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Kommentar

Kommentar zum Spiegel-Artikel: "Kalkuliertes Bauerndreschen"

Spiegel-Logo vor Landschaft
Sabine Leopold
am
12.01.2017

Der Spiegel hat einen üblen Artikel über die deutsche Landwirtschaft gedruckt, der selbst NGO-Hardliner vor Neid erblassen lässt. Doch die Verunglimpfungen sind sauber kalkuliert. Denn statt ums "Wohl der Tiere" geht es hier ums "Wohl des Verlages". Ein Kommentar von agrarmanager-Redakteurin Sabine Leopold.

Sabine Leopold, agrarheute

In ein paar Tagen öffnet die diesjährige Grüne Woche in Berlin ihre Pforten. Und so mancher Landwirt wundert sich, wo denn in diesem Jahr der übliche Lebensmittelskandal bleibt? Kein Gammelfleisch, kein Dioxin, keine multiresistenten Keime in Sicht bisher?

Hat man uns denn vergessen?

Pauschale Prügel

Mitnichten. Nur scheint es den Publikumsmedien mittlerweile sogar zu anstrengend zu sein, konkrete Vorwürfe zu formulieren, wenn es ans Bauernprügeln geht.

Der aktuelle Spiegel jedenfalls glänzt im Artikel "Zum Wohl der Tiere" mit einem Rundumschlag, der selbst so manchen NGO-Hardliner vor Neid erblassen lässt. Da ist die Rede von der „hochsubventionierte[n] Landwirtschaft, die kaum zu Wertschöpfung und Beschäftigung beiträgt“, von Landwirten, die „mit ihrem Grund und Boden um[gehen], als wäre er ihr privates Ausbeutungsgebiet“ und die die Hand aufhalten, sobald etwas schiefgeht. Dem Tierhalter scheine dabei "in der durchökonomisierten Fleischproduktion die Empathie für die Kreatur verloren gegangen zu sein." „Ohne zu zögern“ würden „Schweineschwänze und Hühnerschnäbel gekürzt, Kälberhörner ausgebrannt“ und „wahllos Antibiotika“ verabreicht. Und nicht zuletzt zerstörten die Bauern mit ihrem „großzügigen Pestizid-Einsatz“ das Bodenleben und verdichteten die Krume mit „gewaltigen Landmaschinen“ derart, dass sie kaum noch Wasser aufnehmen könne. Alles in allem, folgert Spiegel-Autorin Michaela Schießl, sei „das gesamte System [...] falsch, krank und hochgradig pervertiert."

Ich gebe zu, dass mir bei der Beurteilung dieses Artikels ähnliche Attribute in den Sinn gekommen sind.

Wiederholungstäterin

Nun sind solche undifferenzierten Generalabrechnungen mit einem Wirtschaftszweig, dessen fachliche Grundsätze man nicht versteht (oder nicht verstehen will), nichts Neues. Nur kommen sie normalerweise aus den Federn radikaler Tierrechtler oder Umweltschützer. Michaela Schießl aber ist Wirtschaftsredakteurin beim Spiegel und unterliegt als solche – möchte man meinen – einer gewissen Recherche- und Objektivitätspflicht.

Ihre Meinung über moderne Landwirtschaft hat die studierte Politologin und Sportwissenschaftlerin schon öfter kundgetan, zuletzt in einem Beitrag über die angebliche routinemäßige Tötung männlicher Milchviehkälber. Ihr Artikel „Kälber für die Tonne“ trug der Spiegel-Redaktion schon damals wütende Briefe ein – unter anderem von der Landwirtin, die Schießl angeblich ein Interview zu diesem Thema gab, dazu aber in Wirklichkeit nie befragt wurde.

Einträgliche Negativschlagzeilen

Hat man also in der Spiegel-Chefredaktion nicht ahnen können, dass der Schießl-Artikel auch diesmal jeder sachlichen Grundlage entbehrt?

Aber sicher, das hat man. Nur erhielt das Magazin nach dem Kälberartikel eben nicht nur böse Post von den diffamierten Landwirten, sondern auch irgendwann die Abrechnung über die Verkaufs- und Klickzahlen, die der Beitrag eingespielt hatte. Und die dürfte – wie immer, wenn es um Landwirtschaft und Tiere geht – für den Spiegel-Verlag höchst erfreulich gewesen sein.

Wer kauft mehr?

Das ist kein Wunder, kaum ein anderes Thema hinterlässt beim landfernen Leser ein so angenehm-gruseliges Gefühl der tiefen Betroffenheit – verrührt mit dem bequemen Selbstbetrug, alles besser zu wissen, aber nicht ändern zu können, und garniert vom beruhigenden Bewusstsein, dass sich eine kleine, klar abgegrenzte Berufsgruppe bestens als Buhmann für den eigenen Weltschmerz eignet. Nach diesem Rezept kocht man sich Leser, auch beim Spiegel.

Also wiegen Redaktion und Vertriebsabteilung ab: empörte Städter gegen wütende Bauern – wer kauft mehr Spiegel-Exemplare? Es ist alles eine Frage des Nutzeffekts.

Analogien in der Politik

Ähnlich übrigens funktioniert das auch in der Politik. Nicht von ungefähr präsentiert Bundesumweltministerin Barbara Hendricks nahezu im Wochenrhythmus neue Ideen, wie Landwirtschaft so viel besser funktionieren könnte, überließe man nur ihr die Entscheidung: Baustopp im Außenbereich, Tierzahlobergrenzen, Exportbeschränkungen, Ökopflicht. Alles bar jeden Verständnisses um Kreislaufwirtschaft, Ernährungssicherheit und Vorzugsstandortveranwortung – aber höchst populär beim urbanen Wählerpublikum.

Und auch hier gilt: Je großflächiger der Rundumschlag und je allgemeingültiger die Vorwürfe, desto weniger werden die pathetischen Thesen infrage gestellt. Gülle vergiftet unser Grundwasser, Nutztiere fristen ein qualvolles Leben, Agrarexporte ruinieren afrikanische Kleinbauern. Wer will da schon widersprechen?

Schäm Dich, Bauer!

Die, die es dennoch tun, werden als Agrarlobby beschimpft und als Lügner in die Ecke gestellt. Schäm Dich, Bauer. Du produzierst Lebensmittel von nie gekannter Qualität auf weniger verfügbarer Fläche denn je und zu unschlagbar günstigen Preisen. Aber Fachkunde beweist das den „echten Experten“ in Hauptstadtredaktion oder Ministerbüro noch lange nicht.

Diskutieren statt protestieren

Bis zum Ende der Grünen Woche dürfen wir wohl noch auf weitere mediale Ausfälle in Richtung deutsche Landwirtschaft gespannt sein. Verkauft sich halt grad gut, das Thema.

Leider ist aber auch danach nicht mit Entspannung und ein bisschen mehr Sachlichkeit in Agrar- und Ernährungsdiskussionen zu rechnen, denn im Vorfeld der Bundes- und mehrerer Landtagswahlen wird wohl noch so mancher Politiker diese Themen für sich und seine Partei entdecken. Da hilft nur durchatmen und diskutieren. Dialog statt Protest. Auch wenn’s manchmal arg schwerfällt.

In diesem Sinne: Wir sehen uns zur „Wir machen Euch satt“-Demo am 21. Januar auf dem Berliner Washingtonplatz. Und vielleicht kommt ja in diesem Jahr auch mal jemand vom Spiegel.

Landwirte demonstrieren unter dem Motto „Wir machen euch satt!“

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