Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Blog Felix

Die Agrarfabrik: Was ist das eigentlich?

Fleckviehkuh
am Montag, 08.02.2021 - 08:43 (Jetzt kommentieren)

Ist der Benzingerhof von Felix und seiner Familie schon eine Agrarfabrik, weil sie mit AzuBi und Angestellten arbeiten? Und was ist eine Agrarfabrik eigentlich? Darüber macht sich der Junglandwirt heute Gedanken.

Liebe Hofhelden,

wir Landwirte in Deutschland stehen vor einer großen Herausforderung: Während immer mehr Menschen den Bezug zu der Herkunft und der Produktion ihrer Lebensmittel verlieren, stehen wir immer mehr in der Kritik, dass wir anscheinend unsere Tiere nicht richtig behandeln, ja im Extremfall sogar quälen würden und in diesem Zusammenhang auch noch rücksichtlos mit Mensch- und Umwelt umgehen.

Diese Denke des Verbrauchers lässt sich neuerdings in einem Wort zusammenfassen, denn die sogenannte „Agrarfabrik“ ist in aller Munde, obwohl eigentlich keiner genau weiß, was darunter konkret zu verstehen ist.

Agrarfabrik: Woher kommt dieser Begriff?

Wer in Google nach dem Begriff „Agrarfabrik“ sucht, wird sogar dort nicht fündig, da selbst die anscheinend allwissende Suchmaschine aus dem Internet keine genaue Definition zu diesem Thema abliefern kann. Höchste Zeit für uns also, zu diesem Thema selbst aktiv zu werden und eine kleine Umfrage auf unserem Instagram-Profil zu starten.

Nachdem alle Teilnehmer ihre Gedanken darüber mit uns geteilt hatten, konnten wir ungefähr die folgende Definition zusammenfassen:

"Eine Agrarfabrik ist ein Ort, an dem eine bestimme Anzahl von Tieren XY gehalten, an dem Menschen, Tiere und Natur nicht respektiert werden und für dessen Betreiber nur der Profit im Vordergrund steht."

Bist du noch ein Familienbetrieb oder schon eine Agrarfabrik?

Interessant dabei: Alle idealisierten den Familienbetrieb, da darunter wahrscheinlich noch die romantische Vorstellung der Landwirtschaft aus alten Tagen mitschwingt. Doch wie viele klassische Familienbetriebe in Deutschland gibt es überhaupt noch, auf denen im Vollerwerb gewirtschaftet wird und auf dem keine Fremdarbeitskräfte zusätzlich tätig sind?

Luftbild vom Benzingerhof

Selbst wir sind nur noch ein familiengeführter Betrieb, denn auch wenn bei uns alle drei Generationen mitanpacken und auf dem Hof tätig sind, würden wir unsere Arbeit nicht mehr ohne unseren Azubi, unseren Angestellten und unsere vielen freiwilligen Mitarbeiter bewältigen können. Für manche wären wir wahrscheinlich auch schon eine Agrarfabrik, auch wenn wir uns selber nicht als eine solche betrachten.

Die Landwirtschaft und die Gesellschaft haben sich verändert

Fakt ist: Wir haben heute nur noch ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe im Vergleich zu vor 50 Jahren. Und natürlich haben fast alle der noch bestehenden Betriebe expandiert oder stehen momentan noch vor der Entscheidung, ob sie ihre Landwirtschaft weiterbetreiben sollen. Wachsen oder Weichen ist eben zu einer traurigen Wahrheit in unserer Branche geworden.

Und in diesem Zusammenhang ist natürlich klar, dass der Verbraucher mehr und mehr den Bezug zu unserer Arbeit verliert. Denn wie viele Menschen leben heute in großen Städten, in denen keine aktive Landwirtschaft betrieben wird.

Felix Schwenk am Fressgitter

Während früher noch viele auf dem Land gelebt haben und dort fast jeder eine kleine Landwirtschaft hatte, kommen für viele heutzutage die Nahrungsmittel nur noch aus dem Supermarkt-Regal. Und um diese Nahrungsmittel zu produzieren ist es natürlich klar, dass wir unsere Felder bewirtschaften und unsere Tiere füttern müssen. Und das alles spielt sich eben heute viel zentralisierter auf ein paar wenigen Höfen ab, wie noch vor 30 oder 40 Jahren.

Unsere Meinung zu diesem Thema

Wir sind der Meinung, dass der Begriff der Agrarfabrik viel zu leichtfertig angewendet wird und wir Bauern zu Unrecht an den Pranger gestellt werden. Die Gesellschaft und die Landwirtschaft haben sich weiterentwickelt, denn jeder will ja genug zu essen haben und am Ende des Tages auf nichts verzichten müssen. Wir können nur sagen, auch wenn wir für manche schon eine Agrarfabrik sind, wir geben jeden Tag unser Bestes, um unseren Mitarbeitern und unseren Tieren gerecht zu werden und dabei im Einklang mit der Natur zu arbeiten. Denn nur wenn es unseren Tieren gut geht und unsere Äcker nährstoffreich und gesund sind, können wir unsere Arbeit gut ausüben.

Und deshalb werden wir weiterhin Öffentlichkeitsarbeit betreiben – um den Menschen zu zeigen, dass sich die Landwirtschaft zwar verändert hat und vielleicht nicht mehr dem romantischen Ideal von früher entspricht, aber trotzdem noch die gleichen Werte wie früher vertritt und für Mensch, Tier und Natur nur das Beste möchte. Denn nur so können wir auch weiterhin mit Stolz und mit gutem Gewissen unseren Job 24/7 ausüben.

Bis bald,

Euer Felix

Alle Blogbeuiträge von Felix findest du auf seiner Autorenseite bei agrarheute.

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...