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Kommentar

Greenpeace klebt Etiketten auf Lidl-Produkte

Lidl-Schild
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Sabine Leopold, agrarheute
am
02.11.2017

Greenpeace klebt dieser Tage "Warnhinweise" auf Schweinefleischpackungen der Lidl-Marke "Landjunker". Damit wolle man auf Tierleid und Antibiotika-Missbrauch hinweisen, sagt Greenpeace. Und auf die zugehörigen Spendenkonten, sollte man hinzufügen.

Das Hamburger Abendblatt titelte Ende Juli: "Greenpeace warnt vor Antibiotika im Fleisch". Gemeint war damit eine Aktion, bei der Greenpeace-Mitglieder vor Supermärkten mit Schwarzlichtlampen auf Fleischstücke zielten und damit multiresistente Keime "nachwiesen". Mikrobiologen und Lebensmittelchemiker staunten gleichermaßen nicht schlecht über die Methode, dennoch blieb die fragwürdige Aktion für die NGO-Panikmacher ohne Folgen.

Kaum drei Monate später nun der nächste Streich: In 56 Städten deutschlandweit beklebte Greenpeace Schweinefleischprodukte der Lidl-Marke Landjunker mit "Warnhinweisen": "Mit Tierleid" stand auf den gelbschwarzen Schildern oder "Mit Antibiotika".

„Für Discounter-Billigfleisch leiden Tiere millionenfach in deutschen Ställen, zu viel Gülle verschmutzt unser Trinkwasser und der hohe Einsatz von Antibiotika sorgt für immer mehr multiresistente Keime in der Umwelt“, erklärte die Organisation im Zusammenhang mit der Klebeaktion. Fundierte Daten zur Untermauerung dieser schlagkräftigen Parolen blieb Greenpeace allerdings schuldig.

Aber wozu auch? Dass Schweinefleisch aus konventioneller Haltung multiresistente Keime (oder in der Abendblatt-Auslegung: Antibiotika) enthält, hatte man ja bereits vor drei Monaten unter UV-Licht "bewiesen". Und hinsichtlich der Millionen leidender Tiere verweist die NGO inzwischen gebetsmühlenartig auf ein umstrittenes "Rechtsgutachten" aus dem Mai dieses Jahres, das im Greenpeace-Auftrag von als Tierschutzaktivisten bekannten Juristen erstellt wurde. Dass dessen Ergebnis ein vernichtendes Urteil über die konventionelle Schweinehaltung hierzulande fällte, überrascht wenig. Aber steter Tropfen höhlt eben den Stein.

Damals wie heute Hauptangriffsziel: die Initiative Tierwohl (ITW), deren Unterminierung sich offenbar inzwischen nicht nur Tierschutzverbände auf die Fahnen geschrieben haben. Die sei ein stumpfes Schwert, weil viel zu wenige Tiere in ihren Genuss kämen, die Einzelhandelsketten sich aber mit dem Logo schmückten. Das ist nicht ganz falsch. Aber dass bislang nicht genügend Geld zusammengekam, um alle Interessenten (die nicht selten bereits in Vorleistung gegangen waren) einzubinden, wird nicht dadurch korrigiert, dass man die teilnehmenden Geldgeber medienwirksam in den Hintern tritt. In der zweiten Phase steht eine deutlich höhere Summe zur Verfügung. Das ließe eigentlich hoffen: Bis 2020 wäre noch so viel zu erreichen! Doch Greenpeace-Agrarsprecher Martin Hofstetter erteilte der Initiative vorige Wochen bei einer Tagesspiegel-Fachtagung zur Ethik der Tierhaltung die Sakramente: Die ITW sei gescheitert und das sei auch gut so. Heißt übersetzt: Wenn nicht alle Blütenträume reifen, schickt man die Idee in die Wüste. Greenpeace-Logik, von Goethes inspiriert. Aber dessen Prometheus entschied sich gegen das Aufgeben.

Lidl unterstützt also Tierqual. Und Landwirte setzen diese Quälerei um. Wie praktisch, wenn man stets mit dem Finger auf andere zeigen kann. Seltsamerweise richtet sich die Greenpeace-Kritik an keiner Stelle gegen den Verbraucher, der von Fleisch zum Discounter-Preis ein Höchstmaß an Tierwohlkriterien erwartet. Er, der Verbraucher, sei halt verwirrt vom verlogenen ITW-Logo. Kann man doch nicht wissen, dass billige Produkte auch kostengünstig erzeugt werden müssen ...

Tatsächlich bedient sich die Nahrungsmittelwerbung noch viel zu oft irreführender Bilder. Das kreidet niemand mehr an als die hiesigen Landwirte selber. Dass sich die Nutztierhaltung dennoch in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter verbessert hat, dass in Wahrheit Antibiotika-Rückstände nur allerseltenste Einzelfällen sind, dass multiresistente Keime nachgewiesenermaßen fast ausschließlich aus dem Humanbereich kommen und dass – bezogen auf die Haltungsbedingungen – Deutschland weltweit unter den Spitzenreitern rangiert, interessiert Greenpeace nicht.

Mit einem konstruktiven Dialog, der allen – vor allem aber den Tieren – zugute käme, lässt sich eben kein Spendenkonto füllen.

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