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Urban Gardening

Knappe Flächen: Stadt Wien baut Gemüse auf dem Friedhof an

Friedhofsverwalter Walter Pois zeigt ein mit Chili bepflanztes Grab auf dem Matzleinsdorfer Friedhof in Wien.
am Samstag, 20.08.2022 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Auf Friedhöfen gibt es immer weniger Gräber. Dagegen steigt in Städten die Nachfrage nach Gartenflächen. Deshalb erlaubt ein Wiener Friedhof, auf Gräbern, die nicht mehr gepflegt werden, Gemüse zu züchten.

„Essen die Leut‘ die Paradeiser?“, fragt eine 86-jährige Dame den Friedhofsgärtner vom Matzleinsdorfer Friedhofs in Wien. Sie findet den Gedanken, Tomaten zu essen, die auf einem Grab gewachsen sind, wohl etwas gruselig. Geht es nach Friedhofsverwalter Walter Pois, muss sie sich keine Sorgen machen. Mindestens ein Meter Erdreich liege zwischen dem Obst und dem Sarg – oder was davon noch übrig sei.

Tatsächlich entkräftet auch Birgit Ehlers-Ascherfeld, die Vorsitzende des Bundes deutscher Friedhofsgärtner, gesundheitliche Bedenken beim Anbau von Obst und Gemüse auf Gräbern. Keine Nutzpflanze wurzele so tief, dass sie auf dem Friedhof mit den dort Bestatteten oder deren Überresten in Kontakt komme. 

Pois fand es schade, Gräber, die nicht mehr von Angehörigen betreut werden, brach liegen zu lassen. So kam er auf die Idee, unbetreute Gräber an Urban Gardening Fans und Selbstversorger zu vermieten. 75 Euro kosten die circa zweieinhalb Quadratmeter Fläche eines Grabes pro Jahr. 

Das Angebot richtet sich an Hobbygärtner, die es nicht stört, Gemüse und Obst über dem Totenreich zu züchten. Tatsächlich bekommt der Spruch „Die Radieschen von unten anschauen“ hier eine ganz neue Bedeutung. Doch können Stadtgärtner, die kein mulmiges Gefühl beim Graben in der Friedhofserde bekommen, sich hier gärtnerisch austoben.

20 Gräber zum Gemüsebeet umfunktioniert

Pois hat schon vor ein paar Jahren mit dem Gärtnern auf dem Friedhof begonnen. Der gelernte Gärtnermeister erzählt, dass anfangs Mitarbeiter die Chance ergriffen hätten, nebenbei Kartoffeln, Zwiebeln, Kohlrabi oder Tomaten anzupflanzen.

Mittlerweile sind schon 20 Gräber auf dem Wiener Friedhof ein Gemüsegarten im Miniaturformat geworden. Pois zufolge wächst der Trend. „Die Nachfrage steigt“, sagt er.

Der 51-jährige Pois findet es schön, wenn nicht nur Kulturen angebaut werden, die man ernten und essen kann, sondern auch Blumen auf den Mini-Parzellen blühen. Eine der Grabstellen ist wohl ein echtes Blumenmeer, ganz ohne Nutzpflanzen.

Wiener Friedhof denkt Friedhofsbesuch neu

Der Evangelische Friedhof Matzleinsdorf beherbergt 8.600 Gräber. Prominente wie der deutsche Lyriker Friedrich Hebbel oder die Schauspielerin Adele Sandrock sind hier begraben. Obwohl der Friedhof im Vergleich zu anderen in Wien klein ist, wolle er in Sachen Innovation führend sein, sagt Pois.

Der Friedhof hat sich zum Ziel gesetzt, den klassischen Friedhofsbesuch zu erweitern. Deshalb wurden in diesem Jahr schon fünf Grabsteine zu Bücherschränken umfunktioniert.

Die Bücher zum Ausleihen sollen den Aufenthalt angenehm gestalten, zum Verweilen einladen und den Sinn eines Friedhofsbesuchs erweitern. „Der Friedhof soll nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch der Ruhe und Erholung sein“, sagt Pois.

Friedhof Berlin-Neukölln baut Bio-Gemüse an

In Sachen Innovation hat der Wiener Friedhof mittlerweile Konkurrenz bekommen. Der St. Jakobi Friedhof in Berlin-Neukölln hat ein Pilotprojekt gestartet. Auf dem Friedhof wird nun Biogemüse angebaut. Ähnliche Projekte gibt es auch in Braunschweig und in Neuburg an der Donau. 

Mit Material von dpa, Deutschlandfunk Kultur, NDR

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