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Blog Julia J.

Rehkitzrettung: Junglandwirtin hilft den Jägern

Julia Jäger mit gerettetem Rehkitz
am Dienstag, 22.06.2021 - 13:25 (Jetzt kommentieren)

Junglandwirtin Julia hat zur Heuernte immer die Jäger kontaktiert. Diesmal hilft sie selber bei den Jägern, Rehkitze zu retten.

Hallo Hofhelden!

In einigen Regionen ist der erste Schnitt längst unter Dach und Fach. Bei uns ging es vor kurzem erst so richtig los. Da viele Landwirte in unserer Region Heu anstatt Silage machen, ist der erste Schnitt bei uns immer relativ spät dran -  aber trotzdem noch früh genug, dass sich die kleinen Rehkitze in dem hohen Gras befinden.

Für mich war es immer selbstverständlich, bei der Heuernte in Kontakt mit den hiesigen Jägern zu stehen, damit diese sich rechtzeitig um den Schutz der kleinen Vierbeiner kümmern und wir mähen können, ohne Angst zu haben, ein Kitz zu gefährden.

Da mein Freund Jäger ist und sein Jagdrevier in unserem Gebiet liegt, habe ich die „Rehkitzrettung“, welche für mich bisher eher unkompliziert und unspektakulär war, von einer ganz anderen Seite wahrgenommen, nämlich die der Jäger anstatt die der Landwirte.

Warum wir Rehkitze retten

Für alle Leser die sich mit dem Thema vielleicht noch gar nicht auskennen, möchte ich den Sachverhalt einmal erklären.

Wenn im Frühjahr alles zum Leben erwacht, die Vegetation losgeht, die Bienen wieder summen und die Vögel brüten, bekommen auch die meisten wildlebenden Säugetiere ihre Jungen. Während Fuchswelpen in einem Fuchsbau, meist im Wald oder Acker, hausen und Marderbabys beispielsweise den Heuboden oder die Maschinenhalle unsicher machen, setzen die Ricken/Geißen (Bezeichnung für ein weibliches Reh) ihren Nachwuchs in den Wiesen in der Nähe von Wäldern ab. Die Hauptsetzzeit liegt im Zeitraum Mai bis Juni. Und genau in dieser Zeit wird auch meistens der erste Schnitt eingefahren.

Rehkitz im Gras

Anfangs sind die jungen Rehkitze noch „geruchsneutral“, was dem Schutz vor Fressfeinden dient. Aus diesem Grund hält sich das Muttertier sehr selten direkt bei ihrem Kitz oder ihren Kitzen auf. Lediglich zum Säugen und zur Fellpflege sucht sie ihr Kitz auf, das im hohen Gras kaum zu finden ist. Muttertier und Kitz verständigen sich über „Fiepslaute“ und finden somit wieder zueinander.

Nähert sich dem sehr jungen Kitz etwas Ungewöhnliches oder Unbekanntes, rennt es nicht davon. Stattdessen duckt es sich und versucht, sich so klein wie möglich zu machen, um nicht aufzufallen. Dieses Verhalten nennt sich auch Drückinstinkt. Erst im Laufe von ein paar Lebenswochen entwickelt das Kitz einen Fluchtinstinkt und rennt bei Gefahr davon.

Wenn die Landwirte also beginnen, das Gras zu mähen, können die Mähwerke mit ihren schnell rotierenden Messerklingen zur tödlichen Gefahr für die kleinen Vierbeiner werden. Denn, wie schon beschrieben, ducken sich die kleinen Kitze, wenn sich der Traktor nähert, was ihr Todesurteil bedeutet. Selbst wenn die Kitze bereits den Fluchtinstinkt besitzen, sind sie oft nicht schnell genug, um den breiten und teilweise sehr schnell fahrenden Mähkombinationen auszuweichen.

Vom Traktor aus sind die Kitze im hohen Gras nur sehr schwer zu erkennen, weshalb es schnell zu unschönen Unfällen kommen kann, die auch für den Landwirt sehr traurig und ärgerlich sind. Wer schon mal die traurige Erfahrung gemacht hat, versehentlich ein Kitz mit dem Mähwerk erwischt zu haben, weiß was für ein schrecklicher Anblick das ist, vor allem, wenn das Kitz zunächst noch am Leben ist und erlöst werden muss.

Gute Zusammenarbeit von Jäger und Landwirt: nicht selbstverständlich

Bei uns kam so ein Vorfall Gott sei Dank schon seit einigen Jahren nicht mehr vor, da wir den Jägern immer rechtzeitig Bescheid geben, wenn wir mit dem Gedanken spielen zu mähen, damit die Kitze gerettet werden können. Dass die Kooperation zwischen Landwirt und Jäger aber nicht immer so gut funktioniert wie bei uns, durfte ich erfahren, als ich meinem Freund, aktiv, bei der Kitzrettung geholfen habe.

Am vergangenen Freitag ging es bei uns mit dem ersten Schnitt los. Die folgenden Tage waren sehr spannend und teilweise ein bisschen nervenaufreibend für mich.

Als der Wetterbericht für die kommenden Tage, gutes Wetter gemeldet hatte, spielten wir mit dem Gedanken, einige Flächen zu mähen und Heu zu machen. Schon ein paar Tage vorher gaben wir dem Jäger Bescheid, welche Flächen wir mähen würden, damit dieser die Wiesen nach Kitzen absuchen, und diese gegebenenfalls in Sicherheit bringen könnte.

Rehkitze Kamerabild

Gesagt – getan. Am Abend, bevor wir zu mähen begannen, flog der Jäger die Flächen mit einer Drohne ab. Mittels einer Wärmebildkamera, mit der die Drohne ausgestattet ist, lassen sich die Kitze, in Form von farblich abgehobenen Flecken leicht erkennen. Mit dieser modernen Technik lassen sich schnell und effektiv mehrere Hektar absuchen, da man die Kitze gezielt ansteuern kann. Jedoch darf es für den Einsatz der Drohne noch nicht all zu warm sein, da der Temperaturunterschied von Kitz und Gras noch zu erkennen sein muss. Früh morgens oder nachts sind die Bedingungen also optimal. Wenn sich das Gras aber über die Mittagszeit sehr aufheizt, lassen sich die „warmen Flecken“  bzw. die Rehkitze nicht mehr per Wärmebild erkennen.

An diesem Abend befanden sich keine Rehkitze in unseren Flächen. Sicherheitshalber machte sich der Jäger aber am nächsten Morgen noch einmal auf die Suche um auf Nummer sicher zu gehen. Und tatsächlich befanden sich jetzt - zwei Kitze im hohen Gras. Eins davon flüchtete in die Nachbarwiese das andere wurde eingefangen und in eine Kiste gesetzt, bis wir fertig mit mähen und die Gefahr somit vorbei war. Danach wurde das Kitz wieder freigelassen, damit es von seiner Mutter wieder gefunden wird.

Rehkitz: bloß nicht anfassen

Rehkitz in einer Decke

Wenn ein Rehkitz aus der Fläche entfernt wird, ist darauf zu achten, das Kitz möglichst nicht mit bloßen Händen, sondern mit einem Büschel Gras, Handschuhen oder ähnlichem anzufassen, damit es den menschlichen Geruch nicht aufnimmt und die Ricke es wieder annimmt. Außerdem sollte das Kitz so nah wie möglich am Fundort ausgesetzt werden, damit Mutter und Kind wieder zueinander finden. Mittels des „Fiepston“ können die beiden zwar über eine große Entfernung kommunizieren und auf sich aufmerksam machen, jedoch sollte man das Kitz trotzdem keine 2 Kilometer (übertrieben gesagt) vom Fundort entfernt aussetzen.

Wir konnten unsere Mahd also entspannt und ohne Komplikationen beenden.

Ärger mit dem Landwirt

Dass die Zusammenarbeit aber keineswegs selbstverständlich ist, sollte ich am nächsten Tag merken. So kam es, dass mein Freund uns am Nachmittag von seiner Arbeit aus anrief und uns (seiner Cousine und gleichzeitig meiner besten Freundin, und mir) erklärte, dass ein anderer Landwirt in einer halben Stunde mähen wolle und die Fläche, direkt am Waldrand noch nach Kitzen abzusuchen wäre. Für eine Drohne war es mittlerweile zu warm und zu kurzfristig. Also fuhren wir sofort aufs Feld um die Fläche, in der sich üblicherweise Rehkitze befinden abzulaufen.

Im Eifer des Gefechts, vergaß ich eine lange Hose anzuziehen. Ich empfehle es niemandem, in kurzer Hose durchs Gras zu pirschen! Meine Knie waren nachher vom Gras verschnitten, von Insektenstichen ganz zu schweigen aber das war zunächst zweitrangig. Als wir die 2 ha große Wiese fertig abgesucht hatten und nichts gefunden hatten, liefen wir am oberen Wiesenrand zurück zum Weg, als plötzlich etwas aus dem Gras hervorschnellte, aus der Wiese rannte und sich in die nächste Hecke flüchtete – es war ein Kitz.  Wir waren zwar erleichtert, dass dieses kleine süße Wesen, dem Mähwerk nicht mehr zum Opfer fallen könnte, aber gleichzeitig immer noch verärgert, dass der Landwirt sich nicht früher gemeldet hatte!

Viel Zeit zur Aufregung blieb uns aber nicht, da wir gleich zur nächsten Fläche mussten. In der Zwischenzeit konnte mein Freund auch Feierabend machen und zu uns stoßen. Als wir auf dem Weg zur nächsten Wiese waren, stolperte, wie durch Zufall, ein Kitz aus dem Raps am Wegrand und wollte in eine Wiese flüchten, welche gerade gemäht wurde. Vermutlich ist es auch aus dieser Wiese gekommen. Wir drei sprangen aus unseren Autos um es davon abzuhalten in die Wiese und womöglich ins laufende Mähwerk zu rennen. Das Kitz war sichtlich erschöpft und verängstigt, ließ sich aber Gott sei Dank leicht mithilfe eines Teppichs fangen und in Sicherheit setzen.

Als diese Aktion beendet war, kam schon der nächste mit seinem Gespann mit Mähkombination angerollt und wollte seine Fläche mähen. Der Landwirt hatte vorher aber auch nicht Bescheid gegeben wann und wo er mähen wolle. Die Wiese die er ansteuerte wies in den letzten Jahren öfter Rehkitze auf, so einigten wir uns darauf die Wiese vorher abzulaufen, sodass er anschließend mähen könne. Wir fanden mehrere Liegeplätze wo ein Kitz gelegen hatte und eine Geiß flüchtete auch davon als wir uns näherten. Ein Kitz konnten wir leider nicht sicherstellen und bevor wir die ganze Wiese abgesucht hatten stand der Landwirt schon wieder da und begann mit den Mäharbeiten. Ob sich später in Kitz in der Wiese befand ließ sich nicht mehr herausstellen, da mit Schwadzusammenführung gemäht wurde und wahrscheinlich nicht mehr einmal die Greifvögel die Überreste gefunden hätten.

Wunsch: mehr Verständnis für die Wildtiere

Meine Verärgerung und mein Unverständnis stiegen im Laufe der Stunden immer weiter an. Ich konnte nicht verstehen, was so schwierig daran ist, das Telefon in die Hand zu nehmen und einfach rechtzeitig Bescheid zu geben, wann man gedenkt zu mähen. Klar, weiß ich auch, dass man als Landwirt aufs Wetter und stetige  Wetterveränderungen achten muss und Entscheidungen kurzfristig getroffen werden. Aber da wir als Landwirte ganz klar in den Lebensraum der Wildtiere eingreifen, ist es nur fair, alles dafür zu tun, diese so gut wie möglich zu schützen. Zumal arbeiten wir so eng mit der Natur im Einklang, warum kann man dann nicht auch in dieser Hinsicht Rücksicht nehmen und  kooperieren? Außer einem kurzen Anruf kostet es uns Landwirte kaum mehr Zeit und Aufwand, da die Jäger ja den aktiven Teil der Kitzrettung übernehmen.

Am Abend waren wir dann noch mit einem Landwirt verabredet, ebenfalls um seine Fläche nach Kitzen abzusuchen, als wir zum ausgemachten Zeitpunkt dort ankamen, war aber  anders als besprochen, schon fast die halbe Fläche abgemäht. Wir mussten also schnell sein und ein Kitz und eine Geiß waren tatsächlich noch im Gras versteckt.

Diese Ärgernisse mögen vielleicht als Kleinigkeiten erscheinen, aber im Laufe des Tages bzw. der Tage häuft es sich zu einem Kloß im Hals und dem Gefühl der Hilflosigkeit an, da einige Tiere gerettet werden könnten, aber die Sturheit und Rücksichtslosigkeit einiger Berufskollegen verhindert dies leider immer wieder. „So geht das jedes Jahr“ meinen einige Jäger.  Ich finde es sehr schade, dass trotz der heutigen Möglichkeiten noch so wenig Kooperationswille vorhanden ist, gerade weil es ja eigentlich kinderleicht wäre, die zuständigen Jäger zu informieren.

Großes Dankeschön an die Landwirte und Jäger und alle Helfer!

Erfreulicherweise gibt es aber auch Landwirte mit denen die Zusammenarbeit gut funktioniert. So konnten wir am kommenden Tag noch mit der Drohne und dem Team von der „Rehkitzrettung Oberes Donautal“ mehrere Flächen abfliegen und morgens sogar 3 kleine Rehkitze auf einmal sichern. Abends hatten wir dann nochmal das Vergnügen. Auch hier flüchteten ein Rehkitz und ein Feldhase aus der Fläche die kurz darauf abgemäht wurde. Für mich war es sehr spannend, aufregend und informativ dabei zu sein.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass einige Landwirte noch etwas mehr bzw. überhaupt kooperieren. Optimal wäre es natürlich auch wenn die Landwirte sich untereinander absprechen, dass beispielsweise nebeneinander liegende Flächen gelichzeitig gemäht werden. Denn leider kommt es auch vor, dass ein Kitz z.B. morgens in die Nachbarfläche flüchtet bzw. es von den Jägern sichergestellt wird, bis die eine Wiese abgemäht ist und es sich dann abends in der anderen Fläche nebenan befindet und dort dem Mähwerk zum Opfer fällt. Wahrscheinlich wäre das aber zu viel verlangt aber vielleicht ist´s für den ein oder anderen ein Denkanstoß.

Julia Jäger rettet ein Rehkitz

Abschließend möchte ich mich bei allen Jägern, freiwilligen Helfern und Landwirten/innen bedanken, die die Rehkitzrettung überhaupt möglich machen!

Eure Julia

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