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Politik international

Gesucht: Verantwortungsvolle Investitionen gegen den Hunger

von , am
21.01.2013

Berlin - Die Podiumsdiskussion des "Global Forum for Food and Agriculture" im ICC-Berlin war hochrangig besetzt. Alle stellten sich der Frage, wie man nachhaltig in die Landwirtschaft investiert.


Mehr als 80 Ministerinnen und Minister aus der ganzen Welt sind am Samstag nach Berlin gekommen, um mit Agrarministerin Aigner Lösungen im Kampf gegen den Hunger zu suchen. Am Samstag morgen fand die zweistündige Podiumsdiskussion des "Global Forum for Food and Agriculture" satt. Unter dem Motto "Verantwortliche Investitionen in Agrar- und Ernährungswirtschaft - Schlüsselfaktor für Ernährungssicherung und ländliche Entwicklung" diskutierten Experten im ICC Berlin.
 
 
Die Podiumsteilnehmer:
  •  Peter Brabeck-Letamate, Präsident des Verwaltungsrates von Nestlè
  • Jing-Yong Cai, Vorsitzender der Geschäftsführung der IFC, Weltbank
  • Josè Condungua Pacheco, Minister für Landwirtschaft der Republik Mosambik
  • Ilse Aigner, Bundeslandwirtschaftsministerin Deutschland
  • Sheggen Fan, Generaldirektor der International Food Polocy Research
  • Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe e.V.
  • Jürgen Fitschen, Co Vorstandchef der Deutschen Bank

Fitschen: Investieren ist ein Geschäft

In der Podiumsdikussion stellten sich die Teilnehmer der spannenden Frage, wie wir im Jahr 2050 neun Milliarden Menschen ernähren wollen. Laut FAO seien dazu jährlich 83 Milliarden Dollar an Investitionen nötig. Zum einen um die Produktion effizient zu steigern und zum anderen, um die nötige Infrastruktur und Bildung zu schaffen. Aber wie mobilisiert man Investoren dazu, ihr Geld in die Landwirtschaft zu investieren - vor allem nachhaltig zu investieren?
Für Jürgen Fitschen von der Deutschen Bank ist es ein Geschäft wie jedes andere. Denn nur wenn beide Seiten etwas von einer Investition haben, kann es langfristig gut gehen. Investoren bräuchten eine angemessene Rendite. Seine Aufgabe sei es, die Brücke zwischen Investoren und denjenigen, die Kapital brauchen über die Landesgrenzen hinweg zu bauen, betonte Fitschen.

Cai: Investitionen contra Risiken

Das Problem bei Investitionen ist, dass dieser Sektor mit vielen Risiken behaftet ist. Der Vorsitzenden der Geschäftsführung der IFC, Jin-Yong Cai sieht die größten Risiken in der Wetterabhängigkeit der Landwirtschaft und schwankenden Preise. Allerdings seien Faktoren wie der Zugang zu einer intakten Infrastruktur und politische Unsicherheit ebenfalls abschreckend für Investoren. Es geht also darum, gute Bedingungen für die Investoren - die zum größten Teils aus der Privatwirtschaft kommen müssen ein sicheres Umfeld zu schaffen.

Dieckmann: Produzierte Lebensmittel nicht verschwenden

Bärbel Dieckmann, Präsidenten der deutschen Welthungerhilfe, fordert Investitionen zugunsten der Kleinbauer. "Reine Transaktionen bringen nichts". Nachhaltig investieren heißt für sie Know-how zu vermitteln, Sicherheit und Arbeitsplätze zu geben und den Menschen vor Ort wirklich nützen. Um die Nahrungssicherheit zu gewährleiten setzt Dieckmann nicht auf Produktionssteigerung, sondern auf den Erhalt und den sorgsamen Umgang mit den produzierten Nahrungsmitteln. Es könne nicht sein, dass in Ländern wie Deutschland 40 Prozent der weggeschmissen werden.
Problematisch sei auch die Lagerhaltung in den ärmeren Länder. Dort würden 40 Prozent der geernteten Produkte noch nicht mal auf dem Tisch landen. Hier müsse investiert werden. In Infrastruktur und Know-how. Bekräftigt Dieckmann.

Diskussion um Agrarspekulationen

In einer anschließenden Pressekonferenz wurde auch das Thema der Agrarspekulationen angesprochen. Fitschen von der Deutschen Bank bekräftigt, dass man nach einer ausführlichen Prüfung "keinen Nachweis gefunden, dass die Spekulation für die Preisentwicklung verantwortlich ist". Allerdings schloss er nicht aus, dass Spekulationen teilweise, neben vielen anderen Faktoren für dir Volatilität mit verantwortlich sind.
Bärbel Dieckmann widersprach: "Spekulationen haben eindeutig dazu beigetragen, durch die Volatilität bei Preisen Hungersituationen gerade in kritischen Momenten zu verstärken".

 

Anke Fritz / agrarheute.com

 

80 Minister bekennen sich zu gemeinsamen Papier

Ilse Aigner mit dem Vorsitzenden des Ausschusses für Welternährungssicherung der Vereinten Nationen, Herrn Yaya Olaniran bei der Vorstellung des Kommuniqués. © hek

Zum Abschluss des 5. Internationalen Agrarministergipfels am Samstag in Berlin haben sich Minister aus rund 80 Staaten der Welt zu einem entschlossenen Kampf gegen den Hunger bekannt und eine deutliche Steigerung der Investitionen in die Land- und Ernährungswirtschaft besonders in Entwicklungsländern gefordert.


Die rund 80 teilnehmenden Staaten, die insgesamt knapp fünf Milliarden Einwohner und damit etwa 70 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren, betonten im Abschlusskommuniqué des Gipfels die besondere Bedeutung von verantwortungsvollen öffentlichen und privaten Investitionen in die Landwirtschaft. Dies teilt das BMELV mit. Als Initiatorin und Leiterin des Gipfeltreffens erklärte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner: "Hunger herrscht vor allem in ländlichen Regionen, und viele der Betroffenen sind Kleinbauern. Deswegen müssen wir bei der Landwirtschaft ansetzen - sie ist der Schlüssel zur Lösung des Problems. Nahrungsmittel müssen vor allem dort produziert werden, wo man sie braucht. Unser Ziel ist es, das vorhandene Agrarpotenzial weltweit nachhaltig zu nutzen, Reserven zu erschließen und gleichzeitig den Umwelt- und Klimaschutz zu berücksichtigen. Dazu bedarf es einer deutlichen Steigerung von verantwortungsvollen Investitionen in den Agrarbereich. Entscheidend dabei ist, dass bestimmte Kriterien berücksichtigt werden müssen, wie der Schutz von Klima und Umwelt sowie die Einhaltung der Menschenrechte und sozialer Standards. Und alle Investitionen müssen transparent sein."

Kleinbauern als Schlüssel

Die teilnehmenden Staaten, die auf Regierungsebene vertreten waren, sowie die hochrangig vertretenen internationalen Organisation erklärten bei der Konferenz im Auswärtigen Amt, dass der Kapitalbedarf zur Entwicklung einer nachhaltigen Land- und Ernährungswirtschaft für die Welternährung zwar groß sei, dass aber im Grundsatz das notwendige Kapital hierzu vorhanden sei. Daher bedürfe es insbesondere der passenden Rahmenbedingungen und Instrumente, um Kapital in den ländlichen Raum zu lenken, es dort gezielt einzusetzen und dabei auf die Bedürfnisse der Bevölkerung einzugehen. Voraussetzungen dafür seien politische Stabilität und die Entschlossenheit, der Landwirtschaft den entsprechenden Stellenwert einzuräumen. So können verantwortungsvolle Investitionen letztlich einen wichtigen Beitrag leisten zur sozialen Stabilität, Konfliktbekämpfung und Friedenssicherung.
 
"Die Kleinbauern sind ein Schlüssel zur Lösung vieler Ernährungsprobleme. Können sie erfolgreich wirtschaften, produzieren sie nicht nur dringend benötigte Lebensmittel, sondern sorgen auch für neue Arbeitsplätze und für Wertschöpfung in schlecht entwickelten Regionen", sagte Aigner. Kleinbauern, Frauen und lokale Gemeinschaften seien die tragenden Säulen für die Agrarerzeugung im ländlichen Raum in Entwicklungsländern. Ihnen fehle es häufig nicht nur an Kapital, Wissen und Technik. Hinzu komme, dass auch ihre Rechtsstellung häufig schwach sei. "Daher müssen sie in den Mittelpunkt der Strategie zur Steigerung von verantwortungsvollen Investitionen gerückt werden."

Entschlossener vorgehen

Das Abschlusskommuniqué zum 5. Berliner Agrarministergipfel wurde am Samstag von Bundesministerin Aigner an den Vorsitzenden des Ausschusses für Welternährungssicherung der Vereinten Nationen, Herrn Yaya Olaniran, übergeben. Aigner erklärte dabei: "Wir sind uns einig: Der Kampf gegen den Hunger muss noch entschlossener geführt werden. Das Menschenrecht auf Nahrung darf nicht nur auf dem Papier stehen. Die Staatengemeinschaft, der Privatsektor und die Zivilgesellschaft sind gefordert, die Erarbeitung von freiwilligen Prinzipien für verantwortungsvolle Agrarinvestitionen insbesondere im Rahmen des UN-Welternährungsausschusses zu unterstützen und sich aktiv an dem Prozess zu beteiligen. Mit dem heutigen Gipfel haben wir hier einen wichtigen Impuls gesetzt. Nur in einer gemeinsamen Anstrengung können wir diese globalen Herausforderungen bewältigen."
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