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Kommentar: Eine App ersetzt keinen Sachverstand

Eine Person macht ein Handyfoto von einem Feld
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Sabine Leopold, agrarheute
am
09.02.2018

Ein grüner Lokalpolitiker stellt eine App ins Netz und fordert deren Nutzer auf, Umweltverstöße zu melden. Sachkunde oder Rechtssicherheit? Uninteressant. Auch um die Beseitigung diverser Probleme geht es nicht. Dafür um geballtes Denunziantentum.

Was tut der "mündige Bürger" angesichts von Umweltverstößen? Melden, möchte man meinen. Und zwar den zuständigen Behörden.

Es schadet auch nicht, im Zweifelsfalle vorher abzuklären, ob die vermeintliche Umweltsünde tatsächlich eine solche ist. Gut, beim Kühlschrank im Wald ist die Lage einigermaßen eindeutig, Rehe brauchen keine Küchengeräte. Aber dass die Sprinkleranlage auf dem Gemüseschlag Wasser und nicht Glyphosat verteilt, wissen erschreckend wenige Nichtlandwirte. Gegen derlei Missverständnisse hilft Kommunikation.

Petz-App für Bequeme

Man kann sich's aber natürlich auch einfacher machen. Und dafür liefert ein Kommunalpolitiker der Bündnis90/Grünen aus dem niedersächsischen Ortsverband Fintel an der Wümme das perfekte Werkzeug: eine Melde-App für vermeintliche Umweltverstöße. Auf der entsprechenden Seite des Google Play Store liest sich der Werbetext für die "Grüne Umwelt"-App unter anderem so:

"Die GRÜNE Umweltmeldung ist Ihr persönlicher Begleiter, um schnell und problemlos Umweltangelegenheiten zu melden [...]
Dazu zählen zum Beispiel:

  • Vorkommnisse durch extensive und industrialisierte Landwirtschaft (Einsatz von Pestiziden, Havarien von Gülle, Gärreste und ähnliches, Zerstörung von Wegerainen und anderen Gebieten, die für den Erhalt unserer Umwelt und für den Artenschutz wichtig sind)
  • Havarien durch Industrie- und Transportunfälle
  • Illegale Ablagerung von Müll jeglicher Art
  • Störende Emissionen und Immissionen

[...] Google Maps übernimmt (wenn sie die Freigabe erteilt haben) Ihren Standort, wenn Sie keinen Ort in das Feld „Ort des Vorfalles“ eingeben. [...] In der Übersicht zeigt die APP alle gemeldeten und freigegebenen Meldungen an. Sie können jede Meldung innerhalb des Systems und Ihrer sozialen Medien weiter teilen und kommentieren."

Aha. Und dann? Wer überprüft die Angaben? Wer sorgt für eine Beseitigung der Probleme. Wer sichert ab, dass keine mutwilligen oder unwissentlichen Falschmeldungen die Runde machen?

Wer kontrolliert auf Sachkenntnis und Ehrlichkeit?

Das ist offenbar unwichtig. Es geht vor allem darum, dass jeder jederzeit bequem "Meldung" machen kann. Gesammelt werden die angeblichen Vorkommnisse in der App – und auf der privaten Website des Politikers sowie der Website des Grünen-Ortsverbandes Fintel.

Nun müsste wohl jedem halbwegs gebildeten Mensch klar sein, dass eine solche App vor allem Denunziantentum fördert. Denn selbstverständlich bleibt der Ersteller der Meldung anonym, während der angebliche Umweltsünder per Kommentar genannt, zumindest aber über den verlinkten Ort gefunden werden kann. Und wer sein Handy nicht per Google Maps tracken lässt, kann sogar ganz willkürlich einen Ort angeben, an dem das "skandalöse" Foto angeblich entstand.

Behauptungen ohne Nachverfolgung

Dem Ersteller der App ging es natürlich nur die Verhinderung von "Umweltsünden, die nachhaltig unsere Lebensgemeinschaften schädigen". Steht zumindest in der App-Beschreibung. Doch genau das ist anzuzweifeln. Bilder von illegal entsorgtem Müll helfen weder, die Täter zu fassen, noch räumen sie das Gerümpel aus dem Wald. 

Schaut man sich die bisher aufgelisteten Meldungen an, wird aber auch schnell klar, dass es darum gar nicht geht. Stattdessen zeigen unidentifizierbare Fotos angeblich mit Glyphosat totgespritzte Wegraine oder ein verschmutztes Regenrückhaltebecken, das, so vermutet der Autor, wohl auf eine "Silage- oder Güllehavarie" zurückzuführen sei.

Faktencheck? Fehlanzeige, obwohl letztere Meldung bereits vor vier Monaten erstellt wurde. Entweder hat die angeblich eingeschaltete Untere Wasserbehörde nichts ermitteln können – oder das Ergebnis war nicht wie gewünscht.

Am Ende ist es aber auch egal: Echte Umweltverstöße gehören angezeigt – und nicht unkontrolliert als Petzliste auf eine grüne Internetseite. Das ist nämlich kein Umweltschutz, sondern die Unterstützung von Fehlinformationen und Denunziantentum.

P.S.: Wer hat eigentlich den 2016 gemeldeten Baumüll aus dem Wald geräumt, liebe Finteler Grüne?

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