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Katzen-Lockdown für den Vogelschutz: Erstes Bußgeld verhängt

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am Dienstag, 05.07.2022 - 09:45 (2 Kommentare)

Für Katzen in Walldorf gilt eine Ausgangssperre: Bis Ende August dürfen Freigänger-Katzen das Haus nicht verlassen. Bei Verstoß droht dem Besitzer ein Bußgeld von bis zu 50.000 Euro. In Baden-Württemberg wurde bereits das erste Bußgeld verhängt.

Katzen sind Jäger. Den Jagdtrieb hat jede Mieze im Blut, auch nach Jahrtausenden der Domestikation. Leidtragende sind vor allem Singvögel und kleine Säuger.

Wer meint, sein fetter Freigängerkater sei viel zu bequem zum Jagen, unterschätzt die Macht der Instinkte. Denn selbst wenn Garfield anschleicht wie ein beschlagener Gaul, beim Sprung nur drei Zentimeter abhebt und tatsächlich nie ernsthaft etwas erwischt, was schneller ist als eine Schnecke: Auch seine erfolglosen Jagdversuche stören Vögel beim Brutgeschäft und setzen sie unter massiven Stress.

Erhebliche Beutemengen

Hauskatzen in Deutschland

Ob Katzen – wie 2013 von einer US-amerikanischen Studie geschätzt – tatsächlich für jährlich bis zu 4 Mrd. tote Singvögel in Nordamerika verantwortlich sind, ist schwer zu belegen.

Völlig abwegig sind die Zahlen aber nicht. Denn wenn man davon ausgeht, dass hierzulande etwa 17 Mio. Hauskatzen leben (laut Statista waren es 2021 rund 16,7 Mio., Tendenz rasant steigend, siehe Grafik) und rund 50 Prozent davon Freigänger sind, ahnt man, was an Vogelbeute zusammenkommt, selbst wenn jede dieser Katzen im Schnitt nur zwei Vögel im Jahr erwischt: nämlich rund 17 Mio. tote Piepmätze.

Naturschutzverbände gehen sogar von mehr als der zehnfachen Menge aus, nämlich 200 Mio. Und da Katzen nicht nach dem Rote-Liste-Status fragen, dürfte unter der Beute auch einiges an streng geschützten Arten zu finden sein.

Katzenarrest in Walldorf

Haubenlerche

Wenn man diese Zahlen betrachtet, ist die Forderung vieler Vogelfreunde, Katzen nicht mehr frei herumlaufen zu lassen, durchaus verständlich.

Die Untere Naturschutzbehörde im Rhein-Neckar-Kreis in Baden-Württemberg hat deshalb jetzt Nägel mit Köpfen gemacht: In den Monaten April bis August dürfen Katzen in weiten Teilen der Stadt Walldorf nicht mehr allein aus dem Haus. Bestenfalls Spaziergänge an der Leine sind mit Ausnahmegenehmigung erlaubt.

Damit soll die stark vom Aussterben bedrohte Haubenlerche, die im Süden der Stadt brütet, geschützt werden. Bei Zuwiderhaldlung drohen dem Besitzer 500 Euro Ordnungsstrafe. Wird die Katze mit einer der geschützten Lerchen erwischt, kann das sogar bis zu 50.000 Euro kosten. Vogelschützer jubeln, Katzenhalter und Tierschutzverbände laufen Sturm.

Der Rhein-Neckar-Kreis in Baden-Württemberg hat wegen Verstößen gegen das bundesweit einzigartige Ausgangsverbot für Katzen in Walldorf erstmals ein Zwangsgeld von 500 Euro verhängt. Die betroffene Katze sei nach Veröffentlichung der Allgemeinverfügung mehrfach innerhalb des Gefahrenbereichs der Haubenlerchen gesichtet worden, wie eine Sprecherin des Landratsamts am Montag (05.07.) in Heidelberg mitteilte.

Papiertiger gegen Stubentiger

Ich selbst bin, ehrlich gesagt, skeptisch, dass diese Verfügung etwas anderes als ein Papiertiger ist. Die meisten Katzenhalter werden sie ignorieren. Nicht aus „krimineller Energie“ oder Gleichgültigkeit, sondern weil ihnen nichts anderes übrigbleibt.

Oder wie will man seinem jahrelang routinierten Freigänger klarmachen, dass er ab jetzt regelmäßig für fünf Monate Stubenarrest hat? Freigänger wollen raus und drehen durch, wenn sie das über längere Zeit nicht dürfen. Die Tierheime würden aus allen Nähten platzen vor massiv verhaltensgestörten Katzen, die die Möbel ihrer Besitzer zerlegt haben oder sich das Fell von der Haut lecken.

Wohnungshaltung muss ein Stubentiger vom Welpenalter an gewöhnt sein, dann fehlt ihm der Freigang auch nicht.

Für Katzen gibt es keine Meldepflicht

Dazu kommt, dass es für die Behörden fast unmöglich sein dürfte, die Besitzer freilaufender Katzen zwecks Strafdurchsetzung zu ermitteln. Im Gegensatz zu Hunden gibt es für sie keine Meldepflicht und keine Steuermarke.

Bestenfalls könnte man die Katzen schießen (was in bewohnten Gegenden nicht einfach so möglich ist) und hoffen, dass die betreffende Mieze einen Transponder trägt und irgendwo damit registriert ist. Katzenhalter werden also wahrscheinlich die geringe Gefahr einer Strafe hinnehmen. Bauchschmerzen dürfte ihnen höchstens der drohende Abschuss bereiten, aber der blüht wildernden Katzen im Wald sonst auch.

Petitionsausschuss: "Einschränkung der Katzenhalterrechte"

Es sollte mich wundern, wenn der Ansatz aus Walldorf in der betreffenden Region etwas ändert. Und auch rechtlich steht er offenbar auf tönernen Füßen.

Zwei Katzenbesitzer aus Walldorf haben bereits Widerspruch gegen die Verfügung eingelegt. Und der Petitionsausschuss im Bundestag, der sich im Februar mit dem Thema befasste, schrieb, es sei aus Tierschutzgründen unzumutbar, Hauskatzen jeglichen Freilauf zu verbieten. Zudem sei es ein unverhältnismäßiger Eingriff in die Rechte von Tierhaltern, wenn diese ihre Gärten vollständig umzäunen müssten, um ein Entkommen der Katzen zu verhindern, oder wenn die Anschaffung von Hauskatzen schlechthin verboten wäre.

Anmerkung am Rande: Komischerweise gibt es ähnliche Äußerungen bei der artenschutzbegründeten Einschränkung der Rechte von Landwirten eher selten. Katzenhalter haben wohl die größere Lobby.

Kastrieren statt einsperren

Statt aus Freigangkatzen Stubentiger zu machen, wäre es mittelfristig viel sinnvoller, wenn Tierschutzverbände nicht mehr ohne Sinn und Verstand Freigang als einzig artgerechte Haltungsform präferieren würden. Selbst bisherige Wohnungskatzen werden von Tierheimen nicht selten nur mit Freiganggarantie abgegeben.

Dass Bauernhofkatzen als „Mauser“ Freigang haben, gehört zum System, doch auch hier müssen Landwirte sich fragen lassen, ob es unbegingt zwei Dutzend Katzen am Hof sein müssen. Dagegen hilft nur eins: Kastrieren, was das Zeug hält. Letzteres gilt natürlich auch für halbwilde Streuner. Ein einziges Katzenpaar kann über nur vier Jahre hinweg bis zu 2.000 Nachkommen fabrizieren.

Bequemer Buhmann Landwirtschaft

Egal, wie man es wendet: Katzen sind für die heimische Vogelwelt ein Problem. Doch vor allem Tierschutzverbände reden ungern über dieses Thema, obwohl der Singvogelschutz ihnen am Herzen liegen müsste. Wer will schon die eigene Klientel, die zu einem großen Teil aus Katzenhaltern und -freunden besteht, verprellen?

Statt also – wie oben beschrieben – nicht mehr Freigang als einzig akzeptable Haltung zu empfehlen und auf eine Kastrationspflicht für alle Nicht-Zuchttiere zu dringen, holt man lieber regelmäßig den Buhmann Landwirtschaft aus der Mottenkiste und erklärt die Vogelverluste ausschließlich mit Insektenschwund durch Pflanzenschutzmittel und großflächige Kulturen.

Das ist nicht nur sehr bequem, sondern auch sehr schädlich für den Artenschutz. 

Mit Material von Heidelberg24
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