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Schulmilchprogramme

Kommentar: Nicht die Schulmilch macht unsere Kinder dick

Junge trinkt Milch
am Donnerstag, 27.09.2018 - 06:00

Die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter empfiehlt, allenfalls noch zucker- und aromenfreie Schulmilch zu fördern. Noch besser sei sowieso Wasser. Damit will man der Fettleibigkeit bei Kindern zu Leibe rücken.

Die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) empfiehlt in einer Pressemitteilung anlässlich des Weltschulmilchtages, Schüler lieber mit Wasser aus Trinkbrunnen als mit zuckerhaltiger Schulmilch zu versorgen.

Schulmilch solle am besten zielgerichtet nur Kindern zur Verfügung stehen, die sonst wenig Milch und Milchprodukte verzehren, so die AGA.

Das allerdings sind ziemlich viele, wie Studien zeigen. Das Robert-Koch-Institut resümierte 2008 in der Broschüre „Zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“, dass „in allen Altersgruppen […] etwa die Hälfte der Mädchen und Jungen weniger Milch und Milchprodukte zu sich [nehmen] als empfohlen“. Seitdem, so schätzen Fachleute, ist der Milchkonsum bei deutschen Kindern um weitere 10 bis 15 Prozent gesunken.

Ernährungsfehler entstehen nicht durch Schulmilchprogramme

Die Erkenntnis ist nicht neu: Auch in Deutschland gibt es durchaus Kinder, in deren Familien wenig auf die Versorgung mit gesunden Lebensmitteln geachtet wird. Fatalerweise sind das genau dieselben Kinder, die sich auch in der Schule vornehmlich mit Süßkram versorgen – zum einen, weil sie durch nachlässige Ernährungserziehung bereits kaum noch für andere Lebensmittel zu begeistern sind, und zum anderen, weil so manche Eltern morgens lieber fix ins Portemonnaie greifen, statt Stullen zu schmieren und Obst und Gemüse zu schnippeln.

Und hier wollen wir ausgerechnet bei der Schulmilch ansetzen, um Ernährungsfehler zu korrigieren?

Stattdessen ab an den Getränkeautomaten?

Natürlich hat die AGA recht, wenn sie schreibt, man solle Kinder lieber an ungesüßte und kunstaromenfreie Milch heranführen. Aber das ist nunmal nicht ganz einfach in unserer wunderbunten Nahrungswelt.

Statt dass die Kinder-Adipositas-Gesellschaft also alternativ dazu empfiehlt, zuckerreduzierte Milchprodukte zu fördern, findet sie, Wasser sei eh der bessere Durstlöscher für Schulkinder.

Kalorientechnisch betrachtet mag das stimmen, aber haben die Ernährungsexperten denn noch nie in Schulpausen beobachtet, wie ganze Kinderhorden nahegelegene Supermärkte und Imbissbuden stürmen? Die holen sich ihre zuckerhaltigen Getränke dann nämlich dort in Form von Cola, Limo oder pseudogesunden Fruchtsaftimitaten.

Gezielte Förderung für gesündere Milchprodukte

Milch ist ein wertvoller Eiweiß-, Vitamin- und Mineralstofflieferant für Heranwachsende. Das sollte eine Ernährungsgesellschaft wie die AGA im Fokus haben. Um unsere Kinder vor Fettleibigkeit zu schützen, hilft es wenig, ihnen den Kakao madig zu machen und sie dazu zu animieren, den Pausenschokoriegel mit Wasser runterzuspülen.

Schulmilchprogramme sind nicht falsch, aber ausbaufähig. Milchprodukte können nämlich auch mit weniger Zucker und Geschmacksverstärkern lecker sein, unter anderem, weil Milch ein weitaus besserer Aromenträger ist als Wasser. Viele Kinder kennen diese Alternativen gar nicht.

Hier lässt sich nachhaltig ansetzen, auch in Form einer gezielteren Förderung – statt gleich die ganze Milch mit dem Bade auszuschütten.