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Gleichberechtigung auf dem Bauernhof: Kein Thema nur für Frauen

Welche Rolle die Landwirtin auf dem Betrieb einnimmt und welche der Landwirt, sollte gemeinsam entschieden werden.
am Freitag, 14.10.2022 - 11:10 (Jetzt kommentieren)

Der eine Partner ist Betriebsleiter. Welche Aufgaben übernimmt der andere Partner? Und wieviel Mitspracherecht haben Landfrauen beim Thema Landwirtschaft? Gleichberechtigung auf dem Betrieb ist nicht nur partnerschaftlich, sondern auch betriebswirtschaftlich ein wichtiger Faktor, weiß die Agrarwissenschaftlerin und Mediatorin Rachel Zabel von Cavallogics.

Die klassische Rollenverteilung auf den Höfen: Der Mann ist Betriebsleiter, die Frau kümmert sich um Kinder, Küche, Kälber. Ist das zeitgemäß?

Dazu ein klares Jein. Wir haben festgestellt, dass Familien im ländlichen Bereich tatsächlich gute zehn Jahre hinterher sind, was die gleichberechtigte Aufteilung der Aufgaben angeht. Ob das gut oder schlecht ist, kann man aber schlecht bewerten. Die Frage der Gleichberechtigung unterliegt einem gewissen Trend und man muss ja bekanntlich nicht gleich jeden Trend nachmachen.

Wie finde ich denn die richtige, die gerechte Verteilung?

Es geht vor allem darum, was man wirklich will und dass sich Mann und Frau einig sind. Oft ergibt sich die Verteilung schon aufgrund der Hofnachfolge: Wer den Hof von den Eltern übernimmt, der oder die übernimmt fast zwangsläufig die Betriebsleiterrolle. Frauen sind da bisher nicht in der Mehrzahl, sondern ein geringer Prozentsatz, aber es ist ein Trend zu erkennen.

Betriebsleitung und Haushalt - wer macht was?

Kann eine Partnerschaft denn gleichberechtigt sein, wenn ein Partner Betriebsleiter ist und der andere „nur“ den Haushalt führt?

Ob eine Partnerschaft gleichberechtigt ist, hängt nicht unbedingt von der beruflichen Verteilung ab. Einen starken und einen schwachen Part gibt es eigentlich in jeder Beziehung, wobei sich das auch situationsbedingt verschiebt. Entscheidend ist, dass die Bedürfnisse von beiden berücksichtigt werden und keiner in seinem Sein unterdrückt wird! Von außen betrachtet erscheint eine klassische Rollenverteilung oft als Ungleichberechtigung. Aber manche Frauen sind mit dieser Verteilung glücklich. Das ist dann nicht antiquiert, sondern ein erprobtes Lebensmodell mit vielen Vorteilen für die ganze Familie.

„Ist Ihr Mann auch da?“ – diese Frage kennt fast jede Landwirtsfrau. Wie signalisiere ich, dass auch ich in der Lage bin, die Geschäfte zu führen?

Einmal ordentlich kontern, das sollte reichen. Bei den meisten hat sich das Problem damit erledigt. Das ist oft nur eine Frage des persönlichen Auftretens – und natürlich auch des Rückhalts des Partners. Wie wäre es denn, wenn der Mann zum Beispiel dem Futtermittelhändler sagen würde: Das Geschäftliche regelt meine Frau. Damit habe ich nichts zu tun?

Vorsicht bei der Rente

Familienarbeit wird meist unentgeltlich geleistet. Für die Rente ist das schlecht. Wie wichtig ist es, das Thema Entlohnung anzusprechen?

Ein ganz wichtiger Punkt! Schon allein betriebswirtschaftlich betrachtet ist es für die meisten Betriebe sinnvoll, die Frau in einer Position anzustellen, denn das sind steuerlich absetzbare Kosten. Ist dies nicht möglich, sollten die Partner besprechen, wie die Frau abgesichert ist. Und damit meine ich nicht über den Mann, sondern in Form einer eigenen Altersvorsorge. Frauen um die 50 Jahre, die nicht im Berufsleben gewesen sind und kaum Rente eingezahlt haben, stehen im Fall einer Trennung dumm da. Der sogenannte Versorgungsausgleich findet ja heute nicht mehr so statt. Das ist eine Ungerechtigkeit, die man unbedingt vermeiden sollte, schon aus Wertschätzung für den anderen.

Wie kann ich in der Partnerschaft mehr Verantwortung für den Betrieb bekommen?

Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass die Frauen viel Einfluss auf Geldangelegenheiten haben. Wichtige Entscheidungen müssen immer gemeinsam getroffen werden. Das hat nichts mit Landwirtschaft zu tun, sondern mit Partnerschaft. Große Entscheidungen wie Investitionen oder der Aufbau neuer Betriebszweige, das kann keiner im Alleingang entscheiden oder sogar hinter dem Rücken des anderen. Das wäre eine klare Missachtung des Gegenübers. In einem solchen Fall muss die Frau sich durchsetzen und kann da auch absolut selbstbewusst auftreten. Wenn ich mehr Mitsprache haben will, muss ich mich durchsetzen können. Man kann lernen, Wünsche und Anliegen entsprechend zu formulieren. Das gehört zu jedem Unternehmer und also auch dazu, wenn ich als Mitunternehmerin auftreten will. Wer will, der sucht Wege. Wer nicht will, findet Gründe. Wer wirklich was ändern will, der findet einen Weg.

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