bewohner (12,9 Prozent) in Städten mit über einer halben Million Einwohner will diese im nächsten Jahr verlassen.

Oh. Mein. Gott. Denkt sich der Landbewohner in mir.

Warum? Weil es schön ist auf dem Land. Und es ist genau deshalb so schön, weil hier Menschen leben, die wissen, wie Landleben geht. Verkehrslärm haben wir nicht - außer wenn die örtliche Landjugend im Traktor-und-Bieranhänger-Korso zum Freundschaftsspiel gegen die Fußballmannschaft des Nachbarorts fährt (womit der Begriff Freundschaftsspiel schon passé ist, denn die sind ja unsere Todfeinde auf dem Rasen. Schon immer.) Oder eben beim Silieren, Dreschen oder Häckseln, da ist Lärm ja normal. Und total egal, weil gefühlt jeder mithilft und eh keiner schläft, bevor nicht alles siliert, gedroschen oder gehäckselt ist.

Tuchfühlung gibt es zweimal im Jahr, nämlich wenn die Glühweinbude aufgestellt ist und wenn der Maibaum aufgestellt ist. Sonst: Dorf-Komfort-Distanz von 1-2 Grundstückslängen. Die echten Könner haben sogar noch ein Altenteilerhaus oder eine alte Scheune zwischen sich und dem nächsten Anlieger. Oder direkt ausgesiedelt. Gilt natürlich nicht für Verwandtschaft - und über drei Ecken ist man ja eh mit der Hälfte der Nachbarn irgendwie verschwägert.

Kann man Landleben lernen?

Landleben ist eine Lebenseinstellung. Der Pfarrer ist wichtig, selbst wenn man mit der Kirche nichts mehr am Hut hat. Der Promilleweg wird nicht kontrolliert. Das Altpapier wartet gebündelt auf die Landjugend. Und wenn einem die Frau krank wird, dann bringt man Essen vorbei, selbst wenn man sich letzte Woche noch wegen der Hecke angeschrien hat. Kann jemand aus der Stadt lernen, wie das Leben hier so läuft? Ich habe Bedenken.

Sechsuhrläuten: gabs schon immer

Ein Beispiel: In einem meiner letzten Wohnorte - bayerische Gemeinde, knapp 1.700 Einwohner, man kennt sich - gibt es eine schöne kleine Kirche auf einem Hügel. Unterhalb dieses Hügels richtete sich eine Familie aus der Stadt ihre neue Heimat ein. Einfamilienhaus, Garten, Ausblick, Hund, bisschen Solar auf dem Dach - ein wahres Idyll. Bis auf die Kirche. Denn die hat eine Glocke. Und wie jeder weiß (dachte ich zumindest), läutet die morgens um 6 Uhr. Je nach Region auch schon um 5.30 Uhr. Das nervt, befand die Familie, die - wohlgemerkt sehenden Auges - direkt unterhalb des Kirchturms ihr Haus gebaut hatte. Und versuchte, das Sechs-Uhr-Läuten wegzuklagen. Ich bin aus der Gemeinde fortgezogen, bevor der Streit zu einem Abschluss kam. Aber ich vermute, die Glocke läutet a) immer noch morgens um 6 Uhr und b) die Familie hat noch nicht viele Freunde gefunden in der neuen Wahlheimat.

Geschichten wie diese hört man oft. Menschen, die in die Natur ziehen, Ruhe und Frieden suchen und dann entsetzt feststellen, dass es hier schon Menschen gibt, die arbeiten, wohnen und existieren. Setzen Sie für die Kirchenglocken wahlweise Sägewerk, Kuhglocken, Güllefahren, Melkmaschine oder was auch immer ein - irgendwas stört immer. Lustig, wenn man bedenkt, dass dieselben Leute früher an einer 4-spurigen Straße mit Feirabendverkehr überlebt hat, ohne zu prozessieren oder Plakate aufzustellen.

Mein Vorschlag: Ändert doch in der Stadt, was euch da stört. Dann stört euch auch nichts von dem, was wir hier auf dem Land so wunderbar lebenswert finden.

Zwischen Feld und Wald: Darum lieben wir das Landleben

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