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Blog Julia J.

Von den Freuden des Winterdiensts und dem Ärger der Anwohner

Julia Jäger sitzt auf einem Schneeschild
am Donnerstag, 08.04.2021 - 09:46 (Jetzt kommentieren)

Julia fährt von Herzen gern Winterdienst. „Das Tanzen der Schneeflocken im Schein der Rundumleuchte am frühen Morgen erfüllt mich immer wieder mit Freude“, sagt sie. Wären da nicht die oft unfairen Reaktionen ihrer Mitbürger…

Hallo Hofhelden,

April, April, der macht was er will. Anlässlich zum kurzen Wintercomeback in einigen Teilen Deutschlands, ist es denke ich einmal an der Zeit, Danke zu sagen. DANKE – an alle Winterdienstler, die uns ein sicheres Durchkommen auf den verschneiten Straßen, in den Wintermonaten, ermöglicht haben.

Viel zu oft liest man in den sozialen Medien bitterböse und beleidigende Kommentare von verärgerten Bürgern, die an uns Winterdienstler gerichtet sind. Ich habe hier mal einige freundliche Kommentare von Facebook herausgesucht:

  • „Nicht mal die Straßen bekommen diese Dummköpfe geräumt.“
  • „Hat man den Arsch wieder nicht aus dem Bett gebracht?“
  • „Andere Leute arbeiten auch noch was richtiges und sollten pünktlich zur Arbeit kommen!“

Was heißt es denn überhaupt, Winterdienst zu machen?

Mein Vater und ich fahren für unsere Gemeinde Winterdienst. Seit mein Dad 2018 seine Hüft-OP hatte, bin auch ich mittlerweile voll involviert in das Geschäft der Alltagshelden.

Ich persönlich, freue mich immer riesig über den ersten Schnee und wenn ich das erste Mal mit unserem Case und dem Schneeschild ausrücken darf. Bevor es aber los gehen kann, müssen wir daheim zunächst die Schneeketten montieren, um in den steilen Straßen im Dorf sicher durchzukommen, ohne dabei uns oder andere zu gefährden.

Meistens klingelt der Wecker an so einem verschneiten Morgen zwischen 03:00 und 04:00 Uhr. Dann wird erst mal ein Blick nach draußen auf den Hof geworfen, um abzuschätzen, ob es von Nöten ist, Schneeräumen zu gehen. In einem Winter wie diesem war das sehr oft der Fall. Danach gibt’s eine kleine Tasse Kaffee um wach zu werden und dann heißt es: Warm einpacken und ab nach draußen!

Trotz der unmenschlichen Uhrzeit ist es für mich immer wieder aufs Neue ein schönes Gefühl, warm eingepackt durch den tiefen Schnee im Hof zu laufen, bis runter zur Halle, wo unser CS 130 darauf wartet, aufgeweckt zu werden. Das Tanzen der Schneeflocken im Schein der Rundumleuchte am frühen Morgen erfüllt mich immer wieder mit Freude.

Case beim Schneeräumen

Jetzt kann es losgehen. Zunächst beginne ich meine Runde auf den Straßen der umliegenden Höfe um anschließend die Tour im Dorf fortzusetzen.

Die frühe Uhrzeit ist nicht nur wichtig, damit die Straßen geräumt sind, wenn der Berufsverkehr losgeht und die Leute unbeschwert zur Arbeit fahren können. Für uns ist es auch entspannter, ohne die drängelnden und ungeduldigen Autofahrer.

Denn gerade beim Räumen der Kreuzungen oder besonders steilen und glatten Straßen, kommt es immer wieder zu gefährlichen Situationen, wenn die Autofahrer einem bis auf den letzten Meter auffahren, ohne den Traktor, die Schneemassen und die davon ausgehende Gefahr einschätzen zu können. Anstatt sich zwei Minuten zu gedulden und einem vielleicht ein Lächeln zu schenken, erntet man leider sehr oft böse Blicke und Gesten.

Die typischen Probleme eines Winterdienstlers

Aber zurück zu meiner Winterdiensttour. Wenn also alles glatt läuft, schaffe ich die Tour in 2,5 bis 3 Stunden und kann dann anschließend unseren Hof von den Schneemassen befreien und mich dann dem wohl verdienten Frühstück widmen.

Wären da nicht diese kleinen heimtückischen Probleme, die einen immer wieder aufhalten und mir viele Minuten rauben. Angefangen von technischen Problemen bis hin zum menschlichen Verschulden.
So kann es beispielsweise vorkommen, dass gleich zu Beginn des Tages der Traktor streikt. Auch ein eingefrorener Scheibenwischer kann ganz schön nervend und zeitaufwändig sein, das habe ich dieses Jahr gemerkt.

ACHTUNG IRONIE: Mit Abstand eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist es aber, die Schneeketten zu flicken, die Aufgrund des Verschleiß kaputt gehen. Am meisten Spaß macht es aber, wenn außerhalb des Traktors ein eisiger Schneesturm herrscht und man seine Handschuhe vergessen hat. Wenn dann noch die Öffnung des „Scherengleichs“, mit der man die Kette repariert, zu klein ist und diese zunächst noch aufgebogen werden muss oder die Ketten zu sehr spannen, um sie zusammenzuflicken, dann ist der Aufreger perfekt. Der Supergau und Zeiträuber schlechthin ist es aber, wenn die gesamte Schneekette vom Reifen fällt und man diese alleine wieder montieren muss. Alles schon passiert, aber Gott sei Dank kommt das eher selten vor.

Falls man vor technischen Problemen verschont bleibt, kann es einem aber auch passieren, dass man – bevor man seine Tour richtig begonnen hat – erst mal ein paar Lieferwägen bergen muss. So ging es mir zumindest diesen Winter. Als ich gerade aus unserem Hof fuhr, traf ich nach 300 Metern auf zwei feststeckende Sprinter, die zuerst aus ihrer misslichen Lage befreit werden mussten, bevor ich weiterfahren konnte. Bis man nach solchen Aktionen dann letztendlich im Dorf ankommt, kann es sein, dass sich der ein oder andere Bürger schon fragt, wo der Winterdienst denn bleibt und ob man den Ar*ch denn nicht aus dem Bett gebracht hat.

Nichts desto trotz mache ich gerne Winterdienst. Ich freue mich, wenn ich schon früh am Morgen freundlich gegrüßt werde oder ab und zu die eine oder andere Tafel Schokolade oder Flasche Wein als Zeichen der Dankbarkeit geschenkt bekomme. Ich denke, ein Großteil der Bevölkerung weiß die Arbeit der Räumdienste sehr zu schätzen! Aber wie es eben immer so ist, bleiben einem die negativen Erfahrungen eher im Gedächtnis als die schönen.

Im Winterdienst machen Menschen auch einfach nur ihren Job

Winterlandschaft

Mein Vater und ich machen immer Witze und sagen: „Wenn du Streit willst, musst du nur anfangen Winterdienst zu machen, dann kommt der Streit ganz von alleine.“ Was so leicht daher gesagt ist, ist leider wirklich so. Da viele Bürger sich ungerecht behandelt fühlen, wenn sie mal 3 cm Schnee mehr abbekommen als ihr Nachbar, kommt es oft zu Streitgesprächen. Dabei freundlich und sachlich zu bleiben ist nicht immer leicht, wenn man schon seit den frühen Morgenstunden wach ist und eigentlich nur bestmöglich seine Arbeit verrichten will.

Viele Leute verstehen nicht, dass ein Schneepflug den Schnee nicht wegschmelzen, sondern lediglich zur Seite schieben kann. Dann wird die frisch geräumte Straße auch gerne mal mit der Schneefräse wieder vollgepustet – da kommt Freude auf!

Gerade in diesem Jahr wurden die Straßen im Dorf durch die enormen Schneemassen immer enger und die Schneeberge wuchsen vor den Türen der verärgerten Anwohner. (Ich persönlich, habe mich sehr über den richtigen Winter gefreut.) Der Frust über den vielen Schnee wird leider immer wieder an den Menschen ausgelassen, die versuchen die Situation erträglich zu machen.

Dabei sind die Winterdienstler auch nur Menschen, die ihren Job machen. Einige von ihnen sind Landwirte oder haben nebenher noch einen anderen Beruf, dem auch nachgegangen werden muss.
Ich denke, ich spreche für alle Männer und Frauen, die im Kampf gegen die Schneemassen tätig sind. Wir würden uns sehr freuen, seitens der Bevölkerung ein bisschen mehr Respekt, Rücksicht und ab und zu das ein oder andere Dankeschön zu bekommen.

Aber nun wartet erst mal der Frühling vor der Tür!

Bis bald,

Eure Julia

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