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Politik national

Kommentar: Die 10-Punkte-Kuscheltier-Politik

Johann Wörle/nc
am
23.10.2015

Die Diskussion um landwirtschaftliche Produktionsmethoden ist hoch emotional. Dies machen sich gerade kleinere Parteien zunutze und polarisieren. Ein Kommentar von Hans Wörle, Herausgeber agrarheute.com.

Hans Wörle, Herausgeber agrarheute.com.
In der Marktforschung spricht man oft und gerne von so genannten "Sinus-Millieus". Eine Einteilung der Gesellschaft in verschiedene Gruppen, entsprechend ihrer persönlichen Haltung, ihrer Bildung und ihrem Selbstverständnis. Zentral sind dabei die Gruppen "Konservative" und "Progressive". Aus der Schnittmenge bildet sich die "Bürgerliche Mitte". Das ist die Gruppe, die in der Konsumforschung am meisten Umsatz verspricht, bei Wahlen die meisten Stimmen.
 
So liegt es gerade für kleinere Parteien nahe, die Themen ins Visier zu nehmen, die in der bürgerlichen Mitte für Blutdruck sorgen. Und gibt’s kein spannendes Thema, dann wird eines hochgejubelt. Das Rezept ist einfach: Ein Thema suchen, das möglichst viele betrifft, dieses emotionalisieren, anschließend polarisieren und letztlich mit einem einfachen 10-Punkte-Plan für Rettung sorgen.

Emotionale Diskussion um Produktionsmethoden

So erklären sich auch politische Statements wie "Das Interesse an der Landwirtschaft ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen." Natürlich, denn Landwirtschaft und Ernährung betrifft alle. Emotional wird das Thema mit der Diskussion um die Produktionsmethoden zeitgemäßer Landwirtschaft. Insbesondere die Tierhaltung lässt dafür viel Raum.
 
Denn Studien zufolge, kennen große Teile der Verbraucher den Unterschied zwischen kuscheligen Haustieren und Nutztieren nicht mehr. Die persönliche Bindung zu Katzen, Hamstern und Karnickeln wird gezielt als Maßstab für den Umgang mit Tieren hochstilisiert, um die Gesellschaft zu polarisieren. Damit machen sich allerdings nicht einzelne Parteien ihre weiße Weste schmutzig, dafür sorgen schon NGOs in unterschiedlicher Intensität und Brutalität. 
 

"Bauernopfer" landen auf der Schlachtbank

Interessant wird es, welchen simplen Masterplan die kleineren Parteien im nahenden Wahlkampf aus dem Hut zaubern, um die Stimmen der besorgten bürgerlichen Mitte einzuheimsen. Interessant wird es auch, wie sich die konservativen Parteien davon treiben lassen - und welche "Bauernopfer" dafür auf der Schlachtbank landen.
 
Aktuellen agrarheute.com-Umfragen zufolge ist eine nagende Sorge der Landwirte, ihre vermeintlich fehlende gesellschaftliche Akzeptanz. Das ist das Resultat der gezielten Polarisierung. Verstärkt durch hohen Preisdruck, reagieren einzelne Landwirte völlig planlos, wie etwa die Blockade-Aktionen in Brüssel zeigen. Das sorgt zwar für kurze Aufmerksamkeit in den Tagesthemen, jedoch bleibt das für die meisten Verbraucher unverständlich.
 
Das Ergebnis davon: Die Aktionisten werden zunehmend als pöbelnde Randgruppe wahrgenommen, die nicht in der Lage ist auf dem Weg der politischen Klärung Ergebnisse herbeizuführen. Damit katapultieren sie sich selbst aus der bürgerlichen Mitte - und machen den Platz frei für die Verfechter einer 10-Punkte-Kuscheltier-Politik.    


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