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Kommunikation

Woher kommt die Aggressivität gegen Landwirte?

Wütender Mann im Maisfeld
am Freitag, 17.07.2020 - 11:37 (5 Kommentare)

In der Nähe von Heidelberg wurde eine junge Landwirtin beschimpft und angegriffen. Woher kommt diese Aggressivität und wie kann man ihr begegnen? Einige Empfehlungen aus der agrarheute-Redaktion.

Diese Meldung schockierte dieser Tage die Landwirtschaftsbranche: Eine 20-jährige Auszubildende in einem Obst- und Weinbaubetrieb in Schriesheim nördlich von Heidelberg wurde von einem Fremden aggressiv angepöbelt und massiv beleidigt. Schließlich sprühte der Mann der jungen Frau eine Flüssigkeit ins Gesicht, damit die "Spritzschlampe" – so seine Ausdrucksweise – merke, wie sich Pflanzen fühlten, wenn sie vergiftet würden.

Die Auszubildende blieb zum Glück körperlich unverletzt (offenbar handelte es sich bei der Flüssigkeit nur um Wasser) und konnte sich in Sicherheit bringen. Der Schock saß aber verständlicherweise tief.

Der Angreifer entkam. Jetzt ermittelt die Polizei.

Woher kommt das Verhalten gegenüber den Landwirten?

Dieser Vorgang erschreckt – ähnlich wie die Sabotagen an landwirtschaftlicher Technik, im Maisfeld oder in Viehherden beziehungsweise Tränken. Auch deshalb, weil er so zielgerichtet war und das Opfer offenbar keine Chance hatte, den Vorwürfen des Täters zu begegnen. 

Hier geht es nicht mehr um Dumme-Jungen-Streiche, sondern um geplante, strafrechtliche relevante Taten radikalisierter Landwirtschaftsgegner. Und die scheinen immer mehr um sich zu greifen.

Woher kommt dieser Hass? Und wie reagiert man als Betroffener? Das ist schwer zu beantworten. In akuten Angriffssituationen bringen Kommunikationsversuche in der Regel nichts mehr. Den Aggressoren geht es nicht um die Klärung offener Fragen. Sie wollen nur Frust und Hass an den Mann oder die Frau bringen.

Im vorliegenden Falle mag zudem eine psychologisch-pathologische Komponente eine Rolle spielen. Solange der Täter nicht ermittelt ist, lässt sich zu seiner geistigen Verfassung nichts sagen. Die eigentlichen Ursachen aber liegen im Vorfeld solcher Aktionen. Und sie wirken nicht selten bereits über eine lange Zeit.

Wie wird über Landwirte berichtet?

Eine wichtige Rolle spielen die Medien. Deren teils massiv eingesetztes Negativ-Wording lässt beim Fernseh- oder Zeitungskonsumenten immer weniger Spielraum für Zweifel und Rückfragen zu. Und in vielen Redaktionen wird gerade zu landwirtschaftlichen Themen immer mehr Meinung gemacht als objektiv berichtet.

Ein Beispiel: Sucht man in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen TV-Stationen nach den Schlagworten "Landwirtschaft" und "Acker", bekommt man fast ausschließlich solche Titel gelistet: 

  • "Quarks: Gift auf dem Acker – geht es auch ohne?" (WDR)
  • "[W] wie Wissen: Ackerboden – belastet und bedroht" (ARD-Gemeinschaftsproduktion)
  • "Das tägliche Gilft – Risiko Pestizide" (ZDF)
  • "Gift im Honig, tote Bienen" (BR)
  • "Landwirtschaft ohne Gifte" (SWR)
  • "Planet Wissen: Gute Ernte um jeden Preis?" (SWR)
  • "betrifft: Der stumme Sommer" (SWR)

Die Botschaft ist klar und wird bis zum Erbrechen wiederholt: Konventionelle Landwirtschaft spritzt unkontrolliert und nur aus Gründen der Gewinnmaximierung Unmengen von Gift auf die Äcker und bringt damit Blühpflanzen, Insekten und Vögel um die Ecke. Wer als Bauer verantwortungsvoll arbeiten will, verzichtet einfach auf diese Mittel. 

Das Wort "Pflanzenschutz" wird komplett gemieden. Es gilt in den Publikumsmedien mittlerweile als Euphemismus, also als bewusste begriffliche Verharmlosung und Verniedlichung eines per sé gefährlichen Faktes.

Kommunikation: Sachlich und verständlich bleiben

Wie begegnet man als Landwirt diesem Sperrfeuer aus Schlagzeilen? Eine Möglichkeit sind die sozialen Medien. Denn auch wenn es ermüdend ist: Hier hat man zumindest die Chance, Begrifflichkeiten zu klären und falsche Zusammenhänge aufzudecken.

Ob und wie diese beim Verbraucher ankommen, liegt nicht zuletzt auch am Ton. Es mag unendlich schwerfallen, aber gerade in so stark kontroversen Diskussionen richtet ein einziger verbaler Kontrollverlust oft mehr Schaden an als hundert sachliche Beiträge wieder gut machen können.

Wem also – aus durchaus nachvollziehbaren Gründen – auf Facebook oder Twitter regelmäßig die Nerven durchgehen, sollte sich vielleicht aus derartigen Diskussionen ganz heraushalten. Auch Schimpfkanonaden und Gefühlsausbrüche finden zwar ein wohlwollendes Publikum, aber meist nur in der eigenen Filterblase.

Wichtig ist hier auch das Wording, also die Ausdrucksweise. Dem Laien Fachtermini einzubimsen, geht meist nach hinten los. Anders ausgedrückt: "Gift" lernt und assoziiert sich sehr viel leichter als "Insektizide". Die großen Medien wissen das und arbeiten bewusst (und leider sehr erfolgreich) mit möglichst einfachen Begriffen.

Versuchen Sie also, sachlich und verständlich zu bleiben. Und geben Sie nicht auf! Aggressive Angreifer wie der der jungen Landwirtin in Schriesheim entwickeln sich meist über einen längeren Zeitraum durch einseitige Informationen. Aufhalten kann man sie – wenn überhaupt – nur in der Phase, in der sie sich allmählich radikalisieren.

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