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Diskussionskultur

Kommunikation in der Landwirtschaft: Wie werden wir besser verstanden?

Landwirt im Gespräch
am Donnerstag, 21.05.2020 - 05:00 (1 Kommentar)

Die Landwirtschaftsbranche braucht heute mehr denn je eine gute Kommunikation. Aber woran liegt es, dass wir oft so wenig oder falsch verstanden werden?

Kommunikationsmodell

Landwirte fühlen sich oft missverstanden – von Verbrauchern, NGO-Vertretern, der Politik. Dabei mangelt es doch nicht an Erklärungsversuchen: wozu Pflanzenschutzmittel nötig sind, was Gülledüngung bewirkt oder warum Sauen in Schutzkörben stehen. Hört die andere Seite nur nicht zu? Oder will sie nicht verstehen?

Ein Modell aus der Kommunikationswissenschaft kann ein bisschen klarer machen, woran es hakt beim Verstehen und Verstandenwerden.

Was wir denken und fühlen

Im eigenen Kopf ist alles klar. Die Argumentationsketten stimmen, das Hintergrundwissen sorgt für eine schlüssige Beweisführung.

Nehmen wir ein Beispiel: Pflanzenschutz unterstützt die Pflanze, versorgt sie mit Waffen gegen Schadorganismen, die sie selbst nicht oder – züchtungsbedingt – nicht mehr hat. Der Landwirt kennt die Folgen von Krankheits- oder Schädlingsbefall, weiß, welche Mittel den Schaden minimieren, wie sie dosiert werden, warum sie bei richtiger Anwendung nicht gefährlich sind. Er wägt Risiken und Nutzen ab, vertraut auf wissenschaftliche Untersuchungen und das eigene Können. Es ist sein Fachgebiet, in dem er sich bewegt.

Das Ganze ist also ein komplexes Gebäude aus Wissen und Erfahrung, aus Worten und Gefühlen, das es nun "nur" noch gilt, Fragestellern oder Kritikern zu erklären. Doch genau diese Übertragung "nach außen" ist nicht einfach. Denn dort stehen unserem Landwirt Menschen mit einem ganz anderen Konstrukt aus Wissen, Erfahrungen und Gefühlen gegenüber, denen es in den meisten Fällen ähnlich schwer fällt, sich in eine gegenteilige Position hineinzuversetzen. 

TIPP: Sortieren Sie im Kopf: Was sind objektive, sachliche Daten und Fakten und was beruht auf einem langjährig erworbenen "Grundgefühl" für die Materie, auf eigenen Emotionen, auf einer eigenen Philosophie?

Was wir in Worte fassen können

Nicht alles, was uns selbst logisch scheint und unser Handeln bestimmt, können wir in Worte fassen. Vor allem, wenn es um Gefühle wie Vertrauen oder Angst geht, versagen unsere Ausdrucksmöglichkeiten schnell. Wie macht ein Landwirt seinem Gegenüber klar, warum er sicher ist, dass das Milchvieh sich im neuen Laufstall wohlfühlt? Wie vermittelt man das Gespür für zufriedenes Milchvieh?

Hier und auch beim folgenden Punkt spielt ein weiteres Gedankenkonstrukt aus der Kommunikationswissenschaft eine Rolle: das Eisbergmodell. Dessen Entwicklung geht auf zwei bekannte Psychologen zurück: Sigmund Freud, von dem die Grundidee des Unterbewussten stammt, und Paul Watzlawick, der dieses Konzept in den Bereich der Kommunikation übertragen hat.

Die Grundaussage dieses Modells ist: Die so genannte Sachebene, also Zahlen, Daten, Fakten, ist nur der kleine, "sichtbare" Teil dessen, was wir vermitteln können. Doch verbale Faktenkommunikation ist eben nur die Spitze des Eisbergs. Eine viel größere Rolle spielt die Beziehungsebene, die auf Gefühlen, Erfahrungen und Trieben basiert. Sie erfolgt in der Regel nonverbal, also durch Körpersprache, Mimik, Gestik und auch durch den Ton des Gesagten. Und wir scheitern naturgemäß meist an dieser Ebene, wenn wir nicht direkt oder zumindest mit Sicht- oder wenigstens Hörkontakt kommunizieren.

Mails, Facebookposts und Twitterkommentare können Gefühle und Stimmungen kaum vermitteln. Das weiß jeder, der schon mal verzweifelt im Emoticon-Angebot seines Handys nach dem richtigen Gesichtsausdruck gesucht hat, um anderen klarzumachen, ob eine Bemerkung scherzhaft, freundlich oder verärgert gemeint ist.

TIPP: Machen Sie die Art Ihrer Kommunikation vom jeweiligen Medium abhängig. Ohne nonverbale Möglichkeiten ist es meist besser, sich auf die Sachebene zu beschränken. Emotionen in Worte zu fassen, ist schwer und kommt nicht selten beim Gegenüber falsch an.

Was wir wirklich sagen

Kommunizieren wir also nur auf schriftlicher Ebene, sind unsere Möglichkeiten beschränkt. Umso wichtiger ist es, sich in solchen Fällen prägnant und unmissverständlich auszudrücken. Doch hier folgt die nächste Falle: Wer nur referiert, wirkt belehrend und hat sein Gegenüber oft schon verloren, bevor die Diskussion überhaupt angefangen hat. Wirksamer, wenn auch schwieriger, ist es, eine These in den Raum zu stellen und dann auf Fragen zu reagieren, ohne den anderen abzubügeln, weil er vielleicht die richtigen Fachtermini nicht beherrscht oder ein Foto mangels eigener Erfahrung falsch interpretiert.

Wer eine Sau im Ferkelschutzkorb für Tierquälerei hält, wird seine Meinung kaum ändern, wenn ihm nur um die Ohren gehauen wird, er fände erbärmlich erstickte Ferkel wohl tiergerechter. Wenn wir nur auf der Sachebene kommunizieren können, sollten wir auch sachlich bleiben: Warum junge Ferkel unter die Sau geraten, wie viele Jungtiere so sterben.

Stehen uns auch die nonverbalen Mittel der Beziehungsebene zur Verfügung, sieht das ganz anders aus. Wer einem Kritiker vor Ort ein zerbrechliches neugeborenes Ferkel in die Hand geben und die im Vergleich riesige Mutter zeigen kann, tut sich sehr viel leichter mit der Vermittlung von Fakten und den zugehörigen Emotionen.

TIPP: Bei heiklen Themen ist eine direkte Vor-Ort-Kommunikation vorzuziehen. Selbst wenn es schwierig ist, sich mit den Emotionen des jeweils anderen auseinanderzusetzen, ermöglicht das doch ein sehr viel besseres Verständnis – und zwar auf beiden Seiten.

Was andere tatsächlich verstehen

Egal, wie viel der Sender kommuniziert: Am Ende kann beim Empfänger nur das wirken, was er versteht. Damit ist sowohl das akustische/schriftliche als auch das technische Verständnis gemeint.

Es beinhaltet allerdings nicht zwangsläufig ein Verstehen im Sinne von Einlenken oder Zustimmen. Trotz aller Bemühungen des Absenders einer Botschaft kann und darf das Gegenüber anderer Meinung bleiben. Es ist aber schon viel erreicht, wenn die andere Seite die jeweiligen Standpunkte und Argumente begriffen hat. In einer Diskussion sollte das unbedingt für beide Partner gelten.

TIPP: Je mehr Sie auf Ihr Gegenüber eingehen, desto bessere Chancen auf Verständnis (wenn auch nicht unbedingt auf Einverständnis) haben Sie. "Sieger" in einer Diskussion ist nicht der, der mehr redet. Auch nicht der, der das letzte Wort hat. Der andere hat vielleicht nur entnervt abgeschaltet. Versuchen Sie, sowohl verständlich zu sein, als auch zu verstehen.

Wenn Sie mehr zum Thema Dialog mit Kritikern und Fragestellern wissen möchten, schauen Sie in unser nächstes Magazin. agrarheute 6/2020 befasst sich mit dem Thema, wie wir unsere Kommunikation verbessern können.

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