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Blog Mara

Ein Landwirt im Winterdienst: Erfahrungen und Praxistipps

Selfie Stefan Schmidt
am Mittwoch, 03.02.2021 - 11:39 (Jetzt kommentieren)

Wenn man so aus dem Fenster blickt ist es kaum zu glauben, dass Deutschland vor wenigen Tagen noch im Schneechaos versunken ist. Einer, der sich daran noch erinnert, ist Landwirt Stefan, der im Winterdienst eingesprungen ist. Mara hat ihn zu seinen Erfahrungen befragt.

Hallo liebe Hofhelden!

Das Wetter macht aktuell was es will – vor ein paar Tagen noch Schnee in Unmengen, jetzt traumhafter Frühlingsbeginn. Ich will es kaum laut sagen, aber der Frühling ist mir lieber. Wenn schon Kontaktbeschränkungen, dann wenigstens mit dünner Jacke draußen arbeiten und spazieren gehen und an den längeren Tagen erfreuen.

Im Weinberg machen wir immer noch das Gleiche: Reben schneiden und biegen. Bald wieder mehr dazu. Jetzt aktuell habe ich aber meine Kollegen aus dem BDL-Bundesvorstand, Stefan Schmidt, zum Interview gebeten.

Traktor im Winterdienst

Stefan ist Landwirt in Bad Oeynhausen, zwischen Bielefeld und Münster. Er arbeitet Vollzeit als angestellter Betriebsleiter auf einem Betrieb mit Ackerbau, Schweinemast und angegliederter Biogasanlage. Um die Maschinen besser auslasten zu können, bieten sie zusätzlich Lohnarbeiten an, z.B. auch Winterdienst und weitere kommunale Dienstleistungen für Kommunen. Genau dazu habe ich ihn interviewt.

Wie war es mit dem Winterdienst in den letzten Jahren bei Euch? Gibt es häufig Schnee?

Schnee ist bei uns in den letzten Jahren ein relativ geringes Thema, ich glaube, den letzten richtigen Schnee hatten wir im Winter 2014/2015. Im Normalfall schaffen es die Kommunen also selbst, mit nur einigen Subunternehmen, den Winterdienst zu stemmen. Bei extremen Wetterelangen müssen dann alle ran, die sich zur Verfügung gestellt haben. Das war in diesem Jahr dann der Fall.

Wie war es bei euch dieses Jahr mit dem Planungshorizont für euren Einsatz: Kam das mit etwas Vorlauf oder erst, als der große Schneefall begann?

Da gibt es schon Vorlaufzeiten für die Betriebe, die das nicht regelmäßig machen. Dazu gehören auch wir. In den letzten Tagen des Schnees, als auch die Leute in den Nebenstraßen, die normalerweise nicht geräumt werden, auch nach zwei bis drei Tagen mit ihrem Auto nicht wegfahren konnten, kippte die Stimmung der Bürger. Da wurden noch weitere Subunternehmer angerufen, auch Gartenbaubetriebe und Bauunternehmen. Unsere Stadt, Bad Oeynhausen, hatte in Spitzenzeiten rund 50 Fahrzeuge im Einsatz. Also alles, was man bekommen konnte.

Habt ihr für den Winterdienst Spezialmaschinen oder nutzt ihr die normalen Gerätschaften für den Traktor?

Wir nutzen Schlepper mit Schneeschild für die breiteren Seitenstraßen. Die meiste Zeit haben wir die engen Stellen in den Nebenstraßen geräumt, wo man den Schnee zum Teil auch mit Anhängern und Radladern abfahren musste. Das findet in den normalen Jahren nicht statt, aber dieses Jahr war das nötig. Die großen Schneeberge blockierten Parkplätze.

Was hatte der extreme Winter bei Euch auf dem Betrieb für Auswirkungen?

Bei den extremen Temperaturen laufen die Winterdienst-Aufgaben fast nebenbei. Die meiste Arbeit fällt in dieser Zeit mit der Biogasanlage und den Stallungen an, dass dort keine Leitungen einfrieren und die Technik durchhält. Diese Arbeit wird von Außenstehenden kaum gesehen. Wir konnten alles gut hier lösen, da wir auch in den Stallungen gut mit Heizmöglichkeiten für Futter- und Wasserleitungen ausgestattet sind. Andere Berufskollegen hatten hier mehr Probleme. Bei einem Außenklimastall ist es bei -15°C irgendwann vorbei mit dem angenehmen Arbeiten. Es waren besondere Herausforderungen, die wir hier hatten.

von Schnee geräumter Hof

Hat das Wetter bei Euch auch die Abholung der Schweine eingeschränkt?

Wir hatten insofern Glück, dass in dieser Schneewoche bei uns eh keine Schweine abgeholt werden mussten. Bei anderen Betrieben war das nicht der Fall und die Tiere konnten wegen den Bedingungen nicht geladen werden. Weiterhin nahm z.T. auch der Schlachthof keine Tiere an, da die Waschanlage für die LKWs eingefroren war. Jeder LKW muss nach dem Abladen gewaschen werden und das waren dann die Herausforderungen.

Konntet Ihr die Tiere problemlos versorgen?

Wir haben bei der Futterbestellung bei unserem Futterlieferanten schon die Tage davor dafür gesorgt, dass die Silos am Freitag vor dem Schneefall alle gefüllt waren. Wir wussten ja auch nicht, wann wir das nächste Futter bekommen könnten.

Welche besonderen Erlebnisse brachte der Wintereinbruch?

Wir bekamen gleich am Sonntagmorgen einen Anruf, dass wir einen Krankenwagen mit dem Schlepper aus dem Schnee ziehen müssen. Dazu kommt, dass wir direkt an einem großen Autobahnkreuz liegen, A30/A2, wo wir mehrmals festgefahrene oder querliegende LKWs mit dem Trecker rausziehen mussten, da auch die Autobahnen nicht befahrbar waren und die Fernfahrer über die Nebenstrecken ausweichen wollten. Da ging zwei Tage nichts mehr.

Hattest Du das Gefühl, dass manche Fahrer verantwortungslos unterwegs waren?

Bei einigen Autos hatte man sich schon gefragt, wo da der Verstand war. Einerseits war das Fahrkönnen nicht gut. Bei uns gibt es so selten Schnee, da hat man kaum noch ein Gefühl, wie man dann fahren muss. Bei den LKW-Fahrern ist es etwas anders, da sie ja beruflich unterwegs sind. Man könnte meinen, dass das Land NRW nicht optimal reagiert hat. Das LKW-Fahrverbot wurde alle zwei Stunden verlängert, das hätte man konsequenter durchziehen müssen und gleich für drei Tage das Fahrverbot aussprechen müssen.

Welche Art der Begegnungen hattest Du mit BürgerInnen beim Winterdienst? Gab es dort mehr Dankbarkeit, weil Ihr die Straßen frei gemacht habt oder gab es Klagen, dass Ihr mit den großen Traktoren unterwegs wart?

Da gab es viele Begegnungen, wie auch im normalen Alltag, wo man sich manchmal fragt, was die Leute antreibt. Es gab aber auch sehr, sehr viele Leute – ich würde rund 85 % schätzen -, die dankbar waren, dass geräumt wurde. Da wurde man auch mit Kaffee und Bratwurst versorgt – wenn das nur beim Gülle fahren auch so wäre! Die Dankbarkeit war schon zu spüren und auch überwältigend. Besonders dankbar waren auch so manche, denen wir mit dem Traktor dann gleich die Hofeinfahrt freigeräumt hatten. Auf der anderen Seite gab es auch die Personen, die nie zufrieden waren. Da habe ich in einer Nebenstraße geräumt und es gab Beschwerden, dass der Schneehaufen dann an der Kreuzung direkt an ihrem Grundstück war. Das ging dann soweit, dass sich fünf Leute beschwert hatten und die Stadt dann hier den Schnee extra abtransportieren ließ. Ob das notwendig ist?

Wie war eure Zusammenarbeit mit der Stadt?

Bei uns und in den umliegenden Kommunen wurde das sehr gut organisiert. Es gab auch öffentlichen Dank an die Unternehmen, die hier im Einsatz waren und die Stadt gestand ein, dass sie es selbst nicht mehr geschafft hätte. Die Zusammenarbeit hat schon Spaß gemacht und sie waren auch wirklich dankbar, dass wir hier, zum Teil auch komplett freiwillig, die Arbeit gemacht haben.

Glaubst du, dass von den positiven Aspekten für die Landwirtschaft etwas bleibt?

Das kann man schwer sagen. Wir haben schon am Kaffeetisch gescherzt, dass man doch alle fünf Jahre so ein Schneechaos bräuchte, dass die Leute endlich mal wieder merken, welche Vorteile es hat, wenn in der Nachbarschaft Landwirte vorhanden sind. Das kam bei dem ein oder anderen wieder in den Vordergrund, dass der Bauer nebenan doch seine Vorteile hat. Ob das nachhaltig wirkt und die Leute ein Umdenken beim Kaufverhalten an den Tag legen und auch politisch anders werden? Das wage ich zu bezweifeln.

Schön war noch ein korrekteres Beispiel. Wir haben an einzelnen Flächen immer wieder Stress mit Anwohnern, die beim Gülle fahren oder staubigen Arbeiten sich generell beschweren. „Warum macht ihr das? Könnt ihr das nicht ganz einstellen?“ Das waren zum Teil die gleichen Leute, die jetzt gebeten haben, dass wir kurz ihre Hofeinfahrt räumen und uns dann noch was zugesteckt haben. Da hofft man schon, dass ein nachhaltiges Umdenken und dann auch Besserung einsetzt.

Welchen Wunsch würdest Du jetzt an die Bevölkerung rausgeben?

Generell mehr Rücksicht aufeinander nehmen! Das gilt in vielen Bereichen, nicht nur in der Landwirtschaft. Sich auch mal in die Lage von anderen hineinzuversetzen und nicht nur an sich selbst denken. Das brauchen wir, um auch innerhalb der Gesellschaft weiterzukommen. Das ist z.T. im ländlichen Raum noch mehr in den Köpfen als in der Großstadt.

Danke Stefan für Deine Zeit und den Einsatz! Und jetzt geht’s wieder raus, die Frühlingstemperaturen genießen.

Bis bald, Eure Mara

Hier erfährst du, was Mara sonst noch beschäftigt.

 

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