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Kommentar

Von grünen Kreuzen und schwarzen Fahnen

Traktor mit Landvolkschild
am Mittwoch, 16.09.2020 - 12:00 (Jetzt kommentieren)

Ein Symbol soll selbsterklärend sein. Wer sich allerdings dabei ständig gegen Missdeutungen wehren muss, sollte seine Bildsprache überdenken. Ein Kommentar.

Viele große Bewegungen haben ihr Symbol, das sie unverwechselbar macht. Fast jeder kennt heute das Peace-Zeichen aus der Anti-Atomkriegbewegung, die rote Aids-Schleife oder die Regenbogenflagge der Homosexuellen.

So ein Symbol fanden vor fast genau einem Jahr auch die deutschen Landwirte, als sie die Öffentlichkeit auf ihre Probleme aufmerksam machen wollten. Quasi über Nacht wuchsen auf Feldern und Wiesen Tausende grüne Kreuze aus dem Boden. Sie sollten eine Mahnung sein, die ausreichende, gesunde und vielfältige Nahrungsmittelversorgung hierzulande nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Und sie symbolisierten die Bereitschaft der Landwirte, mit Politikern und Verbrauchern über die Probleme unserer Zeit zu reden und gemeinsame Lösungen zu finden.

Die grünen Kreuze werden rar in den Medien

Durch die Beteiligung vieler Landwirte in ganz Deutschland und eine intensive Öffentlichkeitsarbeit fanden die grünen Kreuze tatsächlich Einzug ins gesellschaftliche Bewusstsein. Selbst große Medien berichteten über sie und über das, was sie bewirken sollten. Die Idee schien angekommen.

Doch inzwischen sind die Kreuze wieder rar geworden in der deutschen Medienlandschaft. In der Berichterstattung über Traktordemos und Bauernproteste werden sie als Symbol immer häufiger abgelöst von schwarzen Flaggen mit dem rund 90 Jahre alten Signum der Landvolkbewegung aus weißem Pflug und rotem Schwert.

Auch gestern in Hannover waren diese Fahnen wieder vertreten und sorgten für zwiespältige Gefühle – nicht nur bei Beobachtern und Journalisten, sondern auch bei den teilnehmenden Landwirten selbst. Viele distanzieren sich von dieser Symbolik. So mancher meidet wegen ihr inzwischen die Demos ganz.

Ein verheerendes Signal

Übertreiben die Kritiker der schwarzen Flaggen? Ist es wirklich so schlimm, wenn die Öffentlichkeit die Bauernproteste mit dem alten Landvolk-Symbol verbindet?

Meine ganz persönliche Meinung dazu? Es ist verheerend!

Selbst ohne den historischen Hintergrund, der allen Abwiegelungen zum Trotz auch von Gewalt und der Nähe zu Antisemitismus, Ständetum und Nationalsozialismus geprägt war: Was, bitteschön, soll ein blutrotes Schwert denn vermitteln? Dass die Landwirtschaft wieder zurück in die Mitte unserer Gesellschaft möchte? Wohl kaum.

Aus der Zeit gefallene Symbolik

„Lewwer duad üs Slaaw!“ lautete Ende der 1920-Jahre der Wahlspruch der neu entstandenen Landvolkbewegung. "Lieber tot als Sklave!"

Schon damals kam das sehr martialisch daher. Es symbolisierte eine Kampfbereitschaft, die sich nicht auf Worte beschränkte. Das blutige Schwert war eine durchaus ernstzunehmende Drohung, gewachsen in den von Gewalt und Elend bestimmten Nachkriegsjahren des Ersten Weltkriegs.

Ins Hier und Jetzt gerückt aber demonstriert diese Symbolik vor allem eins: eine bedenkliche Distanz zu unserer heutigen Gesellschaft.

Rückschlag im Ringen um den Dialog

Das Schlimmste daran ist für mich jedoch: Die historischen Zusammenhänge machen es jenen, die die Zukunfstfähigkeit und die Gesprächsbereitschaft der Branche diskreditieren wollen, verdammt leicht! Und gerade jetzt, vor dem Hintergrund der Zukunftskommission, braucht die Landwirtschaft so dringend gesellschaftliches und politisches Verständnis für ihre Belange.

Das wird mit der alten Landvolk-Flagge torpediert. Denn wie ein Symbol auf Außenstehende wirkt, hängt nun einmal nicht nur davon ab, wie es gemeint, sondern auch davon, wie es verstanden und interpretiert wird. Symbole, die man immer wieder erklären, ja verteidigen muss, versagen in ihrer Funktion.

Und ein blutiges Schwert gehört eben nicht in eine ausgestreckte Hand.

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