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Glosse

Grüner Wahlkampf im Radio-Eriwan-Stil

Kartoffelsalat
am Montag, 10.08.2020 - 09:45 (1 Kommentar)

Ist im Wahlkampf jedes Mittel recht? Im Prinzip ja, finden die nordrhein-westfälischen Grünen. Eine Glosse.

Kennen Sie Radio Eriwan? Jenen fiktiven sowjetischen Staatssender, der die abstrusesten Zusammenhänge konstruiert, um wirklich jede Frage mit „Im Prinzip ja, wenn …“ zu beantworten? Für die, die sich an die alten Witze nicht erinnern, ein Beispiel: „Kann man jemanden mit einem Handtuch erschlagen?“ „Im Prinzip ja, wenn man vorher ein Bügeleisen in das Handtuch wickelt.“ Anders ausgedrückt: Man muss nur die Kriterien geschickt definieren, dann ist alles möglich.

Das dachten sich jetzt wohl auch die Grünen in Nordrhein-Westfalen. Sie plakatierten zur Kommunalwahl am 13. September diverse Slogans. Einer davon lautet: „Grün ist, auch ohne Glyphosat die dicksten Kartoffeln zu haben.“

Für diesen Spruch erntete die Landesgruppe jede Menge Hohn und Spott im Netz. Landwirte wollten von den grünen Wahlkämpfern wissen, an welcher Stelle im Kartoffelanbau denn normalerweise Glyphosat eingesetzt werde und ob den Erfindern des knackigen Slogans nicht klar sei, dass das Totalherbizid auf einer Kartoffelpflanze das Ende derselben bedeuten würde?

Kartoffelacker ist irgendwie überall

Die NRW-Grünen nahmen daraufhin auf ihrer Website Stellung zur umstrittenen Kampagne. Glyphosat töte zwar alle Pflanzen mit Ausnahme gentechnisch veränderter (die bei uns nicht angebaut werden dürfen, aber das vergessen die Seitenbetreiber natürlich zu erwähnen) – also auch Kartoffeln. Aber auf Kartoffeläckern sei der „Pflanzenkiller“ zumindest in der Folgevegetationszeit erlaubt, um beispielsweise Durchwuchskartoffeln in der Getreidestoppel zu bekämpfen. Und so ganz prinzipiell dürfe Glyphosat ja auch in Zwischenfrüchten vor und nach Kartoffeln eingesetzt werden – wenn nicht biologische Grundsätze oder die Greeningvorschriften dagegensprächen.

Die Antwort der Grünen auf die Frage nach dem Glyphosateinsatz im Kartoffelanbau lautet verkürzt also: „Im Prinzip ja, wenn man jede Fläche zum Kartoffelacker erklärt, auf der auch mal Kartoffeln stehen oder gestanden haben könnten.“

Die grünen Retter der deutschen Kartoffel

Die Plakate bleiben hängen. Ist ja auch ein teurer Spaß gewesen, sie zu drucken und an Laternen und Bäume zu hängen. Und die Wochen bis zur Wahl verfliegen. Da nimmt man schon mal billigend in Kauf – oder setzt ganz bewusst darauf –, dass die Wähler dank des Slogans glauben, Kartoffeln aus dem konventionellen Anbau seien „glyphosatverseucht“. Und da man dank jahrelanger Kampagnen eine gehörige Panik vor den (wissenschaftlich mehrfach widerlegten) gesundheitlichen Folgen des Herbizids geschürt hat, dürfte die Wirkung die gewünschte sein. Wen scheren da schon Fakten?

Und so bekommt die uralte Radio-Eriwan-Witzesammlung ein neues Exponat: „Retten uns die Grünen vor dem Glyphosateinsatz in Kartoffeln?“ Antwort: „Im Prinzip ja, wenn es ihn denn gäbe.“

 

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