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Blog Christina

Frühjahrsunsicherheit

Hofübernehmerin Christina aus Nordrhein-Westfalen.
am Montag, 08.03.2021 - 08:05 (Jetzt kommentieren)

Die Sonne scheint, die Natur steht in den Startlöchen – und Christinas Motivation geht in den Keller. Warum, das erklärt sie in diesem Beitrag.

Hallo Ihr fleißigen Hofhelden,

im letzten Blogbeitrag konntet Ihr einen kleinen Blick in unser Zukunftskonzept werfen und damit auch einen Eindruck davon bekommen, wie wir uns auf das was da kommt vorbereiten. Gerne würde ich Euch heute davon berichten, wie weit wir in der Umsetzung mit diesem Konzept bereits sind und an welchem Punkt wir derzeit stehen, aber ganz ehrlich? Dazu fehlt mir gerade die Motivation… Denn gefühlt befinden wir uns hier auf dem Genholter Hof gerade in einer Nebelbank, aus der wir nicht erkennen können, wo die Zukunft beginnt und die Vergangenheit endet. 

Aber fangen wir vorne an:

Es ist Anfang März 2021: Der landwirtschaftliche Teil, in dem wir seit Anfang Februar Unterstützung von Yannik bekommen haben (darüber berichte ich noch gesondert), steckt mitten in den Vorbereitungen für die Spargel- und Erdbeersaison. Die Folien werden auf die Erdbeertunnel gezogen, Minitunnel werden in den Spargelfeldern gesetzt und ganz frisch sind sogar schon unsere Frühkartoffeln gepflanzt.  Auch haben mein Vater und ich die Zeit genutzt, Gespräche mit dem LEH (Lebensmitteleinzelhandel) zu suchen, in welche wir unsere Produkte liefern. Hier wollten wir wissen, was gut läuft und wo wir unsere Abläufe noch verbessern können. Gefühlt ist in der Landwirtschaft also alles beim Alten. Jedoch nur gefühlt, denn die Unsicherheiten wächst: Werden wir das gleiche Drama um unsere Saisonarbeitskräfte durchmachen müssen wie im letzten Frühjahr? Laut den Verbänden scheint dem nicht so zu sein, aber haben das im Februar 2020 nicht auch noch alle gehofft? Und was ist mit den Mutationen? Werden diese uns und der Einreise doch noch einen Strich durch die Rechnung machen? Fragen über Fragen, die mit körperlicher Arbeit für den Moment aus dem Kopf verbannt werden sollen…

Im Hofladen und im Hofcafé haben wir den Januar und Februar bisher dahingehend gut nutzen können, dass wir alles einmal auf links gezogen und uns auch neuen Produkten (wie bspw. suuuper leckerem regionalen Eis von Peter Telgmann) neu ausgerichtet haben. Jedoch stochern wir, was unsere Saisonplanung angeht, im Nebel und das zehrt gleichzeitig ganz schön an unserer Motivation. So versuchen wir z.B. ganz kleine Events wie unser Spargel & Wein zu organisieren oder schon die Spargel-Speisekarte gemeinsam mit unserem Koch vorzubereiten. Hier kommt es aber nicht selten vor, dass die Gespräche wie folgt laufen: „Wollen wir auf dem Saisonmailing das Spargel & Wein Event mit Mara Walz ankündigen, auch auf die Gefahr hin, dass es abgesagt werden muss oder lassen wir es ganz in diesem Jahr?“ „Lass es uns versuchen. Es kann ja auch in ganz kleiner Runde stattfinden. So können wir zumindest den Gästen zeigen, dass wir zuversichtlich sind…“. Oder aber: „Trauen wir uns dieses Mal an ein Außer-Haus-Geschäft mit Spargel ran bspw. an ein Spargel-Ostermenü?“ – „Oh, denkst du nicht, dass wir zu Ostern wieder öffnen dürfen?“ – „Keine Ahnung, aber gewappnet sollten wir auf jeden Fall sein.“ Und wenn dann obendrein am 20. Februar 2021 aufgrund von einigen – ja okay, VIELEN – Sonnenstrahlen Kunden anrufen und wortwörtlich folgendes fragen: „Gibt es bei Ihnen schon eigenen Spargel und eigene Erdbeeren? Schließlich scheint die Sonne derzeit ja schon sehr stark…“ müssen wir uns schon zusammenreißen um die Nerven zu behalten. Ganz abgesehen davon, dass das Ganze ein grundsätzliches Problem zwischen Verbraucher und Erzeuger ist und dieses Thema eeeigentlich einen ganz eigenen Blogbeitrag bekommen müsste, aber gut… In jedem Fall ist es in diesem Betriebszweig nicht so einfach, die nagende Unsicherheit mit körperlicher Arbeit zu überlagern, denn es gibt einfach nichts mehr zu tun. Geputzt haben wir ja schließlich alles schon mehrfach…

Madeleine von Frau Freudig hat eine ähnliche Situation zuletzt wie folgt beschrieben: „Grad ist‘s nicht so doll. Alles irgendwie mehr schwarz-weiß als bunt gesprenkelt“. Und genau das ist es… Für ein paar Wochen, vielleicht auch ein, zwei Monate, ist es okay, sich dieser Situation zu stellen und die große „wenn-ich-mal-Zeit-habe-mache-ich…“-Liste abzuarbeiten. Aber die hätten wir mittlerweile schon gefühlt 5 Mal abarbeiten können. Und immer geistern diese Fragen in unseren Köpfen: Was ist, wenn die Zahlen, so wie man es in den Nachrichten derzeit auch hört, jetzt nicht weiter runtergehen? Was ist, wenn wir dadurch weiterhin unser Hofcafé und Restaurant geschlossen halten müssen? Aber was ist auch, wenn wir kurzzeitig wieder hochfahren, nur um dann, aufgrund wieder steigender Zahlen, erneut wieder schließen müssen?

Fragen über Fragen, die niemand beantworten kann. Das wissen wir. Und auch wissen wir, dass wir nicht in den Schuhen derer stecken möchten, die diese Entscheidungen treffen müssen. Hier geht es mittlerweile einfach nur noch darum, dass wir abhängig sind von Dingen, die wir nicht aktiv beeinflussen können und damit nur noch reagieren können. Das macht uns Unternehmer, die wir es gewohnt sind, Dinge aktiv durch unseren Einsatz voranzutreiben, einfach nur mürbe und es laugt uns aus.

Und ja, auch wir wissen, dass es uns seeehr viel schlechter gehen könnte. Hätten wir bspw. jemals gedacht, dass wir einmal so dankbar für den landwirtschaftlichen Teil unseres GeHos sind, der gerade unser Einkommen sichert? Wir hängen schließlich auch nicht immer so durch, wie vorab beschrieben. Die ganze Situation ist für uns eher ein Auf und Ab, in welchem die Rolle des Motivators zwischen meinen Eltern, meiner Schwester Kathrin und ihrem Freund Tobias in Berlin, meinem Freund Philipp und mir wechselt. Wir müssen jedoch aufpassen, dass dieser Wechsel weiterhin stattfindet und wir nicht an den Punkt gelangen, an dem alle von uns gleichzeitig demotiviert sind und so hilflos enden wie eine auf dem Rücken liegende Schildkröte.

Aber eine Stimme ganz leise in meinem Hinterkopf sagt mir, dass es weitergehen wird und wir betrieblich wie auch familiär gestärkt aus dieser Situation herauskommen werden. Und bis dahin lausche ich einfach weiter Sarah Connor im Hintergrund als wäre es wie ein Mantra:

„Ja, ich wünsch dir keine Angst, ’n dickes Fell, und ’ne Liebe, die hält.“

Passt auf Euch auf,

Eure Christina

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