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Umwelt

Glyphosat in Muttermilch: Seriöse Studie oder Panikmache?

Stillende Mütter werden verunsichert sein. Laut einer Studie der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen bfindet sich Glyphosat in der Muttermilch. © id-foto/fotolia
von , am
29.06.2015

Ein neue Studie macht Schlagzeilen: "Glyphosat in der Muttermilch". Doch wie wissenschaftlich ist diese Studie? Kritiker und Befürworter melden sich zu Wort.

Stillende Mütter werden verunsichert sein. Laut einer Studie der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen bfindet sich Glyphosat in der Muttermilch. © id-foto/fotolia
Die Bundestagsfraktion Bündnis 90 /Die Grünen hat Muttermilch auf Glyphosat testen lassen. In einem Labor in Leipzig seien demnach 16 Proben Milch von verschiedenen Müttern auf Glyphosatgetestet worden, die sich überwiegend mit konventionellen Lebensmitteln ernähren. Die teilnehmenden Frauen waren laut Bündnis 90 / Die Grünen allesamt keine Anwenderinnen von Glyphosat, das heißt, die Belastung müsse daher aus anderen Quellen resultieren. In allen 16 Muttermilchproben würden die festgestellten Glyphosatrückstände über dem für Trinkwasser zulässigen Rückstandshöchstgehalt von 0,1 ng/ml (Nanogramm pro Milliliter) liegen, steht auf der Internetseite der Fraktion. Für Muttermilch selbst gäbe es keinen Grenzwert. Alle getesteten Werte lagen zwischen 0,2 und 0,43 ng/ml. Kritik an der Studie kommt jetzt aus verschiedenen Richtungen.
 
Ministerin Hinz: "Untersuchungsergebnisse erfordern ein Handeln"
 
Die hessische Umwelt- und Verbraucherschutzministerin Priska Hinz hat umgehend auf jüngste Untersuchungsbefunde zu Glyphosat in Muttermilch reagiert. "Nachdem schon die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Glyphosat für wahrscheinlich krebserregend hält, machen die neuesten Untersuchungsergebnisse bei stillenden Müttern aus mehreren Bundesländern ein Handeln erforderlich", sagte die Ministerin. In Reaktion darauf hat das Umweltministerium umgehend einen Erlass an den Pflanzenschutzdienst des Landes verschickt. In Hessen unterliegt der Einsatz von Glyphosat, außerhalb land-, forstwirtschaftlich und gärtnerisch genutzter Flächen, auf öffentlichen Freiflächen einem Genehmigungsvorbehalt.

BfR: "Orginalstudie liegt nicht vor"

Dem Bundesministerium für Risikobewertung (BfR) liegen weder die Originalstudie noch ausreichende methodischen Informationen zu den Analysenmethoden und der Probennahme vor. Deshalb kann zu den bisher vorliegenden Daten nur vorläufig Stellung genommen werden. Die bislang vom BfR ausgewerteten Daten von Glyphosat im Urin aus sieben anderen Studien zeigen, dass die Gehalte in der Regel im einstelligen Mikrogrammbereich pro Liter und somit durchweg weit unterhalb eines gesundheitlich bedenklichen Bereichs liegen. Eine Überschreitung des Trinkwasserhöchstgehaltes, wie dies offenbar für Glyphosatfunde aus der Muttermilch angenommen wird, bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein gesundheitliches Risiko besteht, da der Trinkwasserhöchstgehalt ein Vorsorgewert für alle Pestizide ist und nicht toxikologisch für einzelne Wirkstoffe abgeleitet wird.

Minister Bonde: "Alamierendes Signal"

Der Stuttgarter Landwirtschaftsminister Alexander Bonde zeigte sich unterdessen "äußerst beunruhigt" von den Ergebnissen. Nachdem im März die Krebsforschungsagentur IARC der WHO Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend eingestuft habe, sei dies das nächste alarmierende Signal. Der Stuttgarter Landwirtschaftsminister erinnerte daran, dass die Verbraucherschutzministerkonferenz (VSMK) im Mai dieses Jahres den Bund aufgrund der neuen WHO-Bewertung aufgefordert habe, aus Vorsorgegründen die Abgabe des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat an Privatpersonen zu verbieten. Außerdem habe sich die VSMK für ein vorläufiges Verbot der Glyphosat-Anwendung auf Flächen ausgesporchen, die nicht land- oder forstwirtschaftlich genutzt würden, bis eine abschließende Neubewertung vorliege.

DBV: Rückstandsfunde belegen keine Risiken

Udo Hemmerling, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV) äußerte sivch im Interview gegenüber dem Radiosender MDR INFO zu der aktuellen Kritik der Partei Bündnis 90/Grüne an dem Wirkstoff. "Einige Untersuchungen im Auftrag der Grünen-Partei reichen nicht aus. Notwendig sind amtliche Untersuchungen", forderte Hemmerling. Und allein die Tatsache von Rückstandsfunden belege noch keine Risiken: "Die moderne Untersuchungstechnik ist in den letzten 20 bis 30 Jahren so sensibel geworden, dass kleinste Stoffgehalte praktisch überall nachgewiesen werden können."

Arbeitsgemeinschaft Glyphosat: "Effektheischende Art der Veröffentlichung"

Die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat, in der sich verschiedene Unternehmen der deutschen Pflanzenschutzindustrie zusammengeschlos-sen haben, rügte die Verunsicherung vieler Familien durch die Berichterstattung über die Wirkstofffunde. Die Anlage der Untersuchung und ihre "effektheischende Art der Veröffentlichung" hält sie für bedenklich. Der Vergleich mit Trinkwasser-Grenzwerten klinge auf den ersten Blick besorgniserregend. Es handele sich jedoch nicht um einen toxikologischen Grenzwert, sondern eine frühere Nachweisgrenze. Muttermilch sei ein sensibles und wichtiges Nahrungsmittel. Aber die darin festgestellten Mengen an Glyphosat sollten nicht zu falschen Schlüssen führen. Nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen gäben sie keinen Anlass zur Sorge.

Offener Brief: "Völlig unklar, wie die Werte zustande kommen"

In einem offenen Brief äußern sich Wissenschaftler, Landwirte und engagierte Bürger über die Berichterstattung: "So werden in der Pressemitteilung die ermittelten Werte mit den Trinkwasser-Grenzwerten verglichen. Diese Grenzwerte sind allerdings pauschaler Natur, gelten für alle Arten von Pflanzenschutzmittel und Bioziden und sind somit nicht geeignet, um daraus eine etwaige Gesundheitsgefährdung abzuleiten. Ausschlaggebend ist die in der EU zulässige Tagesaufnahme, kurz ADI (acceptable daily intake). Die liegt für Glyphosat bei 0,3 mg pro Kilogramm Körpergewicht. Ein vier Kilo schwerer Säugling müsste also von der in der Stichprobe am stärksten belasteten Muttermilch mehr als 2.777,778 Liter am Tag trinken, um diesen Grenzwert zu überschreiten", heißt es in dem offenen Brief.
 
Die Argumentation der Wissenschaftler im offenen Brief:
  1. Es fehlen Angaben zur Auswahl der Probandinnen und zur Gewinnung der Proben.
  2. Die Ergebnisse beschränken sich auf eine Tabelle mit Messwerten. Es sind keine Standardabweichungen angegebenen.
  3. Laut Legende wurde ein nicht akkreditiertes Verfahren eingesetzt.
  4. Es werden keine Kontrollen oder Referenzwerte angegeben.
  5. Eine genaue Beschreibung der Methode fehlt. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist der angewendete ELISA Test für wässrige Lösungen, nicht aber für fetthaltige Proben geeignet.
  6. Die vorgelegten Daten entsprechen nicht den Standards, die für eine wissenschaftliche Evaluierung der Messergebnisse ausreichen, oder eine Validierung erlauben.
  7. Die vom BfR in einer ersten Stellungnahme aufgeworfenen Fragen können aus den vorgelegten Daten nicht beantwortet werden.

Abschließend schreiben die Autoren des öffentlichen Briefes: "Es sei somit völlig unklar, wie die ermittelten Werte zustande gekommen sind. Eine Aussage zu einer etwaigen Gesundheitsgefährdung erlauben diese Daten auf keinen Fall, sagen die Unterzeichner des Briefes. Eine solche zu suggerieren, sei fahrlässig".

 

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