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Dorf und Familie

Gurr-Hirsch: Frauen als Motor der ländlichen Entwicklung

Externer Autor ,
am
15.02.2011

Brüssel - Die besondere Förderung von Frauen auf dem Land zahlt sich aus. Diese Aussage wurde in der Brüsseler Landesvertretung Baden-Württembergs bekräftigt.

Anlässlich einer Vortragsveranstaltung unter dem Motto "Erfolgreich Unternehmerin sein - Die Rolle der Frau in der ländlichen Entwicklung" bot die Landesregierung eine Plattform zur Präsentation erfolgreicher Projekte, wie sich Frauen - auch dank Fördergeldern aus Stuttgart und Brüssel - ein eigenes Standbein aufbauen konnten.
 
Insgesamt vier Beispiele aus Baden-Württemberg und Südtirol wurden vorgestellt, von der Kinderbetreuung über das Museumscafé mit Hofladen und die Kräuterpädagogik bis hin zur organisierten Nachbarschaftshilfe.

Vernetzung von Frauen zentral

Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch vom Stuttgarter Landwirtschaftsministerium hob die Bedeutung einer spezifischen Förderung hervor: "Wenn Frauen weggehen, veröden die Regionen." Deshalb müsse man in ihre Bildung und Vernetzung investieren. Die CDU-Europaabgeordnete Elisabeth Jeggle griff diesen Punkt auf: Frauen auf dem Land hätten ganz unterschiedliche soziale Hintergründe und wollten sich über den rein bäuerlichen Bereich hinaus vernetzen. Das sei ihr in Gesprächen immer wieder klar geworden. Dazu gebe es bislang jedoch keine originäre Vertretung.
 
Die bekannten Strukturen über die Bauernverbände seien zwar wichtig, reichten aber nicht aus. Josefine Loriz-Hoffmann von der Europäischen Kommission wies auf die Verantwortung der Mitgliedstaaten hin, die von der EU angebotenen Fördermöglichkeiten auch wahrzunehmen. Derzeit würden rund 13 Prozent der Mittel in der Zweiten Säule für nicht-landwirtschaftliche Projekte ausgegeben. Das seien häufig relativ kleine Beträge von wenigen tausend Euro, die aber viel ausmachen könnten.

Entlohnung wichtig

Jeggle forderte die stärkere Präsenz von Frauen in den Gremien von Institutionen, Unternehmen und Verbänden, wobei sie allerdings dem Begriff "positive Diskriminierung" kritisch gegenüberstand. Sie verwies auf ihren Initiativbericht zur Rolle der Frau in ländlichen Räumen, der Ende Januar durch den Landwirtschaftsausschuss des Europaparlaments ging. Darin heiße es im Moment, Frauen sollten "angemessen" in solchen Gremien vertreten sein. "Mal sehen, was daraus wird", so die CDU-Politikerin. Sie betonte, dass sie mit ihrem Bericht erst belächelt worden sei, dann aber großes Interesse hervorgerufen habe, beispielsweise auch in Polen.
 
Ferner unterstrich sie die Bedeutung einer finanziellen Entlohnung engagierter Frauen. Ehrenamtliche Tätigkeiten seien wichtig, reichten aber nicht aus. Schließlich sollten die Fördermaßnahmen - vor dem Hintergrund der Vereinbarkeit von Familie und Beruf - Wege zu einer möglichen Berufstätigkeit eröffnen. Als hervorragende Aufgabe für die nahe Zukunft machte Jeggle die Verteidigung der Projektmittel bei den anstehenden Verhandlungen über den EU-Haushalt nach 2013 aus. Sie rief dazu auf, die politischen Vertreter zu Hause und in Europa für diese Frage zu sensibilisieren.

Förderung an Frauenbeteiligung binden

Loriz-Hoffmann betonte, dass EU-Agrarkommissar Dr. Dacian Cioloş und seinen Mitarbeitern der Erhalt der ländlichen Räume am Herzen liege. Gleichzeitig erinnerte sie an die deutlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen der EU. Wieviel Geld künftig für Frauen im ländlichen Raum zur Verfügung stehen wird, wollte die Referatsleiterin in der Generaldirektion Landwirtschaft nicht beziffern. Auch auf starre Vorgaben bei den Ausgabenanteilen legte sie sich nicht fest. Wichtig sei es, dass die Entwicklungen ernst genommen würden und man das politische Interesse der Bürger wecke. Durchaus vorstellen kann es sich Loriz-Hoffmann, dass für die Abrufung von Fördergeldern in der ländlichen Entwicklung künftig häufiger als bisher die Beteiligung von Frauen - ganz gleich, ob Landwirtinnen oder nicht - gefordert wird.
 
Zentral sei der Bereich Aus- und Weiterbildung. Viele Leute wüssten gar nicht, welche Möglichkeiten es in diesem Bereich gebe. Ferner wolle man noch mehr Initiativen und Kooperationen fördern beziehungsweise Geld für den Entwurf von Konzepten und Plattformen bereitstellen. Als Beispiel nannte sie die Unterstützung der Verwendung von regionalen Produkten in der Gemeinschaftsverpflegung. Sie verteidigte die Gemeinschaftsinitiative Leader als prinzipiell erfolgreichen Ansatz, auch wenn "nicht immer die Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden".

Beitrag zum Betriebseinkommen

Die Vorsitzende der Südtiroler Bäuerinnenorganisation, Maria Hochgruber Kuenzer, stellte die Sozialgenossenschaft "Mit Bäuerinnen lernen | wachsen | leben" vor. Die Einrichtung bietet seit 2007 die Betreuung von Kindern im Alter von bis zu drei Jahren am Bauernhof durch ausgebildete Tagesmütter an - zuletzt standen 47 Kräfte zur Verfügung. Dahinter steht die Idee, es Bäuerinnen zu ermöglichen, ohne Investitionen und von zu Hause aus zum Betriebseinkommen beizutragen.
 
Die Frauen arbeiten auf Zeit, genießen aber Sozialleistungen wie ein 13. Gehalt, 26 Tage Urlaub oder Absicherung im Krankheitsfall. Jutta Zeisset, die Nachfolgerin eines landwirtschaftlichen Betriebs im südbadischen Weisweil, beschrieb den Aufbau ihres Cafés mit angeschlossenem Verkaufsladen um das Haus- und Hofmuseum ihres Vaters herum. Mittlerweile habe das Café am Ort drei Vollarbeitsplätze und 27 Teilzeitstellen geschaffen. Es sei gelungen, sowohl Besucher von außerhalb als auch die Mitglieder der eigenen Gemeinde zum regelmäßigen Verweilen zu animieren. Dadurch sei die Attraktivität von Weisweil insgesamt gestiegen.

Mehr Selbstbewusstsein

Claudia Nafzger von der 2009 gegründeten Interessengemeinschaft der Kräuterpädagogen will mit ihrer Arbeit einen Bezug zur Landwirtschaft herstellen - für Menschen jeden Alters, von Kindern bis Senioren. Die Pädagoginnen vermittelten Wissen rund um Kräuter an Schulen, Bildungsträger und Interessierte, so die Inhaberin des Unternehmens "Kräuter in der Provinz". Dazu seien sie vorher ein Jahr lang in den Bereichen Biologie, Pädagogik, Ernährungslehre, Gesundheiterhaltung und vielem mehr ausgebildet worden. Die Vernetzung der Frauen hält Nafzger für enorm wichtig. Nur auf diese Weise könnten Herausforderungen wie beispielsweise das Catering für Großveranstaltungen gestemmt werden. Dadurch steige gleichzeitig ihr Selbstbewusstsein.
 
Maria Hensler vom Verein "Hilfe von Haus zu Haus" in Gaienhofen am Bodensee unterstrich mit Blick auf den immer höheren Anteil älterer Menschen die Bedeutung von neuen Formen sozialer Dienstleistungen. Man müsse den sozialen Wandel als Chance begreifen, so Hensler. An ihrem 2003 von der Katholischen Landfrauenbewegung ins Leben gerufenen Netz arbeiteten mittlerweile mehr als 60 Helferinnen mit. Die Dienstleistungen reichten von der Alten- und Krankenversorgung einschließlich der Entlastung von Angehörigen über die Kleinkinderbetreuung bis hin zur Gemeinschaftsverpflegung. Dabei legte Hensler Wert auf die Feststellung, dass der Verein mit seinen relativ günstigen Sätzen nicht in Konkurrenz zu Pflegeeinrichtungen trete: "Wir bieten nur Betreuung, keine Pflege." (AgE)
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