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Interview

Ina Müller im Interview: Trecker sind kleine Raumschiffe

Ina Müller
am Sonntag, 05.06.2022 - 05:00 (1 Kommentar)

Die Entertainerin Ina Müller ist auf einem Hof groß geworden. Im Interview mit der Land & Forst erzählt sie von ihrer Kindheit und wie sie heute über die Landwirtschaft denkt.

Verfolgst Du die aktuellen Debatten rund um die Landwirtschaft?

Ina Müller: Na klar. Landwirtschaft sind meine Wurzeln. Das lässt man nicht so einfach los. Es ist in einem drin. Ich sehe, dass sich die Landwirtschaft verändert hat. Die Kühe wurden auf Leistung gezüchtet mit riesigen Eutern und wenig Masse. Sie sind seltener auf der Weide, sondern meistens im Stall. Das alles, weil die Bauern heute über die Milchmenge ihr Geld verdienen müssen. Wenn sie für einen Liter Milch nur 30 Cent bekommen, kann das nicht funktionieren. Das ist so, als wenn ich sagen würde: „Hier ist mein neues Album, das ich ein halbes Jahr lang produziert habe. Es kostet 1,40 Euro.“ Das geht nicht, weil ich draufzahlen würde.

Da stimmt was nicht. Milch muss wieder etwas kosten. Dafür muss man aber doch das System oder besser gesagt, die ganze Produktionskette ändern und nicht die Kuh.

Kein Wunder, dass die Landwirte Angst haben. Sie spüren, dass es eine Veränderung geben muss, ob sie wollen oder nicht. Aber wie, ist nicht immer klar. Sicher ist nur, den Bauern von früher kann es so nicht mehr geben. Das ist beängstigend und die Landwirte haben mein ganzes Mitgefühl.

Könntest Du Dir vorstellen heute auf einem Hof zu leben?

Ich habe mal für den NDR ein Format ausprobiert, das hieß „Ich mach Dir den Hof“. Da haben wir die Familie vom Hof geschickt, die zum Glück einen sehr netten Mitarbeiter hatten. Denn bei dem Dreh wurde mir klar, dass ich mich komplett überschätzt habe. Alles, was auf dem Betrieb gemacht wurde, hatte nichts mehr mit dem zu tun, wie wir früher zu Hause arbeiteten. Wir haben damals doch alles mit der Hand gemacht. Wir hatten keinen Teleskoplader oder so. Da merkte ich, dass ich den Mund zu voll genommen habe. Nach dem Dreh war ich fix und fertig. Darum mach ich Dir den Hof jetzt nicht mehr, weil ich es nicht kann.

Was macht für Dich das Leben auf dem Land heute aus?

Seitdem es das Internet und die sozialen Netzwerke gibt, sind die Unterschiede zwischen Stadt und Dorf gar nicht mehr so groß. Da hat sich viel verändert. Die Trecker sind ja auch nicht mehr die Trecker von früher. Die sind ja auch unfassbar teuer. Ich bin letztes Mal Weihnachten durch unser Dorf beim Schmied vorbeigelaufen. Der hat immer drei große Schlepper auf dem Hof stehen. Ich bin heimlich mal hingeschlichen und hab mir die Preise angeguckt. Unglaublich.

Wenn Du heute auf einem Trecker sitzt, umgibt Dich ja ein riesiges Computersystem. Ich bin fast vom Glauben abgefallen, als ich letztens auf so einem Gerät saß. Das ist nicht mehr Trecker fahren wie früher. Das ist ein kleines Raumschiff. Da ist man nicht mehr Treckerfahrer, man ist eher ein Pilot. Du musst als Bauer heute echt clever sein, um die ganzen komplizierten Geräte zu managen. Und du musst dich ja auch mit Gesetzen auskennen, bei denen sich ständig etwas verändert.

Wie war es denn bei Euch auf dem Hof?

Ich erinnere mich an meinen Papa, der saß immer pfeifend mit den Ellenbogen auf dem Lenkrad auf dem Trecker und hat uns Kinder beim Kühetreiben angetrieben. Damals war die Milch noch was wert. Als dann die Milchquote kam und wir nur noch eine bestimmte Menge abliefern und die restliche Milch wegkippen mussten, tat uns das in der Seele weh. Da merkte man doch schon, dass etwas nicht stimmt. Mir und meinen Schwestern war damals wahrscheinlich schon klar, dass es so, wie es bei uns auf dem Hof lief, nicht weitergehen konnte. Entweder man vergrößert sich oder man hört auf.

Du hast richtig mitgeholfen?

Ja, wir hatten Ackerbau, Mastbullen, ein paar Schweine zum Eigenbedarf und Milchkühe in Anbindehaltung in Köhlen zwischen Bremerhaven und Bremervörde. Ich habe jeden Tag gemolken. Um vier Uhr wurde Mais in den Stall gekarrt, danach das Heu vom Boden geschmissen, dann Getreide geschrotet und gefüttert. Anschließend wurde gemolken. Wir waren abends um acht Uhr fertig mit der Arbeit und mein Schulbus ging morgens um sieben.

Natürlich war es manchmal auch schwer und ich hätte lieber mal ein Buch gelesen, als immer Steine von Feldern zu sammeln oder Stroh und Heu zu pressen, bevor der nächste Regen kommt.

Was sagen Deine Freunde, wenn Du von früher erzählst?

Die sagen immer: „Du übertreibst doch total. Du bist doch nicht vor 100 Jahren aufgewachsen.“ Nein, es ist aber fast 50 Jahre her und es war halt so. Wir brauchten das warme Wasser zum Tränken der kleinen Kälber und wir Schwestern duschten morgens nach der Stallarbeit mit kaltem Wasser. Das Ende vom Lied war, dass ich im Winter mit einer gefroren Haarplatte an der Bushaltestelle stand, denn einen Föhn hatten wir damals nicht.

Ob mir das geschadet hat, weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall hat man dadurch etwas Bodenständiges mitgenommen, nach dem Motto: Denk nicht, dass Du etwas Besseres bist.

Die Kindheit auf dem Hof beeinflusst Dich also noch heute?

Natürlich. Wenn eine Herde Jungbullen beim Umtreiben auf Dich zu gerannt kommt und Du stehen bleiben musst, dann macht das was mit Dir. Du wirst mutiger und weißt, dass Du fast alles schaffen kannst. Ich habe früh gelernt, selbstständig zu sein. Deshalb habe ich diesen Freiheitsdrang in mir und weiß, ich krieg nahezu alles allein hin.

Du wohnst jetzt in Hamburg. Vermisst Du das Landleben nicht?

Es gibt einen bestimmten Geruch, wenn der Sommer geht und der Herbst kommt, der mir in der Stadt fehlt. Das ist der Geruch, wenn wir das letzte Mal auf der Weide melkten – Ende September oder Anfang Oktober. Wir fuhren morgens raus. Es war noch kalt, aber die Sonne kam langsam raus. Wir rochen den Tau auf dem Gras und den Kühen, die vor sich hin dampften. Da war die Welt noch in Ordnung. Diesen Geruch vermisse ich. Manchmal bekomme ich eine Erinnerung davon, wenn wir „Inas Reisen“ drehen und früh morgens irgendwo auf einer Wiese unterwegs sind.

Für mich ist die Mischung wichtig – so wie bei vielen Dingen im Leben. Nur Stadtleben geht für mich nicht, aber nur Landleben auch nicht. Ich mag die Abwechslung, sowie in meinem Beruf halt auch. Ich mache die Fernsehshows, mache Musik, geh‘ auf die Bühne. Nur eins davon wäre mir zu wenig.

Apropos Musik: Dein neues Album „55“ wurde im November 2021 veröffentlicht. Welcher Song ist Dir am wichtigsten?

„Wohnung gucken“. Ich habe versucht bei meinen alten Alben einen Dorfmoment zu finden. Das waren zum Beispiel die Lieder „Fünf Schwestern“ oder „Dorf bleibt Dorf“. „Wohnung gucken“ ist das auch noch irgendwie. Ich singe über diesen kleinen Moment, den jeder kennt, wenn man am Sonntagnachmittag, wenn es dunkel wird, mit dem Partner spazieren geht und in die Fenster der Häuser guckt. Man läuft mit dem Liebsten durch die Gegend, der einen dann noch etwas enger an sich zieht. Das kennt jeder und man tut es in der Stadt und auf dem Dorf. Auf dem Dorf macht das fast noch ein bisschen mehr Spaß, weil du noch besser in die Fenster gucken kannst, da es noch dunkler ist.

Was bedeutet der Song „Fünf Schwestern“ für Dich?

Ich finde, das ist das Lied zum Buch „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen. Das ist mein Lieblingsbuch. Dieses Buch, das Lied „Fünf Schwestern“ und die LAND & FORST sind für mich die absolute Umschreibung meiner Kindheit. Da ist alles drin.

Ihr habt also die LAND & FORST gelesen?

Immer! Wir haben die alle gelesen. Am Anfang war die LAND & FORST im Wohnzimmer, bis Papa die durchgelesen hatte und dann lag sie auf der Toilette.

Mama liest die Grüne, so heißt sie bei uns, heute noch. Sie und die Nachbarn tauschen die Tageszeitung und auch die LAND & FORST untereinander aus.

Was waren denn Deine Lieblingsseiten?

Als wir klein waren, lasen wir vor allem die Kinderseite. Später, als wir in der Pubertät waren, haben wir immer die Bekanntschaftsanzeigen gelesen. Mit denen haben wir meine ältere Schwester Heike geärgert. Sie wollte eigentlich die Landwirtschaft weiterführen, bis klar wurde, dass sie das allein nicht leisten kann. Damals waren wir vier anderen Schwestern ein bisschen gemein. Wir haben ihr laut die Anzeigen vorgelesen und überlegt, wer wohl einer für sie wäre und sie damit ziemlich geärgert.

Wir haben aber auch immer den Tiermarkt in der LAND & FORST gelesen. Und der Bullenkatalog war übrigens auch ein Highlight für uns. Was haben wir früher über die Bullen und die Namen gelacht.

„55“

„55“ heißt das letzte Album von Ina Müller und ist damit ihr drittes mit einer Zahl im Titel. Zwölf Songs sind darauf zu hören. Neben „Wohnung gucken“ sind darunter so unterhaltsame Titel wie „Eichhörnchentag“, „Laufen“ und „Wenn der liebe Gott will“.

Außerdem geht Ina Müller wieder auf Tour. Dann wird sie im Norden unterwegs sein. Hier eine Auswahl ihrer anstehenden Auftritte in Norddeutschland:

  • 08.10.2022 Braunschweig, Volkswagen Halle
  • 22.10.2022 Bremen, ÖVB Arena
  • 04.11.2022 Kiel, Wunderino Arena
  • 05.11.2022 Hamburg, Barclaycard Arena
  • 18.11.2022 Oldenburg, EWE Arena
  • 25.11.2022 Flensburg, Flens Arena

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