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Blog Janne

Junglandwirtin fragt: Ist der Winter zu warm für die Landwirtschaft?

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am Mittwoch, 09.02.2022 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Hofheldin Janne macht sich Sorgen. Diesmal nicht um ihr Gartengemüseprojekt, sondern um Raps und Wintergetreide. Fehlt durch den Klimawandel bald die benötigte Vernalisation für unsere Winterkulturen?

Der Klimawandel sowie Temperaturveränderungen sind in aller Munde. Klar, dass die Landwirtschaft direkt davon betroffen ist, da Landwirte mit der Natur arbeiten und der Erfolg direkt Wetter beeinflusst wird. Dass es im Winter nicht mehr so kalt und auch weniger schneereich ist wie noch vor etwa 20 Jahren, dürfte nichts Neues sein. Öfters ist es schon vorgekommen, dass es im Dezember eine Periode von sehr milden Temperaturen gab. Ich kann mich beispielsweise daran erinnern, dass wir an Heiligabend 2015 bei 16 °C draußen gegrillt haben. Was für uns ein Highlight ist, bedeutet für das Getreide und den Raps auf den Feldern allerdings puren Stress.

Vernalisation: Booster für das Wintergetreide

Das Wintergetreide sowie der Raps, welche bei uns im Herbst ausgesät werden, sind auf die Vernalisation im Winter angewiesen. Vernalisation = Anspruch auf niedrige Temperaturen = Blühbeschleunigung. Der Vernalisationsanspruch ist zwischen den Kulturarten und Sorten unterschiedlich und befindet sich bei allen Kulturen zwischen – 1°C und + 9°C. Diese Temperatur muss für eine spezifische Anzahl von Tagen am Vegetationskegel, in ca. 2 cm Tiefe, vorhanden sein, um von der vegetativen Phase in die generative Phase umsteuern zu können. Dies geschieht nur, wenn zusätzlich zum Vernalisationsanspruch die vegetative Mindestentwicklung erreicht ist und sich die Pflanzen im Kurztag befinden, welches zwischen dem 22. September und dem 20. März der Fall ist.

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Nun könnte man sich die Frage stellen, ob im Zuge des Klimawandels die Winter in Deutschland irgendwann nicht mehr kalt genug sind, um den Vernalisationsanspruch der Kulturarten zu erfüllen. Die Frage ist auf jeden Fall berechtigt, es besteht jedoch kein Grund zur Panik – so viel sei verraten. Wintergerste beispielsweise hat einen geringen Vernalisationsanspruch von ca. 35 Tagen. Winterweizen hat mit 50 Tagen den längsten Anspruch, welcher jedoch Sortenabhängig auch geringer ausfallen kann. Während die Wintergerste bereits zum Jahresende in die generative Phase umsteuert, ist es beim Winterweizen erst Anfang März so weit. Zwischen Oktober und März kann dieser Anspruch im Kurztag auch in milden Wintern ausreichend erfüllt werden. Am Beispiel für Schleswig-Holstein konnten bisher auch in milden Wintern eine Summe von 100 Tagen verzeichnet werden, die die Vernalisationsbedingungen erfüllen.

Milder Winter bedeutet Gefahr für die Pflanzen

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Kritischer zu betrachten sind allerdings die warmen, milden Wochen in den Wintermonaten, die die Summe der bisher vernalisierenden Tage unterbrechen und diese reduzieren. Dauern die milden Temperaturen länger als eine Woche an und erreichen den Vegetationskegel, kann dies für die Kulturen kritisch werden, die ihren Vernalisationsanspruch noch nicht erfüllt haben. Ab einem gewissen Punkt ist ein „Zurück in die Vernalisation“ nicht mehr möglich. Der nicht erfüllte Vernalisationsanspruch bedeutet zwar keinen Totalausfall, geht aber zu Lasten der Ährchendifferenzierung und letztlich des Ertrags.

Der Grundstein für den Ertrag wird also schon im Winter gelegt und deutlich vorher, ehe wir die Ähre mit dem Auge so richtig erkennen können.
Bis bald,
Eure Janne

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