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Glosse

Humor aus dem Homeoffice: Frau Klöckner und die Studenten

Student am Computer
am Dienstag, 07.04.2020 - 16:00 (Jetzt kommentieren)

Den Landwirten fehlen Arbeitskräfte in der Spargel- oder Erdbeerernte? Frau Klöckner hat da eine Idee ... und glaubt tatsächlich, sie wäre die Erste, der das einfällt.

Gestern richtete Bundesagrarministerin Julia Klöckner ein Schreiben an die Agrarstudenten in Deutschland. Während des „ruhenden Studienbetriebs an den Fakultäten“ könnten die jungen Leute doch auf Betrieben mit Saisonkräftebedarf anpacken. Helfende Hände und kluge Köpfe seien gefragt. „Das Land braucht Sie!“, versicherte die Ministerin inbrünstig.

Als ich dieses Brief las, packte mich ein Déjà Vu.

Zurück in die Produktion

"Laut Ministerratsbeschluss zur Ernte haben Sie sich unverzüglich wieder in Ihrem Praktikumsbetrieb einzufinden." Da stand ich mit dem Telegramm in der Hand und begrub alle meine Pläne für die Semesterferien unter Schweinekacke. Es war Juli 1987 und ich studierte Landwirtschaft an der Ostberliner Humboldt-Universität.

Das sechswöchige Pflichtpraktikum zum Ende des zweiten Semesters, das ich in einer Schweinemastanlage im Brandenburgischen Ruhlsdorf absolviert hatte, war gerade vorüber. Der Sommer winkte. In Prag wollten wir uns treffen, sechs Freunde aus Berlin, aus Wismar und aus Košice im slowakischen Teil der ČSSR.

Schweinestall statt Karlsbrücke

Aber in vielen Landwirtschaftsgenossenschaften war – erntebedingt – mal wieder Not am Mann. Und da hatte der Ministerrat der DDR beschlossen, die landwirtschaftlichen Zweitsemester einfach wieder zurück auf die Betriebe zu schicken. Bei Widerspruch drohte Exmatrikulation, einzig ein nachweisbar gebuchter Urlaubsplatz galt als Entschuldigung.

Da unsere Pragreise spontan und selbst geplant war, biss ich in den sauren Apfel und reiste zurück in meinen Schweinestall in Brandenburg.

Keine Info, kein Quartier, keine Arbeit

Als ich auf die Nacht dort ankam, stellte sich allerdings heraus, dass unsere allwissende Regierung vergessen hatte, auch die Betriebe über die rückkehrenden Studipraktikanten zu informieren. Bescheid wussten nur die Unis, die weisungsgerecht die Telegramme an uns verschickt hatten.

Infolgedessen gab es keine Unterkünfte für uns und eigentlich auch keine Arbeit, denn Erntetechnik bedienen sollten wir ohne ausreichende Erfahrung nicht und in den Ställen gab es genug Personal.

Unsere „Hilfe“ war für meinen Praktikumsbetrieb nur eine zusätzliche Belastung. Nach gut einer Woche wurde das Projekt abgeblasen.

Diese Episode aus frühen Studentenzeiten hatte ich fast vergessen. Bis gestern.

Unis und Studenten haben längst reagiert

Julia Klöckners Schreiben ging an die Dekane aller deutschen Agrarfakultäten mit der Bitte um Verbreitung. Offenbar vertraut man in Regierungskreisen auch heute noch der Autorität der Universitätsleitungen. Bloß Telegramme hat wohl noch keiner verschickt. Kann aber noch kommen.

An den Unis ist man derweil ein wenig skeptisch. Zunächst mal haben die meisten den Vorlesungsbetrieb – natürlich per virtueller Technik – wieder aufgenommen. Zudem, erfuhr agrarheute an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, kommen auch Wissenschaft und Lehre nicht auf der Nudelsuppe dahergeschwommen.

Die Fakultäten in München (Weihenstephan und Triesdorf) haben beispielsweise Studienmodule entwickelt, die eine Praxiszeit der Studierenden beinhalten. So ist den Betrieben mit Personalnot geholfen und die Hilfe seitens der Studenten ist sauber im Studienplan integriert.

Und die Uni Göttingen hat für ihre Agrarstudenten ein eigenes Jobportal eröffnet, um Hilfebietende und -suchende zu koordinieren.

Hätte man alles erfragen können bevor man Serienbriefe verschickt.

Die Sache mit dem Gedächtnis

Immerhin verspricht das ministeriale Schreiben, dass diejenigen, die bei ihrem Einsatz ein bisschen dazuverdienen, nicht befürchten müssen, dass ihnen diese Kohle aufs BaFöG angerechnet wird. Bleibt zu hoffen, dass man hinsichtlich solcher Zusagen heute ein längeres Gedächtnis hat als annodunnemals in der DDR.

Bei uns gab’s kein Geld für die zusätzliche Arbeit, aber immerhin das Versprechen, dass wir die verlängerte Praktikumszeit an die Semesterferien anhängen und entsprechend später zur Uni zurückkehren dürften. Im Herbst wusste das an meiner Alma Mater allerdings wohl keiner mehr.

Und so gab’s in der zweiten Septemberwoche wieder ein Telegramm von der Uni: Wir hätten uns unverzüglich zum Studienbetrieb einzufinden, ansonsten drohe Exmatrikulation wegen unentschuldigten Fehlens …

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