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Wildtierschutz

Katzen und Singvögel: Was ist dran an der Bedrohung?

Katze im Vogelhaus
am Donnerstag, 19.08.2021 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Rund 200 Mio. Singvögel sollen streunende und Freigängerkatzen hierzulande pro Jahr erbeuten. So lauten Schätzungen von Naturschutzverbänden. Müssen Katzen unter Verschluss? Oder geht die Freiheit der Katze vor das Leben von Wildvögeln und Kleinsäugern?

Entwicklung des Hauskatzenbestands in Deutschland

2020 gab es hierzulande 15,7 Mio. Hauskatzen, Tendenz seit Jahren rasch steigend. Und halbwilde Streuner sind dabei noch nicht einmal mitgezählt. Die Katze ist mit Abstand der Deutschen liebstes Haustier.

Allein zwischen 2000 und 2020 stieg die Anzahl der Stubentiger auf das 2,3-Fache (siehe Grafik). Und folgt man den Einschätzungen von Tierschutzverbänden und Tierheimen, hat die Corona-Pandemie seit dem vergangenen Jahr den Katzenbestand noch einmal massiv in die Höhe schnellen lassen. Homeoffice und fehlende menschliche Kontakte haben das Bedürfnis der Deutschen nach einem Kuschelpartner befeuert wie selten zuvor.

Artgerecht ist nur die Freiheit – auf Kosten von Vögeln und Kleintieren?

Wären alle Katzen tatsächlich nur Stubentiger, wäre der schnelle Anstieg ihrer Anzahl auch kein Problem. Doch ein erheblicher Anteil – Schätzungen sprechen von zwei bis drei Millionen, aber so genau ist das nicht zu ermitteln – lebt als Freigänger und verbringt mehrere Stunden am Tag draußen.

Das ist artgerecht, betonen Tierschützer immer wieder. So manches Tierheim vermittelt Katzen fast ausschließlich unter der Prämisse, dass die Tiere nicht ausschließlich in der Wohnung gehalten werden.

Genau da liegt aber der Hase im Pfeffer, denn da draußen lauert nicht nur das Abenteuer, sondern auch jede Menge flinke Nahrung, die den Jagdtrieb von Mieze, Mausi und Co. bedient.

US-amerikanische Studie schätzt milliardenfache Beute durch Katzen

Und so fallen nach Schätzungen des World Wide Fund for Nature (WWF) und des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) aus dem Jahr 2019 jährlich um die 200 Mio. Singvögel Hauskatzen zum Opfer.

Auch diese Zahl ist grob geschätzt. Sie lehnt sich an eine US-amerikanische Studie von 2013 an, nach der bei einem Gesamtkatzenbestand in den Vereinigten Staaten von mehr als 90 Mio. Tieren jährlich mindestens 1,3 Mrd. Vögel und 6,3 Mrd. Kleinsäuger von Katzen – Freigängern wie Streunern – gefressen werden.

Wenn man allerdings davon ausgeht, dass jede Freigängerkatze im Schnitt jeden dritten Tag einen Vogel erbeutet, sind die Schätzungen durchaus nachvollziehbar.

Dazu kommen, so Vogelexperten, Verluste bei Jungvögeln, weil eine regelmäßige Versorgung der Brut nicht möglich ist, wenn sich Katzen in der Nähe der Nester herumtreiben. Und natürlich werden nicht Singvögel bejagt, sondern auch bedrohte Säuger- und Reptilienarten wie Fledermäuse, Maulwürfe oder Salamander.

Tierschutzbund lehnt Einschränkung von Katzen ab

Während Nabu und WWF regelmäßig Alarm schlagen und zur Einschränkung des Katzenfreilaufs auffordern, wiegelte der Deutsche Tierschutzbund (DTSchB) 2013 nach Erscheinen der US-Studie ab: Zwar seien Katzen tatsächlich recht erfolgreiche Vogeljäger, doch erbeuteten sie überwiegend nicht bedrohte Vogelarten wie Amseln und Kohlmeisen. Das ist logisch, Arten, von denen mehr Individuen in Katzennähe kommen, werden häufiger erwischt. Dennoch mahnen Vogelschützer regelmäßig auch die Verluste bei relativ häufigen Arten an (und schlagen sie meist der modernen Landwirtschaft und ihren Bewirtschaftsmethoden zu).

Der DTSchB, der seine katzenliebende Klientel wohl nicht verprellen will, erklärt lieber verwilderte Katzen zum Problem. Die müssten sterilisiert und kastriert werden, um die Vogelverluste zu minimieren. Stubenarrest, Glöckchenhalsbänder oder gar den Abschuss von Streunern lehnen die Tierschützer ab.

Kastrationen und Sterilisationen helfen, aber in Grenzen

Zwar ist eine Einschränkung der Vermehrung von besitzerlosen Katzen tatsächlich zu begrüßen – schon, um Krankheiten und Tierelend in Streunerpopulationen einzuschränken.

Ob das angesichts der immer weiter zunehmenden Hauskatzenzahlen am Problem Singvogel- und Kleintierverluste ernsthaft etwas verändert, darf allerdings bezweifelt werden.

Auch die empfohlene Fütterung von streunenden Katzen ist eher kontraproduktiv. Katzen jagen nicht nur aus Hunger, sondern oft schlicht aus ihrem Jagdtrieb heraus. Eine regelmäßige Fütterung dürfte nur zu einer stärkeren Vermehrung von Streunern führen.

Auch Bauernkatzen gehören unter Kontrolle

Für Hauskatzen gilt also: Wer nicht raus kann, fängt auch keine Vögel oder Fledermäuse. Katzenbesitzer sollten das überdenken, auch wenn damit die Freiheit ihrer Samtpfoten eingeschränkt wird.

Wie bei vielen anderen Themen muss eben auch hier abgewogen werden: Was ist wichtig(er)? Katzenfreiheit oder Singvogelschutz. Wolf oder Weidetier. Saubere Getreidebestände oder Bienenfutter im Weizenfeld. Eine simple Lösung gibt es selten.

Ach ja: Auch Landwirte sind bei der Causa Katze nicht raus. Auf manchem Betrieb gibt es einen größeren Katzen- als Milchviehbestand. Die Tiere vermehren sich fröhlich und halten längst nicht nur die Futterkammer rattenfrei.

Regelmäßige Fang- und Sterilisationsaktionen kosten Mühe und Geld, sollten aber trotzdem zum guten fachlichen Standard im Betriebsmanagement gehören.

 

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