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Politik national

Kommentar: 'Landnahme' durch NGO - Wildnis ersetzt Kulturlandschaft

von , am
30.07.2015

Landnahme passiert nicht nur in Afrika, sondern auch in Mitteleuropa. Natürlich fällt der Griff von Nichtlandwirten auf Grund und Boden hier kleiner aus. Ein Kommentar von dlz-Chefredakteur Detlef Steinert.

Detlef Steinert, Chefredakteur des dlz agrarmagazins © dlv
Da mischen mit dem Einstieg eines Versicherungskonzerns aus Shanghai bei der KTG agrar zwar nunmehr auch Chinesen mit, aber zu allererst denkt der Landwirt und die Landwirtin doch an andere Namen: etwa die Fernsehköchin Sarah Wiener, die sich gerade vor den Toren Berlins einen Betrieb mit über 700 ha gekauft hat, oder den Brillenkönig Fielmann, der seit Jahren in Schleswig-Holstein und Mecklenburg Biohöfe betreibt, oder den Abfallentsorger Rethmann, der verschiedenen Quellen zufolge Güter mit zusammen 6.500 ha sein Eigen nennt.
 
Bescheiden nehmen sich da Zahlen aus, die wir (das dlz agrarmagazin, Anm. d. Redaktion) recherchiert haben - zunächst. Nur über Umwege bekommt man eine Vorstellung, welche Rolle beim Entzug landwirtschaftlicher Nutzfläche Organisationen spielen, die im Naturschutz tätig sind. Die lassen sich nicht gerne in die Karten schauen und ignorieren Anfragen dazu weitgehend.

Hunderte Organisationen kaufen landwirtschaftliche Flächen

Angaben der Datenbank der Zahlungsempfänger aus den EU-Agrarfonds belegen aber, dass NABU und BUND zusammen mindestens 2.000 ha Nutzfläche bewirtschaften und dafür EU-Prämien kassieren. Allerdings: Das ist nur die Spitze des Eisbergs.
 
Nicht nur die genannten Organisationen betätigen sich am Bodenmarkt, teils mit Millionenbeträgen wie der NABU, dessen Stiftung Nationales Naturerbe laut Geschäftsbericht allein 2013 für über 1,55 Mio. Euro Flächen gekauft hat. Daneben treten Hunderte weiterer Organisationen als Käufer von Nutzflächen auf, die sie teils aus der Produktion nehmen, teils in Eigenregie bewirtschaften.

Grundbesitz der NGO erreicht kirchliche Größenordnungen

Schlupflöcher gibt es genügend: sei es, dass Vereine vor Gericht die Anerkennung als Landwirt erstreiten, sei es, indem Genehmigungsgrenzen im Rahmen des Grundstücksverkehrsgesetzes unterlaufen werden. Zudem übereignet ihnen der Bund immer wieder ansehnliche Flächen: binnen der vergangenen sechs Jahre immerhin satte 125.000 ha.
 
Experten schätzen daher, dass der Grundbesitz solcher Akteure mittlerweile eine Größenordnung erreicht, wie man sie bislang nur von den Kirchen kennt. Nur um es deutlich auszusprechen: Schutzwürdige Flächen zu erhalten, ist eine Aufgabe, der sich die gesamte Gesellschaft stellen muss. Die Landwirte sind die Letzten, die sich dem verweigern. Und sie sind in der Regel auch diejenigen, die Landschaftspflege und -erhalt am günstigsten erledigen.

Unwirtliche Wildnis - die Folge wenn der Bauer weicht

Wo sie weichen müssen, weil über Spenden und Stiftungen gut gefütterte Naturschutzorganisationen ihnen Flächen streitig machen, soll bitte niemand jammern, wenn sich über kurz oder lang Wohlfühllandschaften wie zum Beispiel im Voralpenland, an der Küste oder in den Mittelgebirgen allmählich in unwirtliche Wildnis verwandeln und kein Tourist dort mehr wandeln mag.
 
Wer so den Bauern das Land zum Leben entzieht, darf nicht erwarten, dass sie klaglos immer neue ­Naturschutzauflagen hinnehmen.
 
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