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Gleichberechtigung

Frauen in der Landwirtschaft: Auf Augenhöhe mit den Männern

Frauen in der Landwirtschaft
am Donnerstag, 28.07.2022 - 14:00 (Jetzt kommentieren)

Frauen führen in der Landwirtschaft immer öfter große Technik oder gleich den ganzen Betrieb. Trotzdem hat die Gleichberechtigung auch in der Agrarbranche immer noch Luft nach oben.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein Bauer mitleidige Blicke erntete, wenn seine Kinderschar ausschließlich aus Töchtern bestand: „Was denn? Kein Sohn? Wer soll denn da mal den Hof übernehmen?“ Blieb nur, die Töchter gut zu verheiraten, damit einer der Schwiegersöhne die Hofnachfolge antreten konnte. Oder sollte etwa eins der Mädchen später Chefin auf dem Betrieb werden? Undenkbar!

Zum Glück ist diese rigorose Sicht auf die Geschlechter inzwischen relativ selten geworden. Immer mehr Landwirtschaftsbetriebe werden von Frauen geleitet. 2020 hat das Statistische Bundesamt deutschlandweit 28.412 Betriebsleiterinnen in landwirtschaftlichen Unternehmen erfasst. Das sind knapp 10,8 Prozent aller hiesigen Betriebe im Haupt- und Nebenerwerb. Zehn Jahre zuvor waren es noch 8,6 Prozent.

Immer mehr Frauen leiten Landwirtschaftsbetriebe

Frauen als Betriebsleiterinnen in der Landwirtschaft

Der Anteil der Frauen an den Betriebsspitzen nimmt also zu – und das über alle Unternehmensformen hinweg (siehe Grafik).

Interessant dabei: In großen Unternehmen, die als juristische Personen organisiert sind, liegt der Anteil der Betriebsleiterinnen mit 14,3 Prozent deutlich höher als in Familienbetrieben mit 10,9 Prozent. Die wenigsten weiblichen Chefs gibt es mit 9,4 Prozent in Personengesellschaften.

Baltikum hat die Nase vorn

Trotz des positiven Trends liegt Deutschland innerhalb Europas allerdings am unteren Ende der Skala, was weibliche Betriebsleiter in der Landwirtschaft angeht. Weniger Frauen in Führungspositionen hatten laut Eurostat im Erfassungsjahr 2016 nur noch Dänemark (8 Prozent), Malta (6 Prozent) und Schlusslicht Niederlande (5 Prozent). 

Ganz anders sieht es zum Beispiel im Baltikum aus. In Litauen und Lettland stehen jeweils in 45 Prozent aller Landwirtschaftsbetriebe Frauen an der Spitze. In Estland sind es 33 Prozent. Ungefähr ein Drittel Betriebsleiterinnen können auch Rumänien, Italien und Österreich vorweisen. Der europäische Durchschnittswert liegt bei 29 Prozent. 

Deutschland hat also noch Luft nach oben, denn schließlich sind hierzulande gut 35 Prozent aller Beschäftigten in landwirtschaftlichen Unternehmen weiblich.

Große Technik ist kein Männerprivileg mehr

Aber nicht nur in den Betriebsleiterpositionen verändert sich allmählich das Geschlechterbild. Auch die Aufgaben weiblicher Mitarbeiter – egal ob Familienarbeitskraft oder Angestellte – beschränken sich nicht mehr nur auf Melken, Kälberbetreuung und Büroarbeit.

Einerseits haben vor allem junge Frauen zunehmend Interesse und Spaß an (PS-starker) Technik und behaupten sich dabei gegen ihre männlichen Kollegen. Andererseits ist auch die typische „Kälberfrau“ auf vielen Betrieben längst ein Mann. Gleichberechtigung ist schließlich keine Einbahnstraße.

Landwirtinnen vermissen oft noch Unterstützung

Trotz neuer, gerechterer Rollenbilder vermissen viele Frauen aber noch die Unterstützung, die sie bräuchten, um sich in einer traditionell männlichen Berufswelt durchzusetzen.

In einer international angelegten Befragung von Corteva Agriscience aus dem Jahr 2018 gaben 80 Prozent der befragten Frauen an, sich mehr Weiterbildungsangebote zu neuen Technologien zu wünschen. Und 75 Prozent hofften auf mehr öffentliches und gesellschaftliches Interesse an ihrer Arbeit.

Frauen fühlen sich nicht gleich behandelt

Landwirtschaft steht besser da als so manche andere Branche

Aber wie steht die Gleichberechtigung in der Landwirtschaft im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen da? In Handwerksbetrieben beispielsweise differieren die Zahlen je nach Art des Handwerks sehr.

Während 2019 36 Prozent aller Konditoreibetriebe von Frauen geführt wurden, waren es bei den Malern und Lackierern nur 4 Prozent. Auch hier zeigt sich: Alte Rollenbilder lösen sich nur schwer auf.

Noch krasser sind die Differenzen, betrachtet man die deutsche Privatwirtschaft und den öffentlichen Dienst im Ganzen. Im sogenannten mittleren Management sind immerhin noch 15 Prozent der Stellen mit Frauen besetzt. Dagegen finden sich auf der Vorstandsebene größerer Unternehmen nur noch 3 Prozent weibliche Führungskräfte.

Hier kann die Landwirtschaft, auch wenn sie selbst noch Reserven hat, anderen Branchen durchaus als Vorbild dienen.

Gleichberechtigung einfordern!

Am Ende haben die Rollen von Männern und Frauen auf einem Landwirtschaftsbetrieb – und natürlich nicht nur dort – viel mit persönlicher Einstellung sich selbst und dem anderen Geschlecht gegenüber zu tun. Wer vom anderen erwartet, dass er ihm auf Augenhöhe begegnet, muss selbst den Blick heben und Augenkontakt suchen. Gleichberechtigung ist ebenso eine Bring- wie eine Holschuld. 

So ist es nicht nur unschön, wenn der neue Maschinenhändler beim ersten Besuch auf dem Hof den „richtigen“ Bauern sprechen möchte, obwohl die Betriebsleiterin sich als solche vorstellt. Und es reicht nicht, so einen Fauxpas zähneknirschend wegzustecken.

Klare, selbstbewusste Worte sind unumgänglich, um Gleichberechtigung einzufordern, wo sie noch nicht selbstverständlich ist.

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