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Dorf und Familie

IAMO-Forscher: Daseinsvorsorge in landwirtschaftlicher Hand

pd
am
19.12.2013

Halle (Saale) - Weniger Geburten und Abwanderung - das schwächt Kommunen im ländlichen Raum finanziell. In Folge übernehmen häufig Landwirte Aufgaben, die eigentlich in öffentlicher Hand lägen.

Sinkende Geburtenraten und Abwanderung - davon sind viele ländliche Räume in Deutschland betroffen. Dadurch sinkt die regionale Wirtschaftsleistung und viele Kommunen sind nicht mehr in der Lage, die gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge zu gewährleisten. Häufig ist auf Dorfebene, also in den ländlichsten Räumen, die landwirtschaftliche Produktion der einzig verbliebene, aktive Wirtschaftssektor.
 
Diese Situation haben Forscher am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO) zum Anlass für ein Forschungsprojekt genommen. Am Beispiel der Altmark in Sachsen-Anhalt prüften sie, inwieweit landwirtschaftliche Betriebe in peripher-ländlichen Räumen vom demographischen Wandel betroffen sind, und ob sie Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge übernehmen. Die empirische Studie wurde im Auftrag des Wissenschaftsministeriums Sachsen-Anhalt durchgeführt.

Fast jede zweite Lehrstelle bleibt unbesetzt

Die Wissenschaftler um Axel Wolz (IAMO) und Wolfgang Weiß (Ernst- Moritz-Arndt-Universität Greifswald) hatten für ihre Studie im Jahr 2011 Interviews mit politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Schlüsselpersonen in der Altmark geführt und in einer zweiten Runde im Jahr darauf Leiter landwirtschaftlicher Betriebe befragt.
 
Weit über 90 Prozent der befragten Landwirte schätzen die Folgen des demographischen Wandels für die Region negativ ein. Sie gaben unter anderem an, dass ihre Mitarbeiter zunehmend älter werden und öfter krank sind. Wolz ergänzt: "Landwirtschaftliche Betriebe haben immer größere Probleme, geeignete Fachkräfte und insbesondere Lehrlinge zu finden. Fast jede zweite ausgeschriebene Lehrstelle bleibt unbesetzt."

Landwirte übernehmen öffentliche Daseinsvorsorge

Daneben belegt die Studie, dass landwirtschaftliche Betriebsleiter - sei es aus Heimatverbundenheit oder auch aus Eigeninteresse, um die eigenen wirtschaftlichen Tätigkeiten abzusichern - Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge bereits jetzt und zum Teil sogar unentgeltlich übernehmen. Sie stellen beispielsweise Maschinen, Geräte und Personal für die Feuerwehr und Straßenräumdienste, für Transporte der übrigen Dorfbewohner oder den Katastrophenschutz zur Verfügung. Darüber hinaus engagieren sich einige Landwirtschaftsbetriebe für Kindergärten sowie in der Kinder- und Jugendarbeit und überlassen für diese Zwecke Räumlichkeiten oder auch Personal.
 
Damit übernehmen landwirtschaftliche Unternehmen eigentlich kommunale Aufgaben. "In einigen Regionen ist die Landwirtschaft die letzte Bastion zur Sicherung der Daseinsvorsorge", fasst Weiß die Ergebnisse der Untersuchungen zusammen. 

Fazit

Diese Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge können Landwirtschaftsbetriebe aber nur solange wahrnehmen, wie sie wirtschaftlich dazu in der Lage sind. Dafür benötigen sie die Unterstützung der Kommunen. Vor diesem Hintergrund empfehlen die Wissenschaftler neben rein ökonomischen Hilfen auch die Schaffung verbesserter rechtlicher Rahmenbedingungen.
 
Eine öffentliche Diskussion über flexiblere Standards für ländlichste Räume sei nötig - über Fragen von Zuständigkeiten bis hin zum Versicherungsschutz. Auf kommunaler Ebene gelte es außerdem zu prüfen, inwieweit sich die angebotenen Leistungen besser koordinieren und optimieren lassen. Ebenso bedürfe es der Entwicklung geeigneter Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, um dem trotz hoher Arbeitslosenquote in dieser Branche zunehmenden Fachkräftemangel entgegen zu wirken.  
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