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Blog Karina

Muttergebundene Kälberaufzucht: Meine Erfahrungen aus der Praxis

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am Freitag, 22.10.2021 - 09:04 (Jetzt kommentieren)

Junglandwirtin Karina hat sich in ihrer Fremdpraxiszeit intensiv mit einer alternativen Methode in der Kälberaufzucht befasst. Ihr Fazit: ein Nachteil ist, dass die Kälber eher scheu sind, dafür hat die muttergebundene Kälberaufzucht aber auch viele Vorteile.

Hallo liebe Hofhelden!

Ein Thema, das derzeit immer stärker in die Öffentlichkeit rückt, sind alternative Methoden in der Kälberaufzucht, wie die muttergebundene oder die ammengebundene Kälberaufzucht. Weil mich das schon immer fasziniert hat, habe ich mich im Rahmen meiner Fremdpraxiszeit im Sommer 2018 intensiv mit diesem Thema beschäftigt und Erfahrungen mit diesen Aufzuchtmethoden gesammelt.

Wie lange bleibt das Kalb bei der Kuh?

Von den insgesamt 17 Wochen Fremdpraxis habe ich neun Wochen auf dem Weinkirnhof in Niederösterreich arbeiten dürfen, der die muttergebundene Kälberaufzucht schon seit Jahren konsequent und erfolgreich umsetzt.

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Der Betrieb wird von Gertraud Magritzer und ihrer Familie bewirtschaftet. Es ist ein reiner Bio-Grünlandbetrieb, der zur Milcherzeugung auf eine Low-Input-Strategie setzt. Das Konzept der Kälberaufzucht war überraschend simpel: Nach dem Kalben verbrachten Mutterkuh und Kalb einige Zeit in der Abkalbebox. Die Kuh wurde von Anfang an gemolken. Nach einigen Tagen wechselten Kuh und Kalb zurück in die Milchkuhherde, wo das Kalb bis zu einem Alter von ca. 3 Monaten den ganzen Tag bei der Kuh mitläuft und nach Belieben Milch trinkt.

Absetzen der Kälber: Trennungsschmerz entzerrt

Auch im Sommer sind die Kälber von Anfang an mit auf der Weide, die als Kurzrasenweide geführt wird. Die Kuh wird zweimal am Tag im Melkstand gemolken. Nach gut drei Monaten werden Kuh und Kalb dann getrennt. Die Kuh wird normal weiter gemolken und das Kalb verbringt noch einige Zeit bei einer Amme, wo es etwas Milch trinken kann. So wird die Trennung etwas entzerrt und vor allem bei den Kälbern konnte ich kaum Trennungsschmerz beobachten. Die Kühe haben schon Trennungsschmerz gezeigt, den ich in den beobachteten Fällen aber nicht als übermäßig stark bezeichnen kann. Das ist aber von Kuh zu Kuh unterschiedlich.

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In der Zwischenzeit hat der Betrieb auch die sogenannten Quiet Wean Nasenschilde zur Saugentwöhnung ausprobiert, was laut Getraud Magritzer zeimlich zufriedenstellende Ergebnisse brachte – besonders für die Kälber. Außerdem arbeitet sie aktuell noch intensiver mit Ammenkühen.

Anforderungen an den Stall

Der Stall war sehr einfach gehalten und die einzige Anpassungsmaßnahme an die muttergebundene Aufzucht war ein kleiner Kälberschlupf, der aus zwei Liegeboxen mit kleiner Öffnung für die Kälber bestand. Meistens machten es sich die Kälber aber vor den Köpfen der Kühe gemütlich oder suchten sich eine eigene freie Liegebox.

Vor- und Nachteile der mutterbundenen Aufzucht

Leider waren die Kälber eher scheu, da sie ja den Großteil ihrer Zeit draußen auf der Weide verbrachten. Dafür war die Kälberaufzucht allerdings kaum zeitaufwändig. Auffallend waren die sehr guten Absetzgewichte der Kälber und das gute Sozialverhalten, das sie sich von den Großen abschauen konnten. Auch Raufutter haben die Kälber schon sehr früh aufgenommen.

Kalbführende Kühe im Melkstand

Im Melkstand waren die kalbführenden Kühe eher unproblematisch. Normalerweise hat sich das Kalb vorm Melken nochmal schnell eine Zwischenmalzeit gegönnt und die Kühe haben die restliche Milch brav abgegeben oder das Euter war leer. Wenn der Sprössling aber vorher nicht am Euter war, kam es vor, dass die Kühe einen Teil der Milch nicht hergeben wollten. Normalerweise war aber spätestens nach dem Säugen des Kalbs das Euter leer. Nur einmal wird die Rechnung für eine der Damen nicht aufgegangen sein, denn am nächsten Tag gab sie im Melkstand die komplette Milch. Euterprobleme gab es relativ selten und die Zellzahl war zufriedenstellend.

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Auf Kraftfuttergaben wurde und wird komplett verzichtet. Die Milch wird zur Gänze aus dem Grundfutter erzeugt und die Milchmenge lag 2018 pro Laktation bei etwas über 5000kg. Die komplette Milch wird von der Molkerei Berglandmilch verarbeitet.

Arbeiten mit Kuh und Kalb im Stall

Die Arbeit im Stall war für mich sehr angenehm, da die Herde sehr ruhig war. Auch die Tiere fügten sich gut in das System und den Rhythmus ein. Man konnte aber erkennen, welche Kuh schon Erfahrung mit dem Aufziehen ihres Kalbes hatte und welche nicht. Vor allem die erfahrenen Kühe waren entspannter und kamen mit den Abläufen gut zurecht. Jungkühe waren eher nervös und gerade was das Kalb anging, vorsichtig. Manche könnte man nach dem Kalben sogar als Helikoptermütter bezeichnen. Aber mit der Erfahrung kommt die Ruhe.

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Insgesamt hat mir die Arbeit sehr gut gefallen. Da wir ja selbst Mutterkühe halten, fühlte sich diese Arbeit für mich auch nicht ungewohnt an und ich konnte so manche Erfahrung von den Mutterkühen auf die Milchkühe ummünzen.

Fazit zur muttergebundenen Kälberaufzucht

Die muttergebundene Kälberaufzucht kann sehr verschieden gestaltet werden und das war nur eine Möglichkeit, wie man sie umsetzen kann. Ich finde, Aufzucht mit dem Nuckeleimer kann ich mit der muttergebundenen Aufzucht schwer vergleichen. Die Arbeit ist sehr anders, im positiven Sinn, und was einem persönlich besser gefällt, ist vermutlich eine Typfrage. Wer sich dafür interessiert, dem kann ich nur raten, einfach auszuprobieren und sich damit zu beschäftigen, denn vielleicht kann man ja den ein oder anderen interessanten Input für sich mitnehmen.
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Diese neun Wochen Praxiszeit behielt ich jedenfalls als sehr positiv in Erinnerung und am Schluss war ich um einige Erfahrungen reicher. Was ich mir zum Beispiel vom Weinkirnhof abschauen konnte, war die Kälberaufzucht an der Amme. Nach der Praxiszeit haben wir uns uns mit der ammengebundenen Kälberaufzucht näher befasst und ziehen nun auch nach Möglichkeit Kälber an der Amme auf.

Alles Liebe,

Eure Karina

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